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Liebe Eltern, es wundert mich gar nicht, dass eure Kinder zu Weicheiern werden

08/11/2017 17:13 CET | Aktualisiert 08/11/2017 17:25 CET

Liebe Eltern,

Eigentlich wollte ich neulich nur meine Nichte von der Grundschule abholen. Doch dann sah ich euch. Und das hat mich ratlos gemacht.

Vor dem Schultor standet ihr, aufgereiht wie Teenager, die auf ihren Star warten. Eure Geländewägen habt ihr auf dem Gehweg geparkt. Damit Max und Sophie auch bloß keinen Schritt zu viel gehen müssen. Immerhin saßen eure Kinder sechs Stunden in der Schule.

Für Kinder, die allein nach Hause gehen mussten, hattet ihr nur einen mitleidigen Blick übrig. Denn euer Max oder eure Sophie müssten nie zu Fuß nach Hause geben. NIEMALS.

Im Video oben: So verziehen Eltern ihre Kinder

Vielleicht sind diese Kinder ihren Eltern aber auch egal, habt ihr gemutmaßt. Wieso sonst sollte man seinem Nachwuchs etwas derart Schreckliches antun?

Und sollte euer Kind doch mal zu Fuß in die Schule gehen müssen - weil ihr zum Yoga müsst - dann gibt es doch auch andere Möglichkeiten. Anstatt das Kind mutterseelenalleine loszuschicken.

Zum Beispiel einen Schulwegbegleiter. Der sitzt an Bushaltestellen, holt euren Nachwuchs ab und bringt ihn in die Schule. Und Retour. Was für ein Service! Und das Beste: ihr müsst dafür nicht einmal etwas bezahlen, denn Schulwegbegleiter werden oft von der Schule finanziert.

Geld, das auch in die Bildung eurer Kinder hätte investiert werden können.

Viele von euch werden sich jetzt auch denken: "Ich will doch nicht, dass ein Fremder mein Kind begleitet. Was da alles passieren kann."

Aber auch für diese unter euch gibt es eine Option: den Schulwegplaner. Dort könnt ihr eurem Kind den sichersten Weg erstellen - ganz leicht online. Und sollte es dennoch mal in eine gefährliche Situation kommen, kann es in einem Geschäft, das auf dem Schulweg liegt, Schutz suchen.

Allerdings nur in Geschäften, die einen Notinsel-Aufkleber vor dem Eingang haben. Ist ja eh klar. Ansonsten könnte euer Nachwuchs ja einfach so in einen Laden gehen und der ahnungslose Mitarbeiter müsste sich darum kümmern. In einer Notsituation. Das macht ja keiner gerne.

Ihr merkt selbst, wie lächerlich das ist, oder?

Sogar die Polizei und der ADAC haben euch schon gewarnt. Denn: Oft seid sogar ihr es, die die Sicherheit vor den Schulen massiv beeinträchtigen. "Je mehr Eltern ihre Kinder zum Unterricht fahren, desto mehr leidet auch die Verkehrssicherheit vor der Schule", schreibt der ADAC in einer Pressemitteilung. Ihr sollt Schulbusse blockieren und oftmals gefährliche Wendemanöver starten.

Die Bochumer Polizei hat die Eltern, "die ihre Kinder am liebsten ins Klassenzimmer fahren würden", kritisiert. Und ihnen die Frage gestellt: Wollt ihr eure Kinder später auch an die Uni fahren?

Das würdet ihr wahrscheinlich am liebsten machen. Zu groß ist eure Angst, dass euer Kind ohne euch nicht klarkommt.

Mathias Voelchert, der Gründer der Familienseite familylab.de, hat diese Entwicklung bei Eltern ebenfalls beobachtet. Und steht ihr kritisch gegenüber.

Liebe ist nicht gleich Kontrolle

"Immer mehr Eltern trauen ihren Kindern immer weniger zu", sagt Voelchert: Das kann die Entwicklung eines Kindes negativ beeinflussen. "Von den Eltern ist es gut gemeint, es führt aber nicht dazu, dass Kinder selbstständig werden".

Liebe werde zu oft mit Kontrolle verwechselt. Auch Eltern können unter ihrer eigenen Erziehungsmethode dauerhaft leiden: "Ich denke nicht, dass Kontrolle der richtige Weg ist. Das tut auch den Eltern nicht gut", erklärt Voelchert.

Voelchert betont aber: "All das ist natürlich nicht zu pauschalisieren. Es gibt Kinder, die brauchen mehr Betreuung auf dem Schulweg, andere nicht."

Aber, liebe Eltern, woher wollt ihr wissen, was euer Kind alles kann? Wenn ihr ihm nie etwas zutraut. Es mit eurer Fürsorge erstickt.

Ich weiß, was meine Nichten können. Das wird mir jeden Tag bewusst, an dem ich sie sehe. Wie damals an der Schule, als ich sie abgeholt habe.

Wisst ihr, was eure Kinder können?

Ich wünsche mir, dass sie meine Nichten keine Angst vor alltäglichen Dingen haben. Dass sie einmal alleine in die Uni oder ins Kino gehen können. Weil ich mir wünsche, dass sie zu selbstbewussten, starken Frauen heranwachsen.

Die sich selbst etwas zutrauen.

Selbst wenn sie einmal hinfallen, werden sie dann auch wieder aufstehen. Sie werden sich selbst ausprobieren.

Meine Schwester hat den Grundstein gelegt.

Euch wünsche ich, dass ihr das selbe tut. Damit eure Kinder nicht zu Weicheiern werden. Denn derzeit sieht es schlecht für sie aus.

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