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Eine neue Spirale der Gewalt in Jerusalem?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JERUSALEM
Ammar Awad / Reuters
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Es ist heiß in den palästinensischen Gebieten in diesen Tagen. Nicht nur die unerträgliche Hitze des Sommers und die stickige Luft machen den Menschen zu schaffen.

Es sind vor allem die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Jerusalem, die Unruhen an den Checkpoints, die Unsicherheit und die Angst, die drückend auf den Städten und Dörfern des Westjordanlandes liegen.

Alle begann vor elf Tagen ...

Es begann alles vor elf Tagen, als drei junge arabische Männer aus der nordisraelischen Stadt Um al-Fahm in der Nähe der Al-Aksa-Moschee in den frühen Morgenstunden ihre Waffen zogen und zwei israelische Polizisten töteten.

Als Reaktion auf die grausame Tat stellten die israelischen Behörden Metalldetektoren vor dem Löwentor auf, durch das die Gläubigen die Altstadt und den Haram-al-Sharif betreten, den heiligen Bezirk, auf dem Al-Aksa-Moschee und Felsendom stehen.

Gewalt und ziviler Ungehorsam


Seither gab es tagtäglich Demonstrationen gegen diese neuen Sicherheitsmaßnahmen, kam es in den Gassen der Altstadt und in den übervölkerten Vierteln Ostjerusalems zu Zusammenstößen mit den israelischen Sicherheitskräften, wurden an den Checkpoints Autoreifen verbrannt.

Die beeindruckende Geste des zivilen Ungehorsams am letzten Freitag, als Zehntausende Palästinenser aus Protest gegen die israelischen Sicherheitsmaßnahmen auf den Straßen und Plätzen Ostjerusalems zum Gebet niederknieten, wurde von Israels Polizei, Grenzschutz und Armee mit Gewalt beendet. Drei junge Männer starben, Hunderte wurden verletzt.

Es drohte eine dritte Intifada

Die Leichen der Toten wurden - noch blutend - aus dem Krankenhaus geschmuggelt und in Windeseile beerdigt. Damit wollte man verhindern, dass Israel, wie in solchen Fällen üblich, die sterblichen Überreste an sich bringt und sie nur gegen strenge Auflagen an die Familien - oft erst nach Wochen - freigibt.

In der gleichen Nacht ermordete ein junger Palästinenser drei Israelis, die sich gerade zum Sabbatessen an den feierlich gedeckten Tisch gesetzt hatten - in der kleinen Siedlung Halamish bei Ramallah im Westjordanland. Die Gewalt eskalierte wieder einmal und drohte, in eine dritte Intifada zu münden, einen neuen Aufstand gegen die Besatzung.

In der letzten Nacht nun wurden die Metalldetektoren wieder abgebaut.

Nach einem blutigen Zwischenfall in einer von israelischen Botschaftsangehörigen genutzten Wohnung in Jordanien und hektischen Beratungen zwischen Amman und Jerusalem entschloss sich das israelische Kabinett widerwillig dazu, dem Rat des eigenen Geheimdienstes, der Sicherheitsexperten und der Armee zu folgen und die Sperren wieder zu entfernen.

In Wirklichkeit ging es um viel mehr als Metalldetektoren ...

Doch es ist fraglich, ob die Gewalt damit wieder eingedämmt und der Geist des Aufstands niedergeschlagen werden kann. Denn bei den Protesten der letzten Tage ging es nur vordergründig um die Metalldetektoren.

... es ging um die Zukunft der Palästinenser

In Wirklichkeit ging es um viel mehr, es ging und es geht um die Zukunft der Palästinenser in Jerusalem, der Stadt, die Israel vor 50 Jahren erobert, widerrechtlich annektiert und zu seiner unteilbaren Hauptstadt erklärt hat, deren Ostteil aber auch die Palästinenser als Hauptstadt ihres zukünftigen Staates beanspruchen.

Was der Grund für die Proteste ist

Mindestens 36 Prozent der Einwohner dieser Stadt sind Palästinenser, doch sie werden seit Jahren marginalisiert und rechtlich und sozial benachteiligt.

In ihrer eigenen Stadt werden sie nur geduldet, sie haben keine vollen Bürgerrechte und können ihren Status als Einwohner Jerusalems jederzeit verlieren.

Ihre Stadtviertel sind vernachlässigt und verschmutzt, kaum an die Infrastruktur angebunden, die Wasserversorgung ist unregelmäßig, die medizinische Versorgung mangelhaft, selbst die Post wird nicht zuverlässig ausgeliefert.

Die Schulen sind schlecht ausgestattet und überfüllt, es fehlen rund 1000 Klassenräume.

80 Prozent der arabischen Einwohner Jerusalems leben inzwischen unter der Armutsgrenze, Kriminalität und Drogensucht bestimmen das Leben.

In manchen Elendsvierteln der Stadt herrschen Banden, denn die israelische Polizei lässt sich hier nicht blicken. Sie kommt nur, um Häuser abzureißen, die ohne Genehmigung gebaut wurden und jugendliche Steinewerfer zu verhaften, die gegen die Hoffnungslosigkeit aufbegehren.

Das also ist der Hintergrund für die Proteste.

Die Metalldetektoren waren nur ein Symbol für die zunehmende Einschränkung der religiösen und nationalen Freiheiten der Palästinenser in Jerusalem.

Die Angst vor einem zweiten Hebron

Die Menschen befürchten, dass ihre Rechte weiter beschnitten werden und dass die Altstadt zu einem zweiten Hebron wird.

In dieser uralten Stadt nämlich im südlichen Westjordanland, die Juden und Muslimen heilig ist, leben rund 500 extremistische Siedler unter 200.000 Palästinensern.

Um ihre Sicherheit zu gewährleisten wurde ein belebter Markt stillgelegt und wurden ganze Straßenzüge entvölkert. Die wenigen Palästinenser, die noch in der Altstadt Hebrons ausharren, sind strengen Beschränkungen unterworfen. Sie dürfen ihr Viertel nur zu Fuß betreten, müssen dabei regelrechte Sperranlagen passieren, und manche Straßen sind ihnen ganz verboten.

Den häufigen Angriffen der Siedler und den nächtlichen Razzien der Armee sind sie schutzlos ausgeliefert. Das ist das Szenario, das den Palästinensern von Ostjerusalem vor Augen steht. Das ist es, was sie in ihrer Stadt verhindern wollen.

Auch die Palästinenser haben eine Anspruch auf Freiheit und Selbstbestimmung

Darum gehen sie in diesen heißen Sommertagen auf die Barrikaden: 50 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg, 50 Jahre nach Beginn der Besatzung kämpfen sie - wütend und verzweifelt - gegen ihre Entrechtung und Enteignung, gegen ihre Verdrängung und Marginalisierung, gegen die täglichen Demütigungen.

Denn auch sie, die Palästinenser, haben einen Anspruch auf Selbstbestimmung, auf Freiheit und Entfaltung, kurz: auf einen eigenen Staat, friedlich und demokratisch, an der Seite Israels mit Ostjerusalem als Hauptstadt.

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