Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Bettina Marie Schneider Headshot

Allein unter Blinden: Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CITACIEGAS
Getty Images
Drucken

Manchmal denke ich, ich lebe in einer völlig anderen Welt, als die meisten anderen Menschen, die ich kenne.

Manchmal beneide ich diese Menschen um ihre Gabe, das Offensichtliche nicht zu sehen. Aber tauschen möchte ich nicht mehr mit ihnen, selbst wenn ich das könnte. Denn ich möchte nie mehr so sein, wie sie. So blind...

Hat man einmal die „rote Pille" geschluckt, hat man einmal die Matrix gesehen, wie sie jenseits von traditionellen Überlieferungen und Werbelügen aussieht, dann gibt es kein Zurück mehr. Dann bleibt nur Betroffenheit, Trauer, Wut und der leidenschaftliche Wunsch, etwas zu verändern. Der Drang, dem Rest der Welt die „rote Pille" in den Hals zu stopfen, damit sie aufwacht und erkennt.

Menschen bedeuten mir nicht mehr und nicht weniger als andere Mitgeschöpfe. Ich finde sie nicht automatisch „wertvoller", nur weil sie auf zwei Beinen gehen und den Daumen benutzen können.

Diese Wahrnehmung, die keine Nutztiere sieht, keine Lebensmittel, keine Arbeitsgeräte, keine Messinstrumente, auch keine Sportgeräte oder Schauobjekte sondern einzig fühlenden und leidende Lebewesen, verändert den Blick auf die Mitmenschen. Ich muss gestehen, es ist oft kein liebevoller Blick!

Ich leide mit ihnen

Ich sehe jeden Tiertransporter, wenn er seine elende Fracht über die Autobahnen karrt und frage mich, wann die Tiere das letzte Mal etwas gegessen oder getrunken haben, wie viele wohl bereits verletzt und mit schmerzhaften Wunden angekettet oder eingezwängt sind.

Ich leide mit ihnen, besonders an sehr kalten und sehr heißen Tagen, wohl wissend, dass sie unter Kälte und Hitze genauso leiden, wie wir. Warum fahren die meisten achtlos daran vorbei?

Die stechenden und aufdringlichen Gerüchen in der Putz- und Waschmittel Abteilung des Supermarktes, rufen mir immer unwillkürlich die Bilder der grauenhaften Tierversuche ins Gedächtnis.

Ich schaudere bei dem Gedanken, dass man einem Tier diese Substanzen gewaltsam in den Rachen stopft, die Augen damit verätzt oder als Infusion in den Bauchraum leitet, um dann den Grad der Zerstörung zu dokumentieren. Warum stellen nach wie vor so wenige Verbraucher bei der Auswahl der Produkte diesen Zusammenhang her?

Ich sehe den Hunger und das Elend der Stadttauben, die ich heimlich füttere. Ich weiß, wie schwer das Überleben für diese ausgesetzten Haustiere ist, wie sie gejagt und ausgehungert werden. Ich sehe, wie sie mit eingeschnürten Zehen oder abgestorbenen Füßchen auf Stumpen humpeln, immer verzweifelt auf der Suche nach etwas Nahrung.

Ich sehe auch die Mütter, die ihre Kinder nicht davon abhalten, diese bedauernswerten Wesen zu treten und zu jagen und frage mich, warum sie so blind und gefühlskalt handeln.

Wer zahlt eigentlch wirklich den Preis für die Milch?

Ich sehe beim Vorbeifahren die Kühe ohne Schattenplatz auf der Weide in der prallen Sonne stehen und die Kälbchen, die in ihren Plastikboxen hinter dem Großraumstall separiert sind. Ich höre sie sogar bei offenem Autofenster nach ihrer Mutter jammern und frage mich, warum sich so viele für den Milchpreis interessieren, aber nicht dafür, wer eigentlich den Preis für ihre Milch bezahlt.

Es ist mir völlig unbegreiflich, wie man seinen Urlaub genießen kann, wie man entspannt im Strandrestaurant speist, während in Sichtweite halbverhungerte, ausgemergelte Hunde und Katzen um ein paar Brocken Futter betteln. Selbst Menschen, die ihre eigenen Haustiere vergöttern, sind meist blind für das entsetzliche Leiden der Tiere in vielen Urlaubsorten oder nehmen das Elend mit einem Achselzucken als eine Art "Folklore" zur Kenntnis.

Ich sehe bei meinen Spaziergängen die winzigen Hasenkäfige, wo die bewegungsfreudigen Tiere ein Leben auf wenigen Quadratzentimetern vegetieren, weil sie als Kinderspielzeug ausgedient haben und möchte die Besitzer am liebsten nur einen einzigen Tag unter diesen Bedingungen einsperren, die sie dem Tier für ein ganzes Leben zumuten.

Ich frage mich, wie sie so blind für deren Bedürfnisse sein können, die sie mit ihrer „tierliebe" meist nicht nur zu „Lebenslänglich" verurteilt haben sondern auch noch zur „Einzelhaft".

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Und natürlich sehe ich jetzt im Winter wieder auf Schritt und Tritt Menschen, die Pelz tragen. Menschen, denen das unsägliche Leid bekannt ist, das sich hinter diesem völlig überflüssigen modischen Beiwerk verbirgt.

Menschen,denen es gleichgültig ist, ob ein intelligentes, fühlendes Lebewesen für ihre Eitelkeit grausam zu Tode gefoltert wurde. Weil sie es sich wert sind. In diesem Fall stelle ich mir keine Frage. ich weiß, was ich von diesem Menschen zu halten habe.

Die Liste ist schier endlos! Unübersehbar, überall direkt vor unseren Augen...

Umgeben von Menschen, die blind und ignorant an all diesen kleinen und großen Dramen des Leids und der Folter vorüber gehen, fühlt man sich manchmal nicht nur ziemlich wütend sondern auch ziemlich verloren.

Wie kann ich versuchen, eine Welt zu verbessern, in der die meisten nicht einmal in der Lage sind zu erkennen, dass sie verbessert werden muss? Ich habe leider keine Antwort, ich weiß nur, dass wir Sehenden nicht aufhören dürfen, es zu versuchen. Ich wünschte, wir hätten wirklich die roten Pillen aus der Matrix ...und dann einfach ins Trinkwasser mischen...

Auch auf HuffPost:

Stephen Hawking nennt die größten Gefahren für die Menschheit

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: