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Warum Würmer unglaublich wichtig sind

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RAINWORM
redstallion via Getty Images
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Nein, das ist nicht geprahlt! Gemessen an meiner Körpergröße bin ich tatsächlich eines der stärkste Tiere der Erde! Bei meiner Hauptbeschäftigung, dem Graben, stemme ich locker das 50 - 60 -fache meines eigenen Körpergewichts. Meistens wird mein Anblick mit einem verächtlichen „iihhh" quittiert, dabei wäre ein bewunderndes „oohhh" viel angebrachter! Aber ehe ich mehr über mich erzähle, würde ich mich gerne vorstellen. Ich bin ein Regenwurm, ein Lumbricus terrestris. Am wohlsten fühle ich mich in Wiesen und Gärten und einen besseren Untermieter im Garten als mich, kann man sich eigentlich nicht wünschen!

Öko-Ingenieur, perfekter Dünger und Gärtnergehilfe

Ich erledige gratis die lästigen Umgrabearbeiten, bis zu drei Meter tief in die Erde, kompostiere altes Laub und dünge mit meinem nährstoffreichen Kot den Garten. Ich belüfte den Boden und schichte Nährstoffe von unten nach oben um. Durch meine vielen Regenwurm-Gänge kann sich keine Nässe stauen sondern die Erde saugt den Regen auf. Alles wächst und gedeiht daher leichter, wo ich am Werk bin.

Essen und Graben sind meine große Leidenschaft! Genau genommen grabe und esse ich eigentlich ununterbrochen! Jeden Tag fast die Hälfte meines Eigengewichts. Bis zu 20 Blätter ziehe ich jede Nacht in meine Gänge und klebe sie mit meinem Schleim fest. Ich besitze keine Zähne, daher warte ich, bis Pilze und Bakterien die Pflanzenteile mundgerecht für mich vorbereitet haben. Sobald die Pflanzenteile verrottet sind, kann ich den Brei mühelos aufnehmen und verdauen. Dabei nehme ich auch immer größere Mengen Erde mit auf. In meinem Darm wird alles mit Pilzen und Bakterien vermischt. Meine Regenwurmhäufchen sind daher der beste und nährstoffreichste Dünger für jeden Garten!

Genial angepasst!

Mein Körperbau ist für diese verantwortungsvollen Aufgaben perfekt angepasst.
Stellt ihn euch wie einen etwa 12 -30 cm langen, elastischen Schlauch vor, der mit Wasser gefüllt ist und dabei von Längs- und Ringmuskeln gestützt wird. Ich besitze zwar keine Augen aber kann hell und dunkel unterscheiden. Lichtempfindliche Zellen, die über meinen gesamten Körper verteilt sind, leiten diese Info an mein Gehirn weiter. Zur Fortbewegung benötige ich keine überflüssigen Gimmicks wie Beine, Flossen oder Flügel. Ziehen sich meine Ringmuskeln zusammen, werde ich dünn und lang. Aktiviere ich die Längsmuskeln werde ich dick und kurz. Das abwechselnde Strecken und Zusammenziehen meiner Körperabschnitte bringt mich vorwärts und die kurzen Borstenpaare an jedem Segment verhindern, dass ich dabei wieder zurück rutsche. Die Borsten sind bei allen Grabearbeiten äußerst praktisch, ich kann sie sogar wie Spikes in den Boden stemmen.

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Viele Menschen glauben übrigens tatsächlich noch, dass sich aus einem in der Mitte getrennten Regenwurm, zwei neue entwickeln würden. Aber dann müsste ein Teil des Wurms mit seinem Hinterteil essen. Das ist also Unsinn! Nur das Ende mit den lebenswichtigen Organen lebt weiter, und kann nachwachsen. Selbst das funktioniert nur selten, denn ein verletzter Regenwurm wird meist Opfer von Bakterien und Pilzen.

Feucht und Dunkel!

Sonne und Trockenheit sind meine größten Feinde. Das hat mit meiner Atmung zu tun. Ich brauche einen bestimmten Feuchtigkeitsgehalt, denn die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlenstoffdioxid erfolgen bei mir durch die dünne, immer etwas feuchte und schleimige Haut. Ich bin ein Hautatmer! Sonneneinstrahlung trocknet meine Haut aus und die Atemluft kann sie dann nicht mehr passieren. Ich würde qualvoll ersticken. Daher meide ich den Tag und die Sonne und fühle mich in feuchten Böden am wohlsten.

Da meine Art so aktiv und fleißig ist, nannte man uns im 16. Jahrhundert „reger Wurm". Warum man später daraus „Regenwurm" gemacht hat? Keine Ahnung! Vielleicht weil wir bei Regen an die Erdoberfläche kommen. Wir ertrinken aber nicht gleich. Die Natur hat es so eingerichtet, dass ich notfalls auch in Böden überleben kann, die sehr lange überschwemmt sind, aber Regen irritiert und es ist die beste Art, mich an die Oberfläche zu locken. Das tue ich sonst meist nur in der Nacht, da UV Licht mich umbringt, wenn es nicht eine hungrige Amsel tut, denn ich bin nicht nur begnadeter Gärtner sondern auch ein äußerst beliebtes Nahrungsmittel in der Tierwelt. Falle ich keinem dieser Unfälle zum Opfer, kann ich etwa zwei Jahre alt werden, aber auch deutlich älter.

Wir sind viele - und das ist gut so!

Praktischerweise besitzen wir Regenwürmer sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane. Trotzdem müssen sich immer zwei Tiere paaren, denn wir begatten uns wechselseitig. Wir sind sehr vermehrungsfreudig und wir sind viele! Man schätzt, in jedem qm Boden leben etwa hundert Regenwürmer. Genau hat es noch niemand nachgezählt, es gibt einiges, was ihr Menschen noch nicht so genau über uns wisst. Unter anderem, wie viele wie wirklich sind.

Aber je mehr es von uns gibt, desto besser! Wir sind nicht nur stark sondern wahre Ökosystem-Ingenieure und leisten einen wertvollen Beitrag für die Landwirtschaft, ja für alle Pflanzen auf diesem Planeten. Dumm, dass das kaum jemand zu schätzen weiß!

Falls du nach dem nächsten Regen einen Wurm siehst, der gerade hilflos austrocknet, dann nimm ihn einfach und bringe ihn wieder an einen Ort, wo er zurück in die schützende Erde kann.

Mehr zum Thema: Bis zu 18 Tiere im Garten: Österreicher kämpfen mit Schlangen-Schwemme

Das Wichtigste zum Schluss! Bitte lasst die Finger von den Pestiziden im Garten und auf den Feldern! Schon einmalige Anwendung dieser Substanzen kann uns umbringen. Die moderne Landwirtschaft bekommt uns nicht besonders gut! Ammoniak, in der Düngung mit Gülle, verätzt unsere empfindliche Haut. Die intensive maschinelle Bodenbearbeitung zerstückelt uns und das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat vermindert unsere Fortpflanzung! Auch Monokulturen bedeuten für uns eine erschwerte Lebensgrundlage, denn werden die Äcker gesäubert, verhungern wir Würmer.

Mehr als die Hälfte der insgesamt 46 Wurmarten, die es in Deutschland gibt, werden bereits als „selten" oder sogar „extrem selten" eingestuft. Zum Teil ist unsere Anzahl bereits unter 30 Tiere pro Quadratmeter gesunken! Der Durchschnitt lag einmal bei rund 120 Exemplaren. Ich und alle meine Artgenossen mögen unscheinbar auf dich, wirken aber eines ist sicher:
Irgendwann werdet ihr Menschen uns sehr vermissen!

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