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Ein offener Brief an eine Syrerin in Deutschland

13/11/2015 08:49 CET | Aktualisiert 13/11/2016 11:12 CET
Adam Hester via Getty Images

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Liebe N.,

als wir uns via Facebook kennen lernten, habe ich mich zunächst eigentlich mehr für Deine Katze interessiert. Im Rahmen unseres Projekts, die Facebook Gruppe "Help for Refugees with Pets", zurück gelassenen syrischen Haustieren Überlebenshilfe zu ermöglichen, waren wir auch für Deine Katze Mimi aktiv, die Du in Syrien zurück lassen musstest.

Ich wusste bereits, dass Du wegen einer chronischen Bluterkrankung die Heimat verlassen musstest, weil es dort bedingt durch den Krieg, keine angemessene medizinische Versorgung mehr für Dich gibt.

Man hatte mir berichtet, dass Du diese lange, beschwerliche Flucht zu Fuß allein mit deiner Mutter gemeistert hast, dass Du eine junge Studentin bist und Dich nun in einem Lager in Deutschland befindest.

Dein Herzenswunsch, Deine geliebte Katze Mimi wiederzusehen, die Du als Baby gefunden und mit der Flasche liebevoll aufgepäppelt hattest, und die nun in Syrien in einer Sammelstelle für verlassene Haustiere notdürftig versorgt wurde, schien unerfüllbar.

Aber dieser Wunsch ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich wusste ohne große Erklärung, was sie Dir bedeuten musste, als ich die gemeinsamen Bilder von Euch beiden erhielt, einige davon an Deinem Krankenbett aufgenommen, die Katze im Arm.

Ich bat um Deine Kontaktdaten, schrieb Dich über Facebook an, wir tauschten uns aus und bereits nach kurzer Zeit schien es, als würden wir uns ewig kennen. Längst sind wir so etwas wie Freundinnen. Etwas ungleiche Freundinnen, denn uns trennen einige Jährchen, Religion und Kulturkreis. Aber who cares?

Ich mag

...Deinen Humor, wenn Du die Zustände im Lager beschrieben hast. Mir verging dabei oft das Lachen, allein bei der Vorstellung, wie es sein mag, ohne jede Privatsphäre, monatelang in einer riesigen Halle, mit Hunderten von fremden Menschen und verdreckten Toiletten und Sanitäranlagen sein zu müssen.

Ich hatte die Fotos gesehen, wie Du in Syrien gelebt hast und es hat mich immer beschämt, Dich bei uns so würdelos untergebracht zu wissen.

...Die Wärme in Deinen Worten, wenn Du von Tieren, Dir nahen Menschen, dem Leben im allgemeinen schreibst. Bei all den Verlusten, Heimat, Familienangehörige, Studienplatz, Freunde, Haus, Mimi, bist Du nicht verbittert, beschwerst Dich nie sondern schaust hoffnungsvoll und positiv in die Zukunft.

...Dein erstaunliches Talent und Dein Mut, Dich zurecht zu finden, wenn Du zu Ärzten, Krankenhäusern, Behörden musst. All das in einer fremden Stadt, in einer fremden Kultur, meist allein, niemand spricht Deine Sprache, niemand ist wirklich für Dich zuständig, weil alle Stellen überlastet sind. Du sorgst trotzdem auch noch rührend für Deine Mutter und jeden anderen, der Deine Hilfe braucht.

...Deine Gabe, einen freudlosen Ort auch mit kleinen Details ein wenig "heimelig" zu gestalten. Auf meine Frage, was Du Dir für die neue, winzige Einzimmer Unterkunft wünscht, die mit ihrem schmucklosen Interieur und dem Metall Stockbett für Dich und Deine Mutter eher an eine Zelle als an eine Wohnung erinnert, hast Du geantwortet, ...einen Blumentopf und Erde, in dem Du Samen ansäen könntest.

Du hast Dir Rosenranken auf die Tapete gezeichnet und so den ganzen Raum verwandelt. Ich wünsche Dir so sehr, dass Du irgendwann wieder eine "richtige Wohnung" beziehen wirst und dann nach Herzenslust dekorieren kannst.

...Deine Geduld, mit der Du die Einschränkungen und Beschwerden deiner Erkrankung hinnimmst und dabei trotzdem so viel Elan und Lebensfreude versprühst. Mit dieser Haltung wirst Du dein Studium hier bestimmt bald erfolgreich zu Ende bringen und vielleicht gibt es auch irgendwo in der Zukunft eine heilende Behandlung.

Ich bedaure sehr, dass wir so weit auseinander wohnen, besonders wenn ich erfahre, wie herablassend Du oft behandelt wirst, denn dann schäme ich mich für meine Landsleute und würde Dir gern beistehen.

Du sollst wissen: Du bist nicht allein!

Du hast Freunde hier in Deutschland, die Du bald auch besuchen kannst, sobald Dein Asylantrag aufgenommen ist und Reisen über die Grenzen deines Landkreises möglich sind.

Und jetzt verrate ich Dir etwas: Wir haben es tatsächlich geschafft! Du wirst Mimi bald wiedersehen!

Dank der engagierten Unterstützung einiger wunderbarer, großzügiger Menschen, ist die "Mission Impossible" schließlich doch möglich geworden.

Ab heute ist deine Mimi in Deutschland und wartet in ihrer liebevollen Pflegestelle darauf, dass Du sie irgendwann ganz zu dir holen darfst...Dann ist zwar das "Mimi Projekt" erfolgreich beendet aber unsere Freundschaft beginnt erst richtig, nicht nur via Facebook, Telefon und WhatsApp sondern persönlich ...und darauf freue ich mich!

Herzlichst

Deine Bettina

PS:

All meinen lieben Mitstreitern in Sachen Mimi Projekt 1000 Dank, Ihr seid wunderbar!

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