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Cannabis ist nicht ungefährlich, aber ungefährlicher als Alkohol

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OKTOBERFEST
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Es war am Münchner Oktoberfest, mein erster (und garantiert letzter) Besuch auf der Olympiade der Komasäufer, als ich die sichtbaren Erfolge der strengen und verantwortungsbewussten Drogenpolitik Bayerns wieder einmal so richtig schätzen lernte.

Ich persönlich habe seit langem ein kleines Alkohol Problem. Mir schmeckt Alkohol nämlich nicht besonders, bzw. nur sehr selektiv. Um genau zu sein, ausschließlich frisch gemixte Pina Coladas (Sommer) oder handgewürzter Glühwein (Winter), was den Konsum auf den meisten Veranstaltungen gegen Null eingrenzt.

Mein Problem besteht also darin, ein freundliches aber bestimmtes Nein durchzusetzen, ohne dabei gut meinende Gastgeber und spendable Wirte vor den Kopf zu stoßen, die das obligatorische Glas Wein, Schnaps oder Sekt förmlich aufdrängen, was manchmal echt anstrengend ist. Feiern, Gastfreundschaft und Alkohol ist für die meisten Menschen untrennbar miteinander verknüpft und es ist nicht nur in Bayern ein ziemlicher Fauxpas, in lustiger Runde eisern an der Apfelschorle festzuhalten.

Am Oktoberfest wird
, ich habe das gründlich nachgeprüft :-), weder Pina Colada noch Glühwein ausgeschenkt, dafür aber allein im letzten Jahr satte 7.400.000 Liter Bier, und wie es aussah, hatten an diesem Spätnachmittag außer mir und ein paar Kindern alle Besucher ihren Anteil davon bereits intus.

Man hatte mich vorgewarnt. Aber es sind zwei paar Stiefel, davon zu hören, dass auf einer Veranstaltung, mit diesem gigantischen Bierumsatz auch viele Betrunkene anzutreffen sind oder ob man selbst, nüchtern und hautnah, das kollektive Besäufnis vor Ort beobachten darf. Ab einer gewissen Uhrzeit gibt es nur noch die Wahl, sich in einem der Zelte im Minutentakt anrempeln, vollschütten oder antatschen zu lassen.

Ein Hindernislauf über Erbrochenes

Stichwort „ Ein Prosit , ein Pro-ho-sit...der Gemütlichkeit " oder auf der Flucht vor Helene Fischer und grantigen Bedienungen, draußen auf dem Gelände eine Runde zu drehen. Nur um dort, vom Regen in die Traufe geraten, einen Hindernislauf über Erbrochenes und Abfall zu starten, buchstäblich über die zahlreichen Alkohol-Leichen zu stolpern, die malerisch verstreut auf dem Gelände herum kriechen oder liegen und die dank Granatenrausch weder Motorik noch Körperfunktionen mehr im Griff haben.

Auch der Versuch, gebrannte Mandeln zu kaufen, gestaltete sich schwierig, da der Kunde vor mir darauf bestand, jetzt und sofort, eine Million Tüten zu erwerben. Eine Million Tüten voller Mandeln und keine, aber auch keine einzige weniger, alle abgezählt, und er wollte so lange dort am Verkaufstresen festgeklammert ausharren, bis die dämliche Verkäuferin seinen Wünschen nachgekommen ist. So jedenfalls brüllte er immer wieder über das gesamte Gelände hörbar, seine Bestellung.

Ich verstand ihn gleich beim ersten Mal deutlich, denn ich stand ja genau hinter ihm. Meine Begeisterung hielt sich in engen Grenzen und mit einem mitleidigen Blick für die geduldige Mandelverkäuferin zog ich entnervt eine Bude weiter und steuerte den nächsten Verkaufs Tresen an.

Währenddessen arbeitete um mich herum emsig die perfekte Maschinerie des Betreuten Trinkens. Fein heraus geputzt strömten die Mengen in die Bierzelte, die Betrunkenen wurden von den (noch) Nüchternen ignoriert, die Alkohol-Leichen dezent und gut organisiert ins Rote Kreuz Zelt entsorgt oder gleich ab in die Notaufnahme verbracht. Erbrochenes wurde zusammengekehrt und Scherben aufgesammelt. Offensichtlich tägliche Routine, professionell abgespult für die „riesen Gaudi„ und die aus aller Welt angereisten Trink Touristen in ihren malerischen Trachten.

Nicht nur ich hatte den unverkennbaren Geruch nach Marihuana bemerkt

Auf der Suche nach einem ruhigeren Eckchen, wo ich möglichst ungestört die Zeit bis zur Abholung überbrücken könnte, fand ich hinter den Fress-Buden ein Stück Wiese. Die war bereits von einer Gruppe junger Spanier belagert. Nach den Rauchschwaden zu urteilen, die zu mir herüber wehten, waren deren Selbstgedrehte Zigaretten Gras, Marke Eigenbau und augenscheinlich hatte nicht nur ich den unverkennbaren Geruch nach Marihuana bemerkt.

Ein sichtlich angetrunkener Passant wankte auf die entspannt plaudernden Jugendlichen zu, gestikulierte aufgebracht und schrie „Wegsperren sollt ma Euch, ihr elendes Kiffer G´sindel, des is a anständige Wiesn, verschwinds mit euerm Dreckszeug oder trinkts lieber a ´gscheite Maß!"

Sichtlich zufrieden mit seiner moralischen Ansprache drohte er nochmals mit der Faust und stapfte mit Schlagseite weiter, Richtung Festzelt. Als Antwort auf die fragenden Blicke der so Getadelten, die nicht ein einziges Wort verstanden hatten, dolmetschte ich mit einer internationalen Geste, nickte in Richtung des Moralpredigers, tippte mir mit dem Finger gegen die Stirn und murmelte ...loco..."verrückt", denn genau das ist diese scheinheilige Unterteilung der Genussmittel in „Gute„ und „Böse" Drogen: Verrückt !

600 dokumentierte Alkoholvergiftungen und 36 Masskrug-Schlägereien pro Jahr

Geht es um Alkohol, bleiben wir beim Beispiel Oktoberfest, dann fallen 600 dokumentierte Alkoholvergiftungen, 36 Masskrug-Schlägereien (pro Jahr, wohlgemerkt), selbst die immer wieder vorkommenden Todesopfer durch Alkoholgenuss allesamt unter den Begriff „Traditionspflege". Politiker lassen sich stolz beim Bieranstich fotografieren, mit einer Maß in der Hand und dem Brauerei Logo im Hintergrund. Der Grüne Politiker Özdemir konnte sich den Gag mit der Hanfpflanze im Hintergrund seiner Ice Bucket Challenge nur erlauben, weil er sicher sein konnte, dass in Berlin bei diesem Delikt gerne ein Auge zugedrückt wird.

Ganz anders sieht die Sache im Freistaat aus, wenn es um Cannabis geht. Wo in manchen Bundesländern die bestehenden Gesetzesregelungen bereits laxer gehandhabt werden, versteht man im Freistaat absolut keinen Spaß, geht es darum „gefährliche Drogen", in diesem Fall die getrockneten Blütentrauben und Blätter der weiblichen Hanf Pflanze, umgangssprachlich Gras genannt, zu bekämpfen.

Täglich gibt es Schlagzeilen von Cannabis Razzien, Führerscheine werden entzogen, oder Strafen verhängt für Mengen, die so winzig sind, dass nicht einmal die Polizei-Waage sie erfassen kann. Im Falle einer Lehrerin, bei der man eine verschwindend kleine Restmenge an einem Zigarettenpapier gefunden hatte, liest sich der Sachverhalt folgendermaßen:

„So winzig, dass die ungeeichte Waage auf der Hersbrucker Inspektion überfordert war. Der Polizist vor Gericht: „Die Menge war verschwindend gering. Wir haben uns aufgrund der Messungenauigkeit darauf geeinigt, solche Mengen mit 0,01 Gramm anzugeben. Es hätten aber auch 0,001 Gramm sein können." Besagte Lehrerin wurde übrigens zu einer Geldstrafe von 700 € verurteilt, und ihren Führerschein war sie ebenfalls los. Abschreckung muss sein!

Alkohol wirkt auf den Botenstoffwechsel im Gehirn

Dabei schneidet Alkohol wesentlich ungünstiger als Cannabis ab, wenn man Toxizität, Suchtpotential und allgemeine Risiken miteinander vergleicht. Alkohol wirkt auf den Botenstoffwechsel im Gehirn und wird in der Leber als Zellgift erkannt und dort so schnell wie irgend möglich, mit Hilfe von Enzymen abgebaut und umgewandelt. Bei diesem Prozess entsteht unter anderem Azetaldehyd, äußerst schädlich, sehr giftig und es zeichnet für Schädigungen im gesamten Körper verantwortlich. Es greift die sensiblen Zellmembranen an und verursacht auch indirekt Schäden, indem es wichtige Enzymsysteme hemmt.

Bei weiteren Umwandlungsprozessen in der Leber entstehen noch mehr potentiell schädliche Verbindungen, die den Organismus belasten. Jugendliche sind übrigens besonders anfällig, denn Enzyme, die den Alkohol in der Leber abbauen, sind bei ihnen in geringerer Menge vorhanden und bedingt durch das meist geringere Gewicht ist die Blutalkoholkonzentration automatisch höher. Hinzu kommt, das die Gehirnentwicklung erst im 20 Lebensjahr vollendet ist, bis dahin sind die grauen Zellen anfälliger für Schädigungen und Gifte jeglicher Art.

Obwohl die Wirkungsweise von Alkohol hinreichend bekannt ist, kurz die Zusammenfassung der einzelnen Stadien: Ab einem Blutalkoholwert von 0,5 Promille macht sich bemerkbar, dass die Schaltzentrale für Kontrolle im Gehirn in ihrer Funktion gestört wurde. Je mehr Alkohol man zu sich nimmt, desto mehr fallen die Hemmungen, man fühlt sich selbstbewusst, ist je nach Temperament zunehmend scham- oder rücksichtslos, und überschätzt die eigenen Fähigkeiten.

Mit steigendem Blutalkoholwert von 1 bis 2 Promille werden weitere Hirnfunktionen beeinträchtigt. Reaktionsfähigkeit, Motorik, Artikulation, Urteilsfähigkeit und das Gleichgewicht sind bereits stark in Mitleidenschaft gezogen, Emotionen und Verhalten verändern sich. Man wird zunehmend verwirrt und desorientiert. Es setzen Stimmungsschwankungen und Schläfrigkeit ein.

Ab einem Blutalkoholwert von 3 Promille kann eine erwachsene Person ins Koma fallen

Größere Mengen Alkohol führen zum sogenannten Betäubungsstadium. Mit etwa 2 bis 2.5 Promille im Blut sind Kleinhirn und Großhirn bereits so stark beeinträchtigt, dass nur noch die lebenserhaltende Körperfunktionen reibungslos ablaufen. Ab einem Blutalkoholwert von 3 Promille kann eine erwachsene Person ins Koma fallen. Die Körpertemperatur ist deutlich erniedrigt, die Atmung schwach, was sich bis zu Atemlähmung steigern kann, und tödlich enden. Chronischer Alkoholkonsum kann zu schweren hirnorganischen Schäden führen, Depressionen und Psychosen können eintreten.

Die wirksamste Substanz in Cannabis ist Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Cannabinoide haben ein sehr breites Wirkungsspektrum. Vor allem das Kurzzeitgedächtnis, die motorische Koordination, aber auch vegetative Vorgänge wie die Verdauung sind betroffen. Die meisten Untersuchungen berichten, dass Cannabis keine toxische Wirkung auf das Gehirn hat und alle genannten Veränderung bei Erwachsenen reversibel sind. Kurz vor dem Rausch hat die Substanz eine entspannende Wirkung meist verbunden mit Wohlbefinden, leichter Euphorie und gesteigertem Appetit.

Todesfälle im Zusammenhang mit Cannabis Konsum sind weltweit nicht erfasst

Cannabis beeinflusst die Wahrnehmung, lindert Schmerzen, entspannt die Muskeln und verstärkt Gefühlszustände und Sinneseindrücke. Entfernungen und Geschwindigkeit werden anders empfunden. Konzentration und Reaktion sind beeinträchtigt. Doch auch ein gestörtes Kurzzeitgedächtnis, Angstgefühl und Halluzinationen sind möglich. Todesfälle im Zusammenhang mit Cannabis Konsum sind weltweit nicht erfasst.

Im Gegensatz zu fast allen psychoaktiven Stoffen, wie z.B. Koffein, Nikotin, Kokain, Alkohol, etc., ist THC in Marihuana nicht toxisch, was bedeutet, die körperlichen Auswirkungen des Cannabisgebrauches sind relativ gering. Herz und Kreislauf sind nicht beeinträchtigt, wenn auch der Puls oft beschleunigt wird.Wissenschaftliche Beweise dafür, dass der Konsum von Cannabis sowohl bei der Fortpflanzung als auch im Immunsystem Schäden hervorruft, sind bislang nicht vorgelegt worden.

Über den genauen Zusammenhang zwischen der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Persönlichkeitsstörungen und Psychosen und dem Konsum von Cannabis wird noch diskutiert. Dass Alkohol großes Suchtpotential birgt, sowohl körperlich als auch psychisch, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Zur Zeit gibt es in Deutschland etwa 1.3 Millionen Suchtkranke Alkoholiker, die Dunkelziffer könnte um ein Vielfaches höher liegen.

Die Zahl der regelmäßigen Cannabis Konsumenten wird auf ca. 3-4 Millionen geschätzt, davon ca. 300.000 Abhängige. Körperliche Entzugserscheinungen sind bei Cannabis, anders als bei Alkohol und harten Drogen, praktisch nicht zu beobachten, wohl aber psychische, denn wie bei jeder Droge ist im Gehirn abgespeichert, was als angenehm empfunden wurde und verlangt nach Wiederholung.

Cannabis ist nicht ungefährlich, aber ungefährlicher als Alkohol

Alkohol und Cannabis, beides Drogen, bewusstseinsverändernde Substanzen, mit Gefahrenpotential und Risiken. Trotzdem sind sich mittlerweile die meisten Wissenschaftler und Suchtforscher einig: Cannabis ist nicht ungefährlich, aber ungefährlicher als Alkohol.

Warum dann der Konsum, der Besitz und das Handeln mit Alkohol gesellschaftlich akzeptiert und fester Bestandteil des kulturellen Lebens ist, während der Genuss von Cannabis zwar legal ist, aber Besitz und Handel mit empfindlichen Strafen geahndet werden und (zumindest offiziell) gesellschaftlich ausgegrenzt, ist schwer nachvollziehbar.

Aus gesundheitlicher Sicht scheint es keinen Sinn zu machen, das eine zu verbieten und das andere an alle ab 18 zu verkaufen.

Ich jedenfalls nickte den Kiffern nochmals freundlich zu, machte mich auf zum nächsten Hindernis Lauf Richtung Ausgang und beschloss, nur noch Veranstaltungen zu besuchen, wo man Pina Colada oder Glühwein ausschenkt :-) ^^

Die Autorin betreibt den Blog Gutes Karma to go. Auch auf Facebook zu finden.


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24 Promis, die zu ihrem Marihuana-Konsum stehen
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