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Arbeit 4.0 heißt Investition in die Köpfe

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Arbeit 4.0 heißt Investition in die Köpfe

Die Digitalisierung macht unser Leben einfacher - auch unser Arbeitsleben. Niemand sehnt sich danach, auf einer lärmenden Kugelkopfschreibmaschine Briefe zu schreiben und Fehler mit Tipp-ex auszubessern. Die Digitalisierung führt auch zu Veränderungen - und das macht Angst.

Angst, die sich in Schlagzeilen wie dieser widerspiegelt, mit der kürzlich ein Magazin auf seiner Titelseite um Leser warb: "Sie sind entlassen - wie uns Roboter und Computer die Arbeit wegnehmen". Dabei könnte schon ein kurzer Blick auf die Fakten manche Ängste beseitigen.

So viele Jobs wie noch nie

Die Warnung vor der Massenarbeitslosigkeit ist nicht neu. Schon vor mehr als 30 Jahren titelte das gleiche Magazin über dem Bild eines Roboters: "Fortschritt macht arbeitslos". Das Gegenteil war der Fall.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ist - mit Ausnahme der direkten Jahre nach der Wiedervereinigung - Jahr für Jahr gestiegen. In Deutschland haben wir aktuell mit deutlich über 30 Millionen sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern eine historische Rekordbeschäftigung.

Neue Jobs entstehen, alte verschwinden

Das bedeutet nicht, dass jeder Arbeitsplatz sicher ist. Es gibt ganze Berufsbilder, die bereits verschwunden sind und solche, die verschwinden werden. So wie die Automatisierung mit dem mechanischen Webstuhl viele Weber arbeitslos gemacht hat, so hat die Digitalisierung den Schriftsetzer und Drucker, die Stenotypistin oder auch den Bauzeichner aus den Unternehmen gedrängt.

Und wer heute eine Ausbildung zum Bankkaufmann beginnt, der wird womöglich angesichts der digitalen Umwälzungen in der Branche nie wirklich in seinem gelernten Beruf arbeiten. Das ist aber nicht einmal die halbe Wahrheit, denn gleichzeitig entstehen viele neue Berufsbilder - vom 3D-Druckspezialisten über den Datamining-Experten und den Roboter-Koordinator bis zum Chief Digital Officer.

Nach einer Bitkom-Umfrage sind in jedem zehnten Unternehmen innerhalb von zehn Jahren Jobprofile komplett verschwunden, aber in jedem fünften sind zugleich neue entstanden. Und die haben eines gemeinsam: Sie sind in der Regel anspruchsvoller und bieten mehr Entscheidungsfreiheit und Gestaltungsspielraum als jene Jobs und Aufgaben, die hinfällig wurden.

Bildung, Bildung, Bildung

Und auch die bestehenden Berufe, die es weiterhin geben wird, verändern sich. Zum Beispiel jener der Zahnarzthelferin, der zahnmedizinischen Fachangestellten. Noch vor wenigen Jahren ging es darum, die Karteikarte mit den Patientendaten herauszulegen und den Befund des Arztes dort handschriftlich zu vermerken.

Heute werden diese Angaben zumeist im Rechner erfasst, gleichzeitig ist das Röntgengerät ein Hochleistungscomputer, der von der Zahnarzthelferin gesteuert werden muss.

Und künftig wird sie, statt Gebissabdrücke zu nehmen, die Zahnstellung mit dem 3D-Scanner erfassen und an den 3D-Drucker übermitteln, der automatisiert noch in der Praxis das Implantat oder die Krone erzeugt.

Investitionen in die Köpfe

Was bedeutet das? Arbeit 4.0 heißt nicht, dass einfach alles und jedes durch selbstlernende Algorithmen oder Roboter erledigt werden kann. Arbeit 4.0 bedeutet schon gar nicht Massenarbeitslosigkeit. Arbeit 4.0 bedeutet Investitionen in die Köpfe.

Wenn wir die digitale Transformation in Deutschland erfolgreich gestalten und unsere Führungsrolle in Leitbranchen wie der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau verteidigen wollen, dann müssen wir mehr in die Köpfe investieren. Arbeit 4.0 braucht den Wissensarbeiter 4.0.

Politik und Unternehmen sind gefragt - und jeder Einzelne

Die Politik muss dabei dafür sorgen, dass überhaupt eine Weiterbildungsfähigkeit hergestellt wird - mit einer Schulbildung, die die Vermittlung von digitalen Kompetenzen verpflichtend im Lehrplan verankert.

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Dazu gehört ein Pflichtfach Informatik ab der Sekundarstufe I, das es erlaubt, unsere digitale Welt zu verstehen. Die Unternehmen müssen eine Weiterbildungsstrategie rund um die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter erarbeiten und dafür auch entsprechende Mittel bereitstellen.

Das wird nur funktionieren, wenn auch die Führungskräfte dafür sensibilisiert werden, dass Weiterbildung kein Nice-to-have ist, sondern ein absolutes Muss. Aber auch jeder Einzelne ist gefragt. Es geht darum, Weiterbildungsmöglichkeiten zu nutzen und Weiterbildung aktiv einzufordern.

Eine historisch einmalige Chance

Vernetzte Produktion, Arbeit 4.0 und die Digitalisierung unserer Wirtschaft insgesamt bieten gerade einem rohstoff- und ressourcenarmen Land wie unserem eine einmalige Chance. Es kann uns gelingen, Produktion und Wertschöpfung, die in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Hochlohnstandort Deutschland abgewandert und verloren gegangen sind, wieder zurückzuholen.

Das ist kein Wunschdenken, sondern eine Entwicklung, die wir in den USA bereits sehen. Lohnkosten sind nicht mehr die entscheidende betriebswirtschaftliche Größe in der digitalen Welt.

Wenn es uns gelingt, diese Entwicklung nicht zu zerreden, nicht immer nur die Gefahren heraufzubeschwören, sondern sie selbstbewusst zu gestalten und zu nutzen, dann stehen wir vor einem historischen Wendepunkt für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

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