BLOG

Ich beerdige jede Woche Menschen - einen Satz sagen die Angehörigen immer

08/12/2017 09:25 CET | Aktualisiert 08/12/2017 14:37 CET
Bernhard Geffke

Ich trage bis zu 15 Leichensärge im Monat und ich mag es. Nirgendwo lernt man Menschen besser einzuschätzen, als auf einer Beerdigung. Dort zeigen sie, was sie wirklich fühlen. Ich glaube, ich sehe es an dem Ausdruck in ihren Augen.

Es gibt die, die den Verstorbenen geliebt haben und immer noch lieben. Und es gibt die anderen. Die, die aus Pflichtgefühl zu einer Beerdigung kommen, Kollegen des Verstorbenen zum Beispiel.

Die kommen dann mit Blumen. Immer diese Blumen. Ich habe schon viele Angestellte mit riesigen Blumengestecken kommen sehen. Es waren wohl die teuersten Blumengestecke, die sie finden konnten.

Ich will ihnen keinen Vorwurf machen. Aber die mit den größten Blumengestecken sind oft die, die am wenigsten eine Beziehung zu dem Verstorbenen hatten, vermute ich. Sonst müssten sie sich nicht mit Gestecken brüsten.

Der Kopf der Leiche ist am schwersten

Den Sarg tragen wir zu sechst. Der Teil mit dem Kopf der Leiche ist am schwersten. Wenn wir ihn anheben, ist es mir wichtig, dass es ohne Kommando passiert. Das klappt. Wir sind ein gutes Team.

Keiner von uns arbeitet hauptberuflich als Sargträger, das geht nicht. Ich bin eigentlich Schauspieler, aber wie es halt so ist, ich brauche Geld.

Der Ablauf ist immer ähnlich. Oft gehen wir vor der Trauerfeier in den Keller und tragen den Sarg in die Kapelle. Dort bekommt die Kiste verschiedene Blumengestecke. Einmal lag aus Versehen das falsche auf dem Sarg.

Der Blumenhändler hatte, wie manchmal üblich, die sogenannte Blumendecke schon im Keller auf dem Sarg befestigt.

"Liebe Erika, ruhe in Frieden", stand auf einer Schleife. Aber in dem Sarg lag nicht Erika.

Als wir schon dabei waren, den Sarg zum Grab zu tragen, schrie die Tochter auf. "Das ist nicht meine Mutti!", schrie sie. "Meine Mama heißt nicht Erika!"

Sie hatte die Aufschrift gelesen. Der Schrei ging mir durch Mark und Bein. So etwas möchte ich nicht noch mal erleben.

sarg

Am Sargbegleitzettel konnten wir sehen, dass es doch die richtige Mutti war, die darin lag. Nur das Gedeck mit der Namensschleife war falsch. Wir haben einige Zeit gebraucht, um die weinende Tochter davon zu überzeugen, dass wir die richtige Frau beerdigen.

Ein Zweifel ist ihr aber möglicherweise bis heute geblieben - und das kann ich nachvollziehen. So etwas darf nicht passieren. Aber Menschen machen Fehler - natürlich auch beim Sargtragen.

Wenn der Sarg wie eine Telefonzelle im Grab landet

Besonders tragisch ist die Telefonzelle. So nennen Grabträger es, wenn der Sarg bei der Senkung falsch rutscht und auf einmal senkrecht im Grab steht wie eine Telefonzelle. Uns ist das zum Glück noch nie passiert, aber andere Träger haben davon berichtet.

Ärgerlich, weil man so auch keine Erde auf den Sarg werfen kann. In solchen Momenten geht die Zeremonie aber trotzdem weiter. Was bleibt einem anderes übrig.

Es gibt aber auch schöne Momente. Momente, die mich im Nachhinein zum Weinen bringen. Manchmal passiert das. Dann stehe ich da am Grab und sehe den Menschen in die Augen und sehe diese tiefe Liebe.

Sie ist niemals so deutlich sichtbar und spürbar wie auf einer Beerdigung. Wenn Menschen jemanden verabschieden, den sie geliebt haben, strahlen sie eine große Wärme aus, die ich nicht beschreiben kann. Das ist fast schon magisch.

Ein Satz fällt auf fast jeder Beerdigung

Was mich traurig macht, ist dieser eine Satz, den ich immer und immer wieder auf Beerdigungen höre: "Ach, hätte ich doch mal..."

Dann kommt jedes Mal etwas anderes. Aber immer bereuen die Menschen etwas, das sie nicht getan haben.

"Ach, hätte ich doch mal auf seine Tochter aufgepasst."

"Ach, hätte ich doch mal den Ausflug mit ihr gemacht."

"Ach, hätte ich doch mal..."

Ich denke mir dann nur: "Ja. Hätteste mal. Ändern lässt es sich jetzt nicht mehr."

Es kamen auch schon welche im Traings-Anzug

Diese trauernden, sich Vorwürfe machenden Menschen auf Beerdigungen zu sehen, ist nicht leicht. Jeder geht anders mit seiner Trauer um. Wir hatten auch schon Männer, die in Jogging-Hosen und mit Wodka-Flaschen zur Aufbahrung kamen.

Meine Kollegen fanden das unmöglich. Ich nicht. Ich finde, jeder sollte so Abschied nehmen, wie er will.

Das verstehen nicht alle. Genauso wenig wie die Tatsache, dass ich als Sargträger arbeite.

"Musst du das wirklich machen?", hat mich meine Schwester gefragt. Ich habe nur gesagt: "Ja. Irgendwer muss es ja machen...und ich möchte."

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

Das Protokoll wurde von Amelie Graen aufgezeichnet