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Warum unser Kampf gegen den Terror wirkungslos ist und was wir stattdessen tun sollten

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POLICE GERMANY
Maja Hitij via Getty Images
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Unerwartete Angstmomente lassen unseren Puls rasen und lösen evolutionär bedingt entweder Fluchtreflexe aus oder lähmen. Das weiß ein jeder, der jemals wirkliche Furcht empfunden hat. Anders verhält es sich, wenn Angst zum Dauerzustand wird.

Das aus einer solchen Drucksituation resultierende permanente Unsicherheitsgef√ľhl verzerrt nach und nach nahezu unvermeidbar die eigene Wahrnehmung.

Wenn man die aktuelle Medienberichterstattung betrachtet, wird deutlich, dass wir als Gesellschaft tatsächlich in einem Zustand ständiger Furcht vor Terror leben.

Die Strategie jener Verbrecher, die weltweit wie auch immer motivierte Anschl√§ge auf zumeist zivile Ziele ver√ľben, geht also auf: die Strategie, ganze Gesellschaften Andersdenkender durch permanente Angst, eben "Terror", zu destabilisieren.

"Terror" lässt sich nicht militärisch besiegen

Als Staat kann man diesen Terror milit√§risch leider nicht erfolgreich bek√§mpfen, denn die ‚ÄěKriegs"-F√ľhrung des in ziviler Kleidung operierenden Gegners ist zum einen asymmetrisch und erinnert in ihrer Regellosigkeit an die verheerenden Fehden des fr√ľhen Mittelalters.

‚ě® Mehr zum Thema: Geheimdokumente entlarven deutsche IS-K√§mpfer

Zum anderen sind die meisten Terroranschl√§ge der Gegenwart ganz offenbar religi√∂s motiviert, und einen von der Gottgef√§lligkeit seines Tuns √ľberzeugten Menschen wird man durch moralische Appelle, strengste Strafverfolgung oder gar T√∂tungsandrohung nicht von seinen Anschlagspl√§nen abbringen k√∂nnen.

Wohlstand & Bildung statt Kampf der Kulturen

Der mittlerweile selbst von gewichtigen SPD-Politikern geforderte ‚Äěkultureller Kampf" gegen Islamisten wird in der Bev√∂lkerung auf viel Zustimmung sto√üen, birgt aber die Gefahr, dass Deutsche k√ľnftig allen Anh√§ngern des Islam feindselig begegnen und sich auf diese Weise wechselseitige Provokationen aufschaukeln.

Andererseits gilt es nat√ľrlich, den sozialen N√§hrboden, aus dem sich die Nachwuchsterroristinnen und -terroristen der Gegenwart weltweit rekrutieren, m√∂glichst schnell nachhaltig auszutrocknen.

Dazu bed√ľrfte es schneller, wirksamer und international breit abgestimmter Wirtschaftshilfe, insbesondere f√ľr instabile Staaten mit mehrheitlich muslimischer Bev√∂lkerung sowie parallel einer Bildungsoffensive - in der Tat aber nicht nur dort, sondern auch in der westlichen Welt!

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Bildung - das betonte Nelson Mandela als alter Mann im R√ľckblick auf sein eigenes bitter-s√ľ√ües Leben einst zu recht - ist langfristig die einzig wirksame Waffe gegen Armut, Gewalt sowie religi√∂sen und politischen Extremismus.

Bildung eröffnet Menschen Teilhabe und damit Lebensperspektiven. Gelingende Bildung lehrt das selbständige Denken ebenso wie das kluge Fragen und Hinterfragen.

Auch die "Realität" ist relativ

Im Deutschland des Jahres 2017 w√§re dringend zu hinterfragen, ob wir uns zurecht derart f√ľrchten, dass andere wichtige Themen neben der Terror-Dauerberichterstattung kaum noch unser Interesse finden.

Ferner w√§re zu hinterfragen, warum gro√üartige politische Leistungen im unmittelbaren Lebensumfeld, die uns eigentlich ein Gef√ľhl der St√§rke, der Sicherheit und Zukunftsoptimismus vermitteln m√ľssten, nicht mehr wahrgenommen werden:

Niemals in der Geschichte war der allgemeine Lebensstandard in Deutschland höher als heute, niemals in der Geschichte genossen die Menschen in Deutschland und Europa ein derartiges Maß an politischer und persönlicher Freiheit und lebten zugleich derart friedlich zusammen, niemals zuvor eröffneten der wissenschaftliche und technische Fortschritt - insbesondere die digitale Revolution - der Menschheit vergleichbare gemeinsame Zukunftschancen.

Es scheint als lauere der Tod √ľberall

Die im weltweiten Vergleich paradiesischen Zust√§nde im Deutschland und Europa der Gegenwart werden von vielen B√ľrgern f√§lschlicher Weise als Selbstverst√§ndlichkeit wahrgenommen oder wohl eben deshalb nicht mehr registriert.

Hinzu kommt, dass das allgemeine Bewusstsein im Alltag zunehmend durch ein medial vermitteltes und hochfrequent verstetigtes Angstgef√ľhl bestimmt wird.

So schien der Tod nach dem menschenverachtenden Dezember-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten und 53 Verletzten zuletzt auf jeder öffentlichen Silvester-Party, in jeder U-Bahn und jedem Bus zu lauern.

‚ě® Mehr zum Thema: M√ľtter - die oft √ľbersehene Kraft im Kampf gegen den Extremismus

Eine irrationale Engf√ľhrung, wenn man sich zum Beispiel vor Augen f√ľhrt, dass in Deutschland allein im Oktober des vergangenen Jahres 311 Menschen Verkehrsunf√§llen zum Opfer fielen und weitere 33.200 zum Teil schwer verletzt wurden.

Zur Brechung unserer gesamtgesellschaftlichen Phobie bedarf es frischen Mutes: Auf Seiten der Medien als m√§chtiger ‚Äěvierter Gewalt" w√§re in erster Linie eine mutige R√ľckbesinnung darauf notwendig, die Bev√∂lkerung jenseits von Quoten√ľberlegungen in angemessenem Umfang und stets ausschlie√ülich √ľber gepr√ľfte und √ľberpr√ľfbare Fakten zu informieren.

Da dieser Schritt von unserer konkurrenzgetriebenen Medienwelt allerdings nicht zu erwarten ist, sollten wir B√ľrgerinnen und B√ľrger unabh√§ngig von den auf uns einprasselnden medial vermittelten Wirklichkeiten den Mut und das Selbstbewusstsein aufbringen, Nachrichten zu hinterfragen und (wieder) selbst zu denken.

Nicht nur, um unsere hochkomplexe Gegenwart besser zu erfassen und kausal zu verstehen, sondern vor allem, um aus dem jeweils gewonnen Lagebild verantwortbare Schl√ľsse f√ľr unser eigenes Tun oder Unterlassen ziehen zu k√∂nnen.

Ob dies einer freiheitlich orientierten demokratischen Mehrheit gelingen wird, d√ľrften die Wahlen zum Deutschen Bundestag schon bald zeigen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei "The European".

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