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Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut - das konnten wir nicht mehr mitansehen und wurden aktiv

20/04/2017 13:49 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 13:49 CEST
dpa

Vielen Kindern fehlt es an Liebe und einem offenen Herzen. Sie fühlen sich von den eigenen Eltern vernachlässigt und aufgegeben. Was sie brauchen ist keine Betreuung, kein Geld, sondern eine Familie, die sie auffängt, die ihnen das bietet, was sie zuhause jeden Tag vermissen.

Als ich 1991 gebeten wurde, eine Jugendgruppe für eine Freikirche in Berlin zu gründen, merkte ich: Die Jugendlichen hier haben ganz andere Probleme. Ich traf 13- und 14-jährige Teenager, die keine Perspektive im Leben sahen, die sich aufgegeben hatten.

Mir wurde klar, dass die Jugendlichen vor allem eines brauchen: Menschen, die Zeit und Liebe in die Beziehung zu ihnen investieren. Diese Erkenntnis bewegte mich dazu, nach Berlin zu ziehen und die Arche zu gründen.

Die Arche ist ein Kinder- und Jugendhilfswerk, das ich dann 1995 in Berlin-Hellersdorf gegründet habe. Wir versorgen hier mittlerweile deutschlandweit jeden Tag rund 4000 bedürftige Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 20 Jahren in insgesamt 24 Einrichtungen.

Es wird einfach hingenommen, dass Kinder in Armut aufwachsen müssen

Die Kinder leiden unter existentiellen Problemen in ihren Familien, weshalb sie das Kindsein verlernt haben. Sie haben Angst davor, in der Schule als arm aufzufallen, weil sie keine teure Kleidung tragen oder neue Handys haben. Bei uns werden sie individuell betreut, um ihnen den Druck zu nehmen, sie werden emotional aufgefangen.

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Mit jedem Jahr werden die Quoten schlimmer und alarmierender: Im Moment befindet sich die Armut in Deutschland auf einem Höchststand von 15,7 Prozent. Die Leidtragenden hiervon sind am Ende vor allem die Kinder. Denn Eltern- und Kinderarmut gehen immer Hand in Hand. 2,5 Millionen Kinder leben in Einkommensarmut.

Unsere Gesellschaft lernt einfach nichts aus den vergangenen Studien und nimmt die Tatsache hin, dass Kinder in Armut aufwachsen müssen.

Wir von der Arche kämpfen aktiv gegen die Kinderarmut. Das größte Problem ist nicht die finanzielle Armut der Kinder, sondern die emotionale. Die Kinder haben niemanden, der sie unterstützt und an sie glaubt. Ihnen mangelt es an Liebe und Perspektive.

Deshalb arbeiten wir jeden Tag daran, eine zwischenmenschliche, liebevolle Beziehung zu den Kindern aufzubauen. Sie werden nicht im klassischen Sinne von uns betreut, sondern leben mit uns zusammen. Ihnen wird hier genau das geboten, was ihnen in der eigenen Familie versagt bleibt.

Es fehlt den Kindern und Eltern an Perspektive und Würde

An den Standorten der Arche sehen wir seit Jahren, dass vor allem bei Alleinerziehenden die Perspektivlosigkeit auf die Kinder übergreift. Die Armutsquote bei alleinerziehenden Müttern und Vätern liegt momentan bei 44 Prozent und hat somit erschreckend zugenommen.

Allerinerziehende Mütter und Väter haben einen schwereren Stand auf dem Arbeitsmarkt, außerdem fehlt ihnen die Rückendeckung eines Zweitverdieners in der Familie.

Diese Zahlen sagen aber nur wenig über die Chancenungleichheiten aus. Was den Eltern vor allem fehlt ist Perspektive und Würde. Viele von ihnen verlieren den Blick für ihre Kinder. Die Kinder, die in solche Verhältnisse hineingeboren werden, wachsen dann ebenfalls in Perspektivlosigkeit auf.

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Je kleiner die Kinder sind, desto weniger reflektieren sie ihre Situation. Das hat zur Folge, dass die Kinder beziehungsunfähig werden, an einem geringen Selbstwertgefühl leiden und später zur bildungsfernen Schicht zählen.

Die Politik kann für diese Kinder immer nur Rahmenbedingungen schaffen. Wir brauchen ein besseres Bildungssystem, denn das Einkommen der Eltern darf nicht Maßstab sein für die Bildungschancen der Kinder.

Wir müssen mehr Angebote für sie schaffen - Nachhilfeunterricht, kostenloses Essen an Schulen, zuverlässige Ansprechpartner - und auch die alleinerziehenden Mütter und Väter stärker bei ihren Aufgaben unterstützen. Wir dürfen sie nicht allein lassen.

Genau das machen wir bei der Arche: Wir treffen uns zu gemeinsamen Mahlzeiten, Freizeitbeschäftigungen und zeigen den Jugendlichen eine Perspektive für ihre Zukunft auf: Allein in Hamburg haben wir bisher 67 Jugendlichen einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz vermittelt. Häufig begleiten wir die Kinder auch über ihre Ausbildung hinaus, denn wir sind eine Familie.

Die Arche ist eine Kinder- und Jugendeinrichtung, die überwiegend von Kindern besucht wird, die aus sozial benachteiligten Familien kommen. Die Kinder erhalten in den 24 Einrichtungen, die es in Deutschland, Polen und der Schweiz gibt, ein kostenloses Mittagessen sowie zahlreiche weitere Angebote. Sie können spielen, Sport treiben, basteln oder einfach „nur" Kind sein. Die Säulen der Arche sind Beziehungen, Nachhaltigkeit und Liebe. Rund 4000 Kinder kommen täglich in die Arche-Häuser.

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