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Die Wahrheit über die Flüchtlingskrise in Schweden sieht ganz anders aus, als ihr denkt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFUGEES SWEDEN
TT News Agency / Reuters
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Der US-Präsident und rechte Medien meinen, dass Schweden wegen der Aufnahme von Flüchtlingen in Kriminalität und Chaos versinkt - was steckt wirklich dahinter?

Man fragt sich, was schlimmer ist - Probleme schön zu reden, oder Missstände bis zur Unkenntlichkeit aufzublähen. Beides kommt vor, aber vor ein paar Tagen durfte man ein besonders hässliches Beispiel für Letzteres erleben.

US-Präsident Donald Trump sprach vor Anhängern in Florida und führte als „Beleg" dafür, dass Zuwanderung zu Terror und Gewalt führe, Schweden als Musterbeispiel an. „Seht, was letzte Nacht in Schweden passiert ist", rief er. Und: „Schweden - sie haben ganz viele reingelassen, nun haben sie Probleme, wie sie es nie für möglich gehalten hätten."

Schnell wurde klar, dass in der besagten Nacht in Schweden überhaupt nichts passiert war. Trump rechtfertigte sich auf Twitter und führte an, er habe sich auf eine Sendung des Fernsehkanals Fox News bezogen.

Berichte von Gewalttaten und bürgerkriegsähnlichen Zuständen

Dort war der amerikanische Filmemacher Ami Horowitz in der Sendung „Tucker Carlson Tonight" über die Aufnahme von Flüchtlingen in Schweden befragt worden. Er berichtete über Gewalttaten bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Für jemanden, der seit Jahren in Schweden lebt und sich beruflich wie privat ständig mit Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik auseinandersetzt, war die Sendung grotesk.

Horowitz, angefeuert vom Moderator, verdrehte Tatsachen, nannte falsche Statistiken und behauptete obendrein, Probleme würden in Schweden vertuscht und schöngeredet. Insgesamt ergab sich ein übertriebenes, einseitiges und verfälschtes Bild. Ich will erklären, warum.

Um es gleich vorweg zu sagen: Es gibt im Zusammenhang mit der Zuwanderung der letzten Jahrzehnte durchaus gewisse Probleme, und auch die Ankunft von fast 163.000 Asylbewerbern auf dem Höhepunkt der „Flüchtlingskrise" 2015 hat der schwedischen Gesellschaft einige Schwierigkeiten bereitet, etwa einen Wohnungsmangel und Probleme für Neuzuwanderer bei der Jobsuche.

Ich kann jedoch weder erkennen, dass Kritiker der Regierungspolitik mundtot gemacht würden, wie Horowitz sagte, noch dass es in schwedischen Städten „No-go-Zonen" gäbe, in die sich die Polizei nicht hineintraue.

Tumulte im Vorort Rinkeby

Am Montagabend ist beispielsweise durchaus etwas passiert in Schweden, und es wurde offen damit umgegangen: Im Stockholmer Vorort Rinkeby nahm die Polizei einen mutmaßlichen Straftäter fest, worauf es zu Tumulten kam, bei denen die Polizei sogar einen Schuss abgab.

Dass sie vor Ort war, zeigt jedoch, dass das als „Problemvorort" bekannte Rinkeby gerade keine „No-go-Zone" ist. Wie Innenminister Anders Ygeman erklärte, hat Schweden die Polizeipräsenz an sozialen Brennpunkten verstärkt. Viertel, in die sich die Polizei nicht hereintraut, gibt es nicht.

Haarsträubend war auch Horowitz' Aussage, dass Asylbewerber in Schweden in Saus und Braus lebten und „enorme" Sozialleistungen erhielten. Tatsache ist, dass ein erwachsener Asylbewerber, der in einer Unterkunft lebt, in der keine Verpflegung bereitgestellt wird, pro Tag umgerechnet knapp 7,50 Euro bekommt.

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Wer einmal in einem schwedischen Supermarkt eingekauft hat weiß, dass man mit diesem Betrag keine großen Sprünge machen kann, zumal das Geld auch für Kleidung und Hygieneartikel reichen muss. Wer Mahlzeiten in einer Gemeinschaftsunterkunft umsonst bekommt, erhält übrigens nur 2,50 Euro.

Dass Asylbewerber bevorzugt in regulären Wohnungen anstatt in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, ist zwar korrekt, doch das Ziel dabei ist nicht, größtmöglichen Luxus zu bieten, sondern ihnen im Hinblick auf die spätere Integration eine weitgehend „normale Lebensführung" zu ermöglichen.

Wer in einer Wohnung in einem normalen Stadtviertel wohnt und sich selbst versorgt, gliedert sich leichter ein als jemand, der zusammengepfercht mit vielen anderen in einem abgelegenen Gewerbegebiet leben muss.

Geringqualifizierte Flüchtlinge tun sich schwer

Aus der Luft gegriffen ist auch die Behauptung, Flüchtlinge würden in Schweden nicht arbeiten. In der Tat sind zwar viele Schweden, nicht zuletzt auch die Flüchtlinge selbst, der Meinung, dass die Arbeitsmarktintegration zu schleppend verläuft.

Wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kürzlich errechnete, tun sich vor allem geringqualifizierte Flüchtlinge schwer.

Ein Jahr nach Abschluss des Sprach- und Integrationskurses haben aus dieser Gruppe nur rund 22 Prozent einen Job. Die Regierung hat deshalb im letzten Jahr zahlreiche neue Maßnahmen für schnellere Jobintegration entwickelt - unter anderem „Schnellspuren" in Berufe, in denen Arbeitskräftemangel herrscht.

Mehr zum Thema: Trump erfindet Terroranschlag in Schweden - das steckt dahinter

Anders als Fox News vortäuschte ist auch die Kriminalität in Schweden zwischen 2005 und 2015 nicht angestiegen, und bei angezeigten Vergewaltigungen gab es 2015 sogar einen Rückgang. International sind Verbrechensquoten sehr schlecht zu vergleichen, da Delikte unterschiedlich definiert und geahndet werden.

Woran mag es also liegen, dass ausgerechnet Schweden, das in Sachen Migrationspolitik weithin als Vorbild gilt, zu einer bevorzugten Zielscheibe rechter Propaganda geworden ist? Meiner Ansicht nach sind Häme und Besserwisserei die Ursache.

Schweden hat in den letzten Jahren überproportional viele Schutzsuchende aufgenommen, sie relativ gut versorgt und ihnen vergleichsweise gute Integrationschancen geboten.

Schweden steht besser da als der Rest Europas

Rechtspopulisten ist das ein Dorn im Auge und sie nehmen nun selbst den kleinsten Vorfall zum Anlass, zu sagen: Seht her, selbst das skandinavische Vorzeigeland Schweden schafft es nicht! Dass Schweden insgesamt weit besser dasteht, als viele andere Länder Europas - geschenkt!

2016 beantragten knapp 30,000 Schutzsuchende Asyl in Schweden, nicht über 160.000, wie es bei Fox News hieß. 163.000 waren es im Vorjahr.

Da die Regierung damals zu der Auffassung kam, eine so hohe Zahl sei dauerhaft nicht zu bewerkstelligen, versuchte sie gezielt, Schweden weniger attraktiv zu machen und die Integration derer, die schon gekommen waren, zu verbessern.

Ähnlich wie in Deutschland führte man Grenzkontrollen ein und erschwerte den Familiennachzug. Den schwedischen Rechtsradikalen hat dies viel Wind aus den Segeln genommen - umso heftiger müssen sie jetzt mobilisieren.

Zum Bild gehört aber auch, dass viele Schweden die stark zurückgegangene Flüchtlingszuwanderung bedauern. Gerade in ländlichen Regionen sieht die lokale Wirtschaft und Bevölkerung vielfach mit Sorge, dass Unterkünfte, in denen bis vor kurzem noch Asylbewerber lebten, nun wieder leer stehen.

Mehr zum Thema: Nach Trumps Schweden-Fauxpas: Polizisten aus Fox-Doku kritisieren Regisseur für falsche Darstellung

Manche dieser Kleinstädte und Gemeinden haben sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Asylbewerber davon zu überzeugen, auch nach ihrer Anerkennung vor Ort zu bleiben und nicht in die Großstädte weiterzuziehen, wo über viele Jahre gewachsene soziale Probleme oft tatsächlich stärker in Erscheinung treten. Vielfach haben sie damit auch Erfolg.

Man würde sich wünschen, der US-Präsident und rechte Populisten würden sich die Integration von Neuzuwanderern einmal vor Ort ansehen.

Doch leider scheinen sie daran wenig Interesse zu haben. Womöglich geht es ihnen auch gar nicht um die Wahrheit und die Suche nach einer guten Integrationspolitik, sondern darum, Ängste zu schüren und schon verfestigten Vorurteilen immer wieder eins draufzusetzen.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..