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Warum ein enger Sicherheitsbegriff und der Ruf nach mehr Kontrolle wenig helfen dürften

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FLCHTLINGE
dpa
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Dass die Terrorattacken der letzten Wochen vielen Menschen Angst machen, ist verständlich. Dass die Politik sich gezwungen sieht, nun mit allerlei restriktiven Maßnahmen die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger verbessern zu wollen, ist ebenso nachvollziehbar.

Und wenn abscheuliche Verbrechen von Menschen begangen werden, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, oder die auch nur einen vagen, weit zurückliegenden Migrationshintergrund haben, fragen sich natürlich viele, ob es Zusammenhänge geben könnte mit der Ankunft und Durchreise von über einer Million schutzsuchender Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern im letzten Jahr.

Um es gleich vorweg zu sagen: Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht, aber dass danach gefragt wird, ist legitim.

Die Flüchtlingsaufnahme in der Größenordnung des letzten Jahres war ein historisch einschneidendes Ereignis, das erst viel Zustimmung und später mitunter radikale Ablehnung heraufbeschworen hat und fast allen Menschen im Gedächtnis geblieben ist.

Umso mehr deshalb, weil Chaos entstand, und die EU-Staaten unfähig waren, ihre gemeinsame Verantwortung für Flüchtlinge sinnvoll zu teilen.

Die meisten Flüchtlinge wollen nur Schutz für sich und ihre Familien

Wer sich vor Augen hält, was in Syrien und im Irak geschieht, wie sich die Lage in Afghanistan seit dem Rückzug der internationalen Truppen entwickelt, wie elend Millionen Flüchtlinge in überfüllten Lagern im Libanon, in Jordanien oder auch in der Türkei hausen müssen, und wie Geflüchtete auch in Europa, etwa in Ungarn oder Bulgarien, behandelt wurden, kann nur zu der Einsicht kommen, dass die deutsche Politik mit ihrer Aufnahmepolitik im Wesentlichen richtig gehandelt hat.

Nach bisherigem Kenntnisstand sind die Täter von Würzburg und Ansbach mit der Flüchtlingssituation 2015 nicht in Verbindung zu bringen, weil sie schon vorher da waren. München scheint, wie man nach und nach erfährt, gar nichts damit zu tun zu haben - im Gegenteil war es wohl eher eine ausländerfeindliche Tat.

Was wir angesichts von Würzburg und Ansbach aber ganz grundsätzlich erahnen, ist, dass die Aufnahme vieler Flüchtlinge neben logistischen Problemen, Unterbringungs- und Versorgungsengpässen oder einer Überforderung von Behörden und Helfern womöglich auch andere, weit dramatischere und tragischere Begleiterscheinungen haben kann.

Die meisten Flüchtlinge wollen nichts anderes als Schutz für sich und ihre Familien. Sie wollen sich integrieren, dazulernen, Kontakte aufbauen, sich einbringen, arbeiten oder studieren. Sie wollen einfach das Beste aus ihrer Zeit in einem neuen Land machen.

Traumatisierungen können aus Kriegen und Menschenrechtsverletzungen mitgebracht werden

Bei manchen gehen Integrationsprozesse schnell und reibungslos, bei anderen dauern sie länger und sind mühsamer, je nachdem, welche Vorerfahrungen und welche Bildung ein Flüchtling mitbringt, wie man ihm im neuen Land entgegentritt, und wie er sich auf andere Lebensbedingungen und eine neue Kultur einstellen kann.

Bei manchen kann es auch sein, dass die Integration gar nicht klappt, etwa wenn man kein Bleiberecht bekommt, dennoch aber nicht zurückkehren kann, wenn dadurch ein Fremdheitsgefühl bleibt und sich erhärtet, oder wenn gar Traumatisierungen im Spiel sind, mit denen man allein gelassen wird.

Traumatisierungen können aus Kriegen und Menschenrechtsverletzungen im Herkunftsland mitgebracht werden, aber auch durch die oft lebensgefährliche Flucht entstehen. Manchmal können sie auch nach der Ankunft noch auftreten, wegen einschneidender Negativerfahrungen im Zufluchtsland.

Unabhängig davon mag es freilich auch Fälle geben, in denen sich Verbrecher, Radikale und Spinner unter den Geflüchteten befinden. Stellen Sie eine zufällige Auswahl von 100.000 Deutschen zusammen - es ist wohl unvermeidlich, dass auch Verbrecher, Radikale und Spinner dabei sind. Warum sollte es in einer Gruppe von Flüchtlingen anders sein?

Netzwerke und Betreuung ausbauen

Was ist also zu tun? Wenn nun gefordert wird, dass alle Asylbewerber nochmal dahingehend überprüft werden, ob sie vielleicht ein Sicherheitsrisiko darstellen, sollte man sich fragen, wie viel es wirklich bringt, wenn Behördenmitarbeiter nun nochmal die Asylakten hervorkramen oder Polizeibeamte Ausweise kontrollieren.

Wohl viel wichtiger ist die Rolle von Sozialdiensten, Wohlfahrtsverbänden, Heimleitungen, freiwilligen Helfern, Schulen, Sportvereinen, Kirchengemeinden, Jugendämtern und so weiter - derjenigen nämlich, die alltäglich mit Asylbewerbern und Flüchtlingen in Kontakt kommen und sie kennenlernen.

Hier wird man eher psychische Erkrankungen, Radikalisierung und andere Probleme erkennen und daran arbeiten können, als am Aktenschrank. Wo solche Netzwerke und Betreuung fehlen, da gehören sie schnellstens aufgebaut.

Wenn es heißt, dass abgelehnte Asylbewerber vehementer abgeschoben werden sollten, so besteht ebenfalls die Gefahr, dass die Politik hinter ihren Versprechungen zurückbleibt. Nicht immer ist es die Schuld der Betroffenen selber, wenn sie nicht ausreisen.

Zahl der "Geduldeten" wächst immer weiter an

Oft werden auch Asylbeschlüsse gefasst, die zwar juristisch korrekt, aber in der Konsequenz unrealistisch sind - Personen werden abgelehnt, obwohl ihre Rückkehr nicht durchsetzbar ist, etwa weil es schlichtweg keine sicheren Transportwege gibt, weil eine Person nicht reisefähig ist, oder weil sich bestimmte Herkunftsländer weigern, eigene Staatsangehörige wieder aufzunehmen.

Dies trägt dazu bei, dass die Zahl der "Geduldeten" immer weiter anwächst. "Duldung" bedeutet kein Aufenthaltsrecht, sondern nur die vorübergehende Aussetzung der Abschiebung. Sie ist ein juristisches Hilfskonstrukt für Problemfälle, das viele neue Probleme schafft.

Über Jahre hinweg mit diesem Status zu leben bedeutet permanente Unsicherheit, verbaute Integrationsmöglichkeiten und eine minimale Notversorgung. Viele Menschen macht das krank. Natürlich rechtfertigt eine Duldung nicht, dass man Straftaten begeht oder sich radikalisiert. Aber sie macht solche Entwicklungen auch nicht gerade unwahrscheinlicher.

Deutschland hat im Vergleich zu vielen anderen Ländern den Vorteil, dass es stabil und wohlhabend ist. Viele Organisationen und Einzelpersonen haben über viele Jahre hinweg beträchtliches Wissen und Erfahrung im Umgang mit Neuankömmlingen aufgebaut.

Auf schon gewonnene Erfahrungen aufbauen

In der sich aufheizenden Stimmung sollte man deshalb bedenken, dass nur die Größenordnung und Dynamik der Flüchtlingsaufnahme des letzten Jahres neu waren und nicht die Tatsache, dass überhaupt Flüchtlinge kommen und bleiben.

Anstatt alles bisherige in Frage zu stellen und das Rad neu zu erfinden, sollte man auf schon gewonnene Erfahrungen aufbauen, die soziale Begleitung und Integration der Neuankömmlinge verbessern, Schwachstellen und Fallstricke des Ausländerrechts (wie sie sich etwa in der wachsenden Zahl der "Geduldeten" zeigen) bereinigen und versuchen, die Aufnahme von Flüchtlingen stärker in geordnete Bahnen zu lenken, etwa über Resettlement-Programme, über die schutzbedürftige Personen nach einer Sicherheitsüberprüfung direkt aus den Herkunfts- oder Transitländern aufgenommen werden.

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Wer meint, die öffentliche Meinung allein durch Grenzsicherung, nachträgliche Sicherheitschecks und schnellere Abschiebungen beruhigen zu können, gibt den Menschen ein trügerisches Sicherheitsgefühl.

Da Flüchtlingsarbeit langfristige Arbeit ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass es weitere Fälle von Gewalt geben wird, möglicherweise bis hin zu Terror - so bitter diese Einsicht auch ist.

Vielleicht sollten wir aber einmal den Gedanken wagen, dass solche Akte nicht unbedingt bedeuten müssen, dass der Islamische Staat und andere Terrornetzwerke immer weiter auf dem Vormarsch sind.

Vielleicht sind sie auch die (zugegeben besonders schrecklichen und furchteinflößenden) Verzweiflungstaten einer menschenverachtenden Ideologie, die insgeheim schon ahnt, dass sie keine Zukunft hat - nämlich weil unsere Gesellschaft trotz ihrer Angst ihre Menschlichkeit und ihren Integrationswillen behält?

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