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Finanzen: "Das böse Erwachen ist nur noch eine Frage der Zeit"

11/02/2016 15:48 CET | Aktualisiert 11/02/2017 11:12 CET
Images By Tang Ming Tung via Getty Images

Die meisten Deutschen sind optimistisch ins neue Jahr gegangen. Vielleicht sogar ein wenig zu optimistisch. Die Wirtschaft brummt und eine deutliche Mehrheit fürchtet sich nicht vor der Zukunft, zumindest nicht vor der beruflichen Zukunft.

Eine aktuelle Umfrage lässt darauf schließen, dass rund zwei Drittel der Beschäftigten davon ausgehen, in den nächsten zwölf Monaten nicht entlassen zu werden. Weitere 28 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass ein Verlust der Arbeitsstelle "nicht sehr wahrscheinlich" ist. Nur bescheidene drei Prozent der Deutschen rechnen damit, in 2016 ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Seit 2001 führt das Beratungsunternehmen Gallup diese Umfrage im jährlichen Rhythmus durch und nur im Jahr 2013 war die Zuversicht der deutschen Arbeitnehmer größer als zum Jahresende 2015.

Positiv bewertet wird auch die Gesamtsituation der Wirtschaft. Nur sechs Prozent der Umfrageteilnehmer bezeichnen die Wirtschaftslage als schlecht, 58 Prozent hingegen bewerten die Lage als "gut" oder sogar "hervorragend". Zwischen diesen beiden Polen stehen 37 Prozent, welche die Wirtschaftslage als „nur mittelmäßig" einstufen.

Verzerrte Wahrnehmung?


So weit, so gut, könnte man meinen, wäre den Befragten nicht noch eine vierte Frage vorgelegt worden. Sie bezieht sich auf die Zukunft, denn die Interviewer wollten wissen, ob sich die Wirtschaft im Großen und Ganzen in Zukunft besser oder schlechter entwickeln wird.

Die Antworten waren aufschlussreich. Nur 16 Prozent gingen von einer unveränderten Situation aus. 35 Prozent glauben an eine Verbesserung. Aber knapp die Hälfte der Befragten rechnet damit, dass sich die Lage verschlechtern wird.

Trotzdem scheint Angst um den eigenen Arbeitsplatz im Moment ein Fremdwort zu sein. Beim Blick auf die Zahlen und die gegebenen Antworten stellt sich ein wenig das Gefühl ein, als wären im Zweifelsfall immer die "anderen" von möglichen negativen Entwicklungen betroffen.

Das ist bemerkenswert, gerade in einer Zeit, in der durch die Börsenturbulenzen in China, die Rubelkrise in Russland und die Korruptionsaffäre in Brasilien deutlich wird, dass die Emerging Markets in große Schwierigkeiten geraten sind.

Für die deutsche Industrie wichtige Auslandsmärkte stehen kurz davor wegzubrechen. Dass massive Umsatzrückgänge hier auf die heimischen Arbeitsplätze langfristig ohne Konsequenzen bleiben sollen, ist eine sehr zuversichtliche Einschätzung.

Blauäugig in den finanziellen Unruhestand


Bei der Finanzplanung agieren die Deutschen ähnlich optimistisch. Auch hier wird für die Fachleute jetzt schon deutlich, dass der aktuelle Anspruch und die zukünftige Wirklichkeit in einem krassen Missverhältnis zueinander stehen.

Zuwanderung hin oder her, die deutsche Bevölkerung altert und aktuell sind zum ersten Mal seit vier Jahren wieder mehr Menschen in Deutschland älter als 50 Jahre. Den jungen Alten geht es so gut wie nie zuvor. Sie besitzen mit 2.200 Milliarden Euro mehr als 60 Prozent des Vermögens und geben es gerne und mit vollen Händen aus.

Vorbei sind die Zeiten, in denen die älteren Generationen ihre Zeit nur vor dem Fernseher verbrachten und ihr Geld ansonsten eher gespart als ausgegeben haben. Es wird deutlich mehr konsumiert als in früheren Jahren und auch im Vergleich zu den heute lebenden jüngeren Generationen werden höhere Konsumausgaben getätigt.

Smartphones sind inzwischen nicht mehr allein eine Domäne der Jugend und jungen Erwachsenen. Die Aufwendungen rund um das eigene Fahrzeug schlagen mit 90 Milliarden Euro zu Buche. Aber das Auto ist längst nicht mehr des Deutschen liebstes Kind. Für Fernreisen werden pro Jahr sogar 120 Milliarden Euros ausgegeben.

Best Ager droht Versorgungslücke


Geld ist vorhanden und es wird mit vollen Händen ausgegeben. Vielleicht sollte man aber besser an zwei Stellen ein 'noch' in den letzten Satz einfügen, denn das böse Erwachen ist nur noch eine Frage der Zeit.

Das eigene Alter scheint weit weg zu sein und folglich kümmert sich kaum jemand um es. Nicht einmal ein Drittel, nur 29 Prozent, der Deutschen können ungefähr einschätzen, wie hoch ihr monatliches Einkommen im Alter sein wird.

Dabei sollte man sich diese wichtige Frage unbedingt stellen, denn ein heute 50-jähriger Mann hat laut Statistischem Bundesamt eine Lebenserwartung von 79 Jahren. Gleich alte Frauen dürfen sogar mit 33 Jahren rechnen. Sie werden im Durchschnitt 83 Jahre alt.

So weit, so schlecht, denn ein Viertel der heute "aktiven Alten" legt für später nichts zurück. Ein weiteres Viertel spart gerade mal 100 Euro pro Monat. Das ist viel zu wenig, um das einerseits längere Leben zu finanzieren und dabei gleichzeitig den heutigen Lebensstandard zu halten.

Deutschlands Sparer müssen endlich umdenken und aktiv werden


Die Zeit drängte eigentlich schon immer. Aber heute in Zeiten extrem niedriger Zinsen arbeitet die Zeit ganz gewiss nicht mehr für den klassischen Sparer. Mit Tagesgeld und einer nicht vorhandenen Verzinsung auf dem Sparbuch oder einer Minimalrendite bei den kapitalbildenden Lebensversicherungen ist die sich schon heute abzeichnende Versorgungslücke nur mit besonders hohen Sparanstrengungen zu schließen.

Es muss nicht nur mehr gespart werden, sondern es muss vor allen Dingen besser, das heißt intelligenter, gespart werden. Auf die Regierung oder den Staat sollten Sie dabei nicht zählen. Hier zählt im Zweifel die aktuelle Wirtschaftslage, also Ihr heutiger Konsum, mehr als eine mögliche finanzielle Notlage in 15 oder 20 Jahren.

Politiker wollen immer nur die nächste Wahl gewinnen, deshalb sind wir selbst gefordert und wer heute nichts tut, nichts verändert oder nicht genug tut, der hat sich auch entschieden, und zwar für ein bescheideneres Leben im Alter, denn Zeit macht bekanntlich nur vor dem Teufel halt.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und grüße Sie herzlich,

Ihr

Bernd Heim

Erstveröffentlichung 19. Januar 2016 auf 7vor8.de.

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