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Warum wir für Gewalt und Terror selbst verantwortlich sind

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MUENCHEN AMOKLAUF
dpa
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Nach den gewaltsamen Attacken der vergangenen Woche in Würzburg, München und Ansbach, debattiert Deutschland wieder über die Ursachen von rücksichtsloser Gewalt gegen unschuldige Bürger. Dabei wird besonders ein Aspekt immer wieder diskutiert, der uns spätestens seit dem Germanwings-Absturz beschäftigt: Die mögliche Verbindung von Depressionen und Gewalttaten.

Ich möchte gleich vorweg sagen, dass es aus psychiatrischer Sicht keine Verbindung zwischen diesen beiden Phänomenen gibt. Das Gegenteil zu behaupten, ist schlichtweg falsch und fördert nur neue Klischees und Stereotypen, die niemandem weiterhelfen. Das Problem sitzt oft viel tiefer, nämlich in unseren gegenseitigen Vorstellungen von einander und der Art, wie wir miteinander umgehen.

Identitätsbildung durch Ausgrenzung

Wir sollten uns vielmehr die Frage stellen, warum sich viele Migranten in Deutschland nicht angenommen und ausgegrenzt fühlen? Sie empfinden ihre ethnische Zugehörigkeit als ein Stigma, welches sie von ihren Mitbürgern ausgrenzt und ihre Chancengleichheit in ihrer neuen Heimat beeinträchtigt.

Für diese Selbststigmatisierung bedarf es nicht immer äußerer Diskriminierung oder Rassismus, selbst wenn es letzteres ohne Frage in den meisten westlichen Ländern gibt. Mit diesem Gefühl der Ausgrenzung wachsen viele junge Einwohner der zweiten Generation in Deutschland auf und fühlen sich in der alten und der neuen Identität unwohl.

Als Ausgleich suchen manche von ihnen sich dann andere Identifizierungs- und Kompensationsmöglichkeiten. Ein eigener Slang, Ghettoisierung oder - harmloser -Krafttraining in Fitnessstudios. Das Resultat sind testosterongesteuerte junge Erwachsene, die sich selbst als perspektivlos erleben und ihren Unmut darüber auf der Straße, vor dem Nachtclub oder in Gangs ausleben. Auch der übermäßige Konsum von Alkohol und Rauschdrogen trägt einen entscheidenden Teil dazu bei.

In diesem Rahmen spricht man häufig von Identitätsbildung durch Ausgrenzung. Ich bin mir sicher, dass auch der Täter von München sich nicht gerade als integriertes Mitglied unserer Gesellschaft erlebt hat. Sein Ventil fand er in der Verherrlichung von Gewaltspielen und Amokläufern wie Andre Breivik.

Deswegen began David Ali S. Selbstmord

Die Frustration, die in diesem jungen Mann über Jahre herangewachsen ist, entlud sich in der Phantasie sich für das von ihm empfundene Unrecht zu rächen. Der Täter wollte wahrscheinlich „allen noch mal eins auswischen".

Nach diesem Moment der Macht und Berühmtheit war das Tragen der Verantwortung für die Tat und der damit zusammenhängende Prozess für ihn nicht mehr erwünscht, da sie ihn wieder hätten ohnmächtig werden lassen. Daher beging er Selbstmord.

Was bei Amokläufern und Attentätern oft noch hinzu kommt ist die Identitätsbildung durch ideologische und religiöse Motive, seien es rechtsradikale oder islamistische. Hier bildet sich ein nicht hinterfragbares ‚falsches Selbst' aus.

Wir können es leider nicht verhindern, dass sich dieses verführerische pseudoreligiöse Gedankengut verbreitet. Daher müssen wir die Umstände ändern, in denen sich Migranten, Asylbewerber, aber auch immer mehr Deutsche wiederfinden.

Die Gewalt von Muslimen in Deutschland ist meist eine direkte Folge der Ghettoisierung und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft. Die Gewalt von Rechtsradikalen wiederum die unmittelbare Antwort darauf. Entstehung und Reaktion werden ein zunehmend undurchbrechbarer Teufelskreis ohne Anfang und Ende.

Deutschland pflegt eigentlich eine sehr lange Geschichte der Integration. Schlagen sie mal ein Telefonbuch aus dem frühen 20. Jahrhundert auf. Bereits zu dieser Zeit werden sie viele ‚ausländische' Namen (aus Italien, Polen, Ungarn etc. ) finden. Manche sind mittlerweile eingedeutscht worden. Aufgrund unserer geographischen Lage waren wir schon immer ein attraktives Land für Einwanderer. Und wir haben davon profitiert.

Erst mit dem Aufkommen des Nationalismus in den 1930er Jahren und der fanatischen Ideologie der 1940er entfaltete sich das Gedankengut des Rassismus richtig. Hugenotten waren beispielsweise zuvor noch hochwillkommen.

Vielfältigkeit ausgrenzendes Gedankengut findet in den letzten Jahren in Deutschland leider wieder immer mehr an Zustimmung. Geändert hat sich nur das Objekt. Einfach gesagt: Es ist nicht mehr nur das widersprüchliche Feindbild des Juden, sondern zunehmend das des Moslems.

Die Geschichte vom hausgemachten Terror

Blicken wir in die Geschichte, kann man eine ähnliche Entwicklung beobachten, wie heute. Anfangs galten jüdische Mitbürger als minderwertig, der deutschen Sprache nicht mächtig und auch nicht fähig, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Das galt vor allem für Migranten aus den Osteuropäischen Ländern. Doch mit der Zeit wurde aus dem gut ausgrenzbaren Juden Silberstein Herr Dr. Silberstein und genau darin lag für die fanatischen Nationalisten das Problem. Sie fürchteten einen Verlust ihrer deutschen Identität, durch Unterwanderung seitens anderer Kulturen.

Wagen wir jetzt einen Blick in die Zukunft: Sind die Parallelen nicht wirklich erschreckend? Die türkischen Gastarbeiter der 1960er sprachen eine fremde Sprache. Sie übten eine mehr oder minder fremde Religion aus und übernahmen die Arbeiten für die sich der deutsche Bürger, der sich in der Nachkriegszeit gerade erst seinen neuen wirtschaftlichen Reichtum erarbeitet hatte, zu gut war.

Solange die Deutsch-Türken die Schmutzarbeit gemacht hatten und die Frauen verhüllt waren, konnte man sie ausgrenzen. Jetzt haben sie sich integriert und übernehmen wichtige Positionen in Wirtschaft und Politik und plötzlich nehmen immer mehr Deutsche Moslems generell als eine Bedrohung ihrer Identität und ihres Platzes in der Gesellschaft wahr.

Immer weniger Bürger differenzieren zwischen Syrern, Türken, Somaliern oder Afghanen. Sie haben ein gemeinsames Feindbild: Der Moslem, der in ihr Land kommt, fremde Kulturvorstellungen hat, anders aussieht, anders betet. Und das obwohl Moslems schon seit über 50 Jahren in Deutschland einen Teil des wirtschaftlichen Erfolgs mit erwirtschaftet und vor allem die Esskultur des Landes mitgestaltet haben.

Gegenseitig drängen wir uns in stereotype Erwartungshaltungen, rechtsextreme Wutbürger, fundamentalistischer werdende Moslems, sich missachtet fühlende türkische Mitbürger der ersten oder zweiten Generation und - leider zunehmend - radikalisierte Jugendliche. All das führt dazu, dass sich Menschen von falschen Rollen angezogen fühlen, die ihnen von profitieren wollenden Anderen auf den Leib geschneidert werden.

Darin gehen sie dann auf und werden gleichzeitig von der Vernunft gesteuerten Mehrheit im Alltag allein gelassen. Der vermeintliche Ausweg ist die Flucht in verzerrte Weltansichten, Onlineforen, Verschwörungstheorien, Videospiele. Der neue Terror in Deutschland und anderen Teilen der westlichen Welt, ist - wie die neue Angst - wie immer von Klischees geprägt und vorwiegend hausgemacht.

Unser Ziel muss eine offene Gesellschaft sein und das nicht nur virtuell

Zudem mangelt es gegenwärtig an gegenseitigem Vertrauen. Vertrauen in die Mitbürger, Vertrauen in die Regierung und Vertrauen in die Medien. Die humanitäre Haltung der Kanzlerin ist nach meinem Verständnis die einzig richtige, doch jetzt müssen wir auch mit allen Kräften die nötigen Maßnahmen umsetzen.

Asylbewerber abzuschieben, obwohl sie psychische oder physische Beschwerden haben, ist jedenfalls nicht der richtige Weg. Die Außengrenzen der Europäischen Union und damit die Einreisegründe der Einwanderer nicht mehr ausreichend zu kontrollieren allerdings auch nicht.

Wir müssen einen vernünftigen Mittelweg finden, welcher uns und den Flüchtlingen ausreichende Sicherheit bietet. Und wir müssen für uns selbst eine humanitär-aufgeklärte Haltung zum Umgang der Kulturen miteinander finden.

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Für Moslems unter uns gilt, etwas überspitzt formuliert: Einen Moslem, den ich nicht kenne, ist möglicherweise ein gefährlicher Fundamentalist. Er verkörpert für mich das Klischee, das ich von ihm habe - und für ihn das Klischee, welches er von mir hat.

Einen Moslem, den ich jeden Tag sehe, mit dem ich zusammen arbeite, kann ich als Menschen kennen und wertschätzen lernen. Er wird ein Freund, ein Kollege, jemand mit dem ich gern Zeit verbringe und der mein Leben bereichert.

Als Psychiater kann ich eines mit Sicherheit sagen: Wenn Menschen einander kennenlernen, lösen sich Klischees auf. Wir müssen daher auf einander zugehen und miteinander die Gesellschaft entwerfen, in der wir alle leben möchten.

Lasst uns mehr in Kontakt treten und zwar persönlich, von Angesicht zu Angesicht. Lasst uns die Angst verlieren, nach Hilfe zu fragen wenn es uns nicht gut geht. Ich habe viele schwerst traumatisierte Flüchtlinge und Asylbewerber in Krisensituationen betreut und die haben mir alle gesagt: „Ich bin dankbar! Ich will jetzt etwas für dieses Land tun, das mich so gut aufgenommen hat und ich werde für diese Chance, die ich bekam, etwas Gutes zurückgeben."

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

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In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

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