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Die Medien zeichnen ein verzerrtes Bild der Flüchtlingskrise

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In Deutschland hat seit den Ereignissen in Köln und den Anschlägen in Ansbach und Würzburg eine besorgniserregende Entwicklung eingesetzt.

Zu viele Menschen neigen seit diesen Ereignissen dazu, den gesamten Islam mit dem islamischen Fundamentalismus oder mit einem rückschrittlichen Islam gleichzusetzen.

Das bringt einige Gläubige dazu, sich stärker als zuvor mit ihrer Religion zu identifizieren. Junge Moslems werden oft erst durch diesen Identifikationszwang auf die dann verlockende Spur des radikalen Islamismus gebracht.

Was hilft dagegen? Wir müssen aufhören, in jedem Einwanderer einen parasitären Extremisten zu fürchten und die vielen fleissigen und völlig unauffälligen Moslems, mit denen wir seit langem täglich zusammenleben, zu übersehen.

Bei den Muslimen - genauso wie bei allen anderen Religionen - gibt es nämlich eine riesige 'schweigende' Mehrheit, die seit langem friedlich mit uns lebt und der jeder Radikalismus genauso unheimlich und ablehnenswert ist wie dem Rest der Bevölkerung.

Appell: Lasst Einwanderer selbst zu Wort kommen

Das Problem: Diese schweigende Mehrheit kommt in den Zeitungsberichten, in den TV-Reportagen und in den Radiofeatures so gut wie gar nicht vor. Die Medien zeichnen ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit, wenn sie Flüchtlinge und Muslime immer nur in Zusammenhang mit Extremsituationen nennen; eben mit Anschlägen oder sexuellen Übergriffen.

Ich habe vor allem eines im Rahmen meiner psychiatrischen Arbeit mit Flüchtlingen gelernt: Sie sind Menschen mit exakt denselben Bedürfnissen wie wir. Sie wollen vor allem Frieden und Ruhe für sich und ihre Kinder. Sie wollen soziale Sicherheit, Arbeit und ihre Kinder in gute Schulen schicken, damit letztere eine gute Zukunft haben.

Und sie wollen dem Land, das sie aufgenommen hat, etwas zurückgeben. Sie mussten ihre Heimat verlassen, weil Bürgerkrieg und Extremismus ihnen ihre friedliche Lebensbasis genommen hatten.

All dies lese ich leider nur sehr selten in den Zeitungen.

Ich appelliere deshalb an die Journalisten: Lasst Einwanderer selbst zu Wort kommen, lasst sie ihre wirklichen Geschichten erzählen. Räumt sensationsheischenden Berichten nicht so viel Platz ein. Berichtet stattdessen konstruktiv. Flüchtlinge und Einwanderer haben oft auch die Geschichte eines guten Weges aus dem Chaos in eine erfolgreiche Gegenwart zu berichten. Sie sind Menschen wie wir.

Wir müssen die Flüchtlinge zeigen lassen, was sie können

Journalisten neigen zum Glauben, dass ihre Leser, Zuschauer oder Zuhörer nur Sensationsmeldungen wollen. Aber das ist nicht wahr. Wenn Medien die volle Wahrheit berichten, werden es die Menschen honorieren.

Die Mehrheit der Menschen ist neugierig, hat Mitleid und ist verständnisvoll - wenn Medien der Bevölkerung Einblick in die Lebensgeschichten der Einwanderer ermöglichen, über deren Motivation sich nützlich in ihre neue Heimat einzubringen, kann dies zu einer realistischeren Meinungsbildung in der Bevölkerung führen.

Das Wissen um die Ähnlichkeit der Wünsche und Ziele wird die Integration der Neuankömmlinge erleichtern und die Ängste vor ihnen nehmen.

Und ich habe noch einen Vorschlag, wie wir es schaffen: Wir müssen die Flüchtlinge zeigen lassen, was sie können. Dafür muss das wahnwitzige Prozedere zur Anerkennung ihrer im Heimatland erworbenen Qualifikationen zum Erlangen einer Arbeitserlaubnis entsprechend ihren Fähigkeiten und schliesslich zur Einbürgerung über Bord geworfen werden und der Vernunft weichen.

Den Flüchtlingen die Mittel in die Hand geben

Nichts ist schlimmer als jahrelang entwertet und entrechtet darauf zu warten, ob man im Rahmen seiner Qualifikationen wieder ein Leben aufbauen darf. Wir müssen sie so rasch wie möglich entsprechend ihrer Ausbildung am Arbeitsprozess teilnehmen lassen.

Letzteres ist nämlich genau der Punkt, an dem wir sie in der Tat brauchen und ihnen die Möglichkeit geben können von gedemütigten 'Almosenempfängern' zu Mitfinanzierern unserer Wirtschaft zu werden. Letzteres ist in Deutschland zuvor äusserst erfolgreich mit europäischen Einwanderern praktiziert worden.

Heute wissen wir vielfach nicht mehr, dass Menschen mit italienischen, polnischen oder französischen Namen auch einmal Einwanderer waren. Sie sind im Laufe der Zeit ein Teil der Bevölkerung geworden.

Mein besonderes Rezept bestünde darin, unsere Flüchtlinge nicht quer über die Landschaft versprengt in kleinen Dörfern zu verteilen, sondern ihnen im Sinne eines Marshallplanes die Mittel in die Hand zu geben, in den mittelgrossen und grossen Städten eigene Stadtviertel aufzubauen und sie so in unsere Städte zu integrieren, wie dies beispielsweise in den Vereinigten Staaten, aber auch in Grossbritannien seit langem erfolgt ist.

Die Menschen müssen entsprechend ihrer Qualifikation arbeiten dürfen

Dort gibt es in nahezu allen grösseren Städten Stadtteile mit eigenen Ethnien wie Chinatowns, Little Greece, Little Italy, Little Lebanon und so weiter. Wenn man Teil eines Grossstadtgefüges ist, muss man sich zunehmend sozial integrieren und gerät so schliesslich durch Beruf, Schulen und Universitäten zunehmend in das Netzwerk der neuen Heimat ohne die eigene kulturelle Identität aufgeben zu müssen.

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Wenn man als kleine ausgegrenzte Minderheit in einem Dorf versprengt auf dem Land sitzt, kann man dies nicht erreichen und bleibt aussen vor.

Ein Vorbild für einen gelungenen Willkommens- und Inegrationsprozess könnte hier Kanada sein: Dort fragen die Behörden Flüchtlinge und Einwanderer, was sie können. Dann wird das in kleinen Prüfungen kurz überprüft und es folgt ein Sprachtest. Dann dürfen die Menschen entsprechend ihrer Qualifikation arbeiten. Das ist die beste Vorrausetzung, um aus den Einwanderern sozial integrierte Mitbürger zu machen.

Wenn die Medien dann die Erfolgsgeschichte des Wegs aus Krieg und Chaos hin zu einer geglückten Integration in unsere Gesellschaft erzählen, wird dies die Fremdenangst mindern und Skeptiker inspirieren.

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