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Offene Ohren und gesunder Menschenverstand - Was der Berater von morgen mitbringen muss

29/01/2016 16:00 CET | Aktualisiert 29/01/2017 11:12 CET
Thomas Barwick via Getty Images

Ohne Berater geht heutzutage nichts mehr. Dieser Hype sorgt immer noch dafür, dass die Profession des Beraters so hoch in die Lüfte gehoben wird, dass Mann und Frau gleichermaßen nicht abgeneigt sind, den schnellen Erfolgszug zu besteigen: Jedes Jahr stürmen zehntausende Studienabgänger die vakanten Junior-Consultant- oder Associate-Stellen der Unternehmensberatungen.

Doch der Weg, den ein junger Mensch vom Studium zum vollwertigen Beraterposten zurücklegt ist steinig. Die Frage, die sich für uns dabei stellt: Was bringt diese Ochsentour den Youngstern, die während dieser Tortur nichts anderes sind, als Leiharbeiter im schicken Anzug?

Erfolgsbeschleuniger oder nur Plackerei?

Auf der einen Seite stehen Praxistraining am lebendigen Objekt Kunde, stattliche Experten-Tagessätze und ein Turbo-Aufstieg in der Hierarchie eines angesehenen Beratungsunternehmens. Auf der anderen Seite stehen 15-Stunden-Tage, schwer zu haltende Beziehungen zu seinem Partner und ein Leben aus dem Koffer.

Der anfangs sehr lukrative Job mit dem Reiz, den weiteren Werdegang eines Unternehmens in der Hand zu haben, hat schon was für sich. Doch stellt sich jeder einmal früher oder später die Frage, ob diese völlige Aufopferung das ist, was er für den Rest seines Lebens machen möchte. Denn irgendwann kann auch ein prall gefülltes Bankkonto nicht mehr die Zeit zurückbringen, die man innerhalb Firmenmauern brütend verbracht hat.

Natürliche Auslese durch ‚Up or Out'

Vor allem die großen Consultinghäuser sieben ihre Berater knallhart aus. Der Leistungsdruck jedes einzelnen ist entsprechend hoch. Folgende ungeschriebenen Gesetze sollte jeder verinnerlichen, der von einer Berater-Blitzkarriere träumt:

• Der Kunde und seine Wünsche stehen immer an erster Stelle. Auch wenn das etwa bedeutet, für ein Projekt die eigene Familie hinten anzustellen.

• Von den Mitarbeitern eines Beratungsunternehmens wird allerhöchste Anstrengung gefordert. Nur wer durch besonders hervorragende Arbeit auffällt, hat die Möglichkeit, einen höheren und damit nicht nur finanziell attraktiveren Posten anzusteuern.

Das schürt ganz automatisch den internen Konkurrenzkampf. Tingelt man als Berater zu lange unauffällig nebenher, wird man gefeuert. So einfach ist das bei den Unternehmensberatern. Dieses ‚Up or out' führt zu einer natürlichen Selektion, die gleichzeitig der Beratungsführung auch die Sicherheit gibt, dass nur die besten, talentiertesten und zu totaler Aufopferung bereiten Mitarbeiter für eine gleichbleibend hohe Qualität sorgten.

Die großen Beratungsunternehmen sind noch heute für diese Leistung berüchtigt. Und jeder neue Anwärter spielt dieses Spiel mit - zumindest solange er das mit seinem Gewissen vertreten kann.

Die Wirtschaft ruft nach Veränderungen im Beratermarkt

Es ist etwas in Bewegung, das den Berater der Zukunft sprichwörtlich zwingen wird, sich zu ändern oder anzupassen. Verschiedene Stimmen werden in der Wirtschaft laut, dass sich der Beratermarkt der Zukunft radikal ändern muss, um beim Kampf um Aufträge die Nase vorn zu haben. Eine dieser Stimmen hebt das Wort Sinnkrise in den Fokus.

In einem gesättigten und umkämpften Markt stellen Kunden demnach immer lauter die Frage nach dem Nutzen von Beratungsleistungen. Große Beratungshäuser bauen weiter auf ihre weitreichende Expertise, für die Unternehmen immer noch horrende Summen bezahlen, und sind somit noch relativ sicher vor größeren Umsatzeinbrüchen. Vergleichbar gut geht es ebenso den kleineren Unternehmensberatungen, die sich spezialisiert haben und ihren Kunden wertvolle Praxistipps geben können.

Besonders die mittelgroßen Beratungshäuser bekommen die aktuelle Lage zu spüren: Sie haben nicht die „Maschinerie" weitreichender Expertise wie die ganz großen Anbieter und sind doch zu groß, um dem Kunden Spezialwissen in der Form anbieten können, wie das kleinere Beratungen machen können. Mit der Form ihres Angebots, welches eher einem Bauchladen gleichkommt, geht ihre Attraktivität für den potenziellen Kunden zurück.

Expertise & Soft Skills machen das Rennen

Der Trend zeigt, dass die speziellen Bedürfnisse der Kunden in den kommenden Jahren in den Fokus rücken. Weg von Universalangeboten hin zu individueller Beratung in Verbindung mit Nahbarkeit. Firmenchefs wollen kein „Consulting von der Stange" sondern maßgeschneiderte Lösungen, die auch die Charakteristika des Unternehmens mit einbeziehen. Und dafür wiederum ist es erforderlich, dass sich der Berater mit seinem Kunden mehr als nur oberflächlich auseinandersetzt.

Gesucht wird ein Fachspezialist mit Branchen-Know-how und Gespür für die unverwechselbare Unternehmenskultur. Der zwischen den Zeilen lesen kann und erkennt, welche Werte hier kursieren. Der das ganze Schachfeld im Blick hat und genau weiß, warum Feld B2 eine Auswirkung auf Feld B7 hat.

Der die Zusammenhänge zwischen den Menschen und dem Unternehmen versteht und die Nuancen von morgen erspürt. Und: Der empathisch und nahbar ist und das Unternehmen und die Menschen durch den Prozess begleitet.

Wer sich darin nicht wiederfindet, wird in Zukunft als Berater einpacken können.

Dieser Expertenbeitrag erscheint im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von:

Edgar K. Geffroy, Benjamin Schulz: Goodbye McK... & Co. Welche Berater wir zukünftig brauchen. Und welche nicht.

222 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-86936-664-7, € 29,90

Gabal Verlag, Offenbach 2015

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