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Kann mehr Entwicklung in Afrika die Migration nach Europa bremsen?

11/06/2017 17:05 CEST | Aktualisiert 11/06/2017 17:11 CEST
Jacky Naegelen / Reuters

Aus deutscher Sicht markierte die zweite Jahreshälfte 2015 mit der hunderttausendfachen Zuwanderung vor allem aus Ländern wie Syrien und Afghanistan den Höhepunkt der Flüchtlingskrise.

Seit einiger Zeit richtet sich der europäische und deutsche Blick nun aber vor allem in Richtung Afrika.

Täglich machen sich Boote voll mit Menschen von der nordafrikanischen Küste aus in Richtung Europa auf - nicht wenige ertrinken im Mittelmeer. EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani befürchtet, dass, wenn die zentralen Probleme in afrikanischen Staaten wie Korruption, Armut oder Umweltwandel nicht gelöst werden, schon bald bis zu 30 Millionen Menschen aus Afrika versuchen werden in die Europäische Union zu gelangen.

Erleben wir gerade wirklich den Beginn einer "afrikanischen Völkerwanderung"? Und würde mehr Entwicklung in Afrika das Problem der irregulären Migration lösen?

Die Anzahl der Afrikaner, die in den acht Jahren zwischen 2008 und 2015 einen Erstantrag auf Asyl in einem EU-Land gestellt haben, beläuft sich auf etwa 820.000 und entspricht somit einem Anteil von etwa 0,16 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU.

Die Bezeichnung Völkerwanderung scheint hier zwar übertrieben, dennoch steigen die Zahlen der Menschen, die über das Mittelmeer kommen bzw. ertrinken oder in der Sahara sterben, stark an. Dass sich aber schon bald mehrere Millionen Afrikaner auf den Weg in Richtung Europa machen, ist unwahrscheinlich - vor allem weil den allermeisten Afrikanern für die teure und gefährliche Reise durch die Sahara und das Mittelmeer das notwendige Geld fehlt.

Armut ist nicht der einzige Grund für Migration

Es ist nämlich schlicht ein Irrtum zu glauben, dass Armut der größte Treiber von Migration ist. Armut ist vielmehr ein Migrationshindernis, denn um von „A" nach „B" zu kommen, brauchen Menschen gemeinhin vor allem finanzielle Ressourcen.

Diejenigen, die sich von einem afrikanischen Land aus auf den Weg nach Europa machen, müssen sich hierfür das notwenige Geld sehr mühsam zusammensammeln. Und dies sind nicht selten mehrere tausend Dollar. Deshalb finden die allermeisten Migrationsprozesse auch innerhalb des afrikanischen Kontinents statt - und nicht in Richtung Europa.

Nichtsdestotrotz hat gerade auch die Situation der afrikanischen Migranten im Mittelmeer bewirkt, dass auf deutscher und europäischer Ebene in den letzten Monaten zig Pläne entworfen und vorgestellt wurden, um die drängendsten Probleme Afrikas wie Korruption, Armut, Arbeitslosigkeit, Staatszerfall usw. endlich zu überwinden.

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Natürlich schwingt bei diesen Plänen die Hoffnung mit, das Problem der irregulären Migration nach Europa langfristig und dauerhaft einzudämmen. Es wäre nicht völlig aus der Luft gegriffen, dass sich die wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung in den Ländern Afrikas mittel-bis langfristig merkbar verbessert.

Denn der afrikanische Kontinent hat im letzten Vierteljahrhundert durchaus auch einige Erfolge im Kampf gegen extreme Armut oder Hunger vorzuweisen.

Wenn aber die Zahl der regulären Jobs in den afrikanischen Ländern zunähme, die Einkommen stiegen und auch mehr Menschen ein Studium beginnen könnten, dann bedeutete dies nicht, dass der Wunsch vieler Menschen international zu migrieren auf ein Minimum absinken würde.

Ganz im Gegenteil: Er würde aufgrund neuer Möglichkeiten sogar eher steigen. Was nun freilich nicht heißt, dass dann noch viel mehr Menschen verzweifelt versuchen würden, mit Booten über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.

Vielmehr könnte dies bedeuten, dass mehr Menschen den Zugang zu regulären internationalen Arbeitsmärkten oder ein Studium an einer ausländischen Universität anstreben.

Entwicklung kann zu mehr Migration führen

Dass Entwicklung grundsätzlich zu mehr Migration führen kann, sollten wir in Deutschland und Europa bei den Themen Afrika und Zuwanderung nicht vergessen.

Auch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass eine moderate und gut geplante Zuwanderungspolitik, die sowohl den Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft aber auch denen der Zuwanderer, deren Familien und deren Herkunftsländer gerecht wird, positiv für alle Beteiligten sein kann.

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Während die eine Seite neue Arbeitskräfte - etwa in Mangelberufen - hinzugewinnt, kann die andere Seite z.B. von Geldsendungen ihrer Verwandten profitieren.

Zuwanderung alleine wird zwar nicht die zunehmende Überalterung in Deutschland oder anderer Teile Europas und vor allem den Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung stoppen können - dazu wäre eine jährliche Zuwanderung hunderttausender Menschen vonnöten, was absolut unrealistisch ist.

Auch wird Migration alleine nicht die Probleme Afrikas lösen können. Ein Baustein für die Bewältigung der Probleme Afrikas und Europas könnte sie allerdings schon sein.

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