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Beendet endlich das Sterben in unseren Städten - wir müssen Radfahrer besser schützen

16/06/2017 19:57 CEST | Aktualisiert 16/06/2017 23:46 CEST
dpa

Es ist eine Szene, wie sie sich in deutschen Städten jeden Tag Dutzendfach abspielt: Der Fahrer eines parkenden Autos schaut nicht über die Schulter und nicht in den Rückspiegel. Dann reißt er die Tür auf, in die im nächsten Moment ein Radfahrer knallt.

In Berlin endete ein solcher Unfall jetzt tödlich. Ein Diplomat aus Saudi-Arabien öffnete am Dienstagabend die Tür seines Porsches. Der betroffene 55-jährige Radfahrer starb am Mittwoch im Krankenhaus.

Berlin ist leider kein Einzelfall. Im Schnitt stirbt jeden Tag in Deutschland mehr als ein Radfahrer im Straßenverkehr. In den allermeisten Fällen passieren die Unfälle in Städten.

14.230 schwerverletzte Radfahrer pro Jahr

Besonders besorgniserregend: Seit 2010 ist die Zahl fast unverändert.

Damals verunglückten 381 Radfahrer tödlich, 2016 waren es 392. Auch die Zahl der schwerverletzten Radfahrer ist ein Skandal: 2015 waren es unglaubliche 14.230.

Mit dem Sterben auf den Straßen der deutschen Städte muss endlich Schluss sein!

Wir brauchen einen Aufschrei der Radfahrer. Er muss dazu führen, dass die Verkehrsplaner in den Städten schnell und radikal umdenken.

Allerorten heißt es, die Menschen sollten mehr Radfahren - weil die Straßen in den Städten verstopft sind. Weil die Menschen den Lärm und die Luftverschmutzung leid sind.

Genau aus diesem Grund steigen auch immer mehr Menschen in den Städten aufs Rad.

Nur: Die deutschen Metropolen tun kaum etwas dafür, dass diese Menschen sicher von A nach B kommen.

Kreuzungen als Unfall-Hotspot

Immer noch gibt es viel zu wenige Radwege und wo es sie gibt, sind sie in der Rush-Hour meist überfüllt, weil sie zu schmal sind. Immer noch sind zu wenige Radwege an stark befahrenen Straßen durch Begrenzungen geschützt.

Noch immer gilt auf zu wenigen Straßen Tempo 30 für Autofahrer.

Immer noch passieren zu viele Unfälle, wenn Autos oder LKW an Kreuzungen abbiegen und Radfahrer übersehen.

Aber besonders Kreuzungen ließen sich leicht schützen, indem die Radwege einfach durchgehend markiert werden. Selbst im Autoland USA gibt es zahlreiche dieser Projekte. In Deutschland enden die Radmarkierungen bisher meist an der Kreuzung und beginnen erst danach wieder.

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(Durchgezogener Radweg in den USA)

Aktuell passieren die meisten Unfälle, die Radfahrer zum Opfer haben, beim Abbiegen.

All diese Maßnahmen wären einfach und schnell umzusetzen, wenn ein politischer Wille da wäre. Sie sind noch nicht einmal sonderlich teuer.

Kopenhagen zeigt, wie es geht

Dass sich die Sicherheit für Radfahrer verbessert, ist noch aus einem anderen Grund nötig: Wer will, dass in Städten mehr Menschen das Rad nutzen, muss dafür sorgen, dass sie sich sicher fühlen.

Wie Umfragen zeigen, ist immer noch der Hauptgrund Nummer 1, warum Menschen nicht Rad fahren, die Angst um ihre eigene Sicherheit. Wer auf die Unfallstatistik blickt, kann ihnen nicht verdenken, dass sie aufs Rad verzichten.

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Dass es sich lohnt, wenn Städte für mehr Sicherheit in die Radinfrastruktur investieren, zeigt das Beispiel Kopenhagen. Dort starb im Jahr 2014 nur ein Radfahrer, obwohl dort inzwischen mehr Wege mit dem Rad zurückgelegt werden, als mit dem Auto. In Berlin ist hingegen jeder dritte Verkehrstote ein Radfahrer.

Etwas mehr als 100 Millionen Euro hat Kopenhagen in den vergangenen Jahren in seine Fahrradinfrastruktur investiert. Dafür bekommt man in Deutschland ein paar Kilometer Autobahn.

Auch die Radfahrer sind gefragt

Sicher: Jetzt mit dem Finger nur auf die Politiker und Autofahrer zu zeigen, greift zu kurz. Das weiß ich, weil ich pro Woche auf dem Weg ins Büro und zurück rund 75 Kilometer in der Münchner Innenstadt unterwegs bin.

Ich sehe täglich Radfahrer, die über Rot fahren, die den Gehweg als Radweg benutzen und die in der falschen Richtung unterwegs sind. Wir Radfahrer müssen auch bei uns selbst anfangen und bessere Verkehrsteilnehmer werden. Das würde viele Spannungen abbauen, die zwischen Auto- und Radfahrern bestehen.

Das zeigt: Jetzt sind alle gefordert. Lasst es uns endlich angehen!

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(jg)

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