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In einem Europa, das solche Bilder produziert, will ich nicht leben

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EUROPA BILDER
dpa
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Europa ist in diesen Wochen nicht mehr wiederzuerkennen. Seine Menschen erscheinen klein, engstirnig, verhärmt.

Der Kontinent verabschiedet sich mehr und mehr von den Werten, die ihn groĂź und als moralische Stimme in der Welt einflussreich gemacht haben.

Europa verliert seine Werte, die so viele Europäer - vor allem junge Menschen - stolz machen, Europäer zu sein: Freiheit auch für Andersdenkende und Toleranz. Zwei Dinge, die eine offene und liberale Gesellschaft ausmachen.

JĂĽngstes Zeichen dafĂĽr ist ein Foto, das in den vergangenen Tagen am Strand von Nizza entstanden ist.

Es zeigt vier Polizisten, die um eine auf dem steinigen Boden sitzende Frau herum stehen. Die Gendarmen haben Schlagstöcke dabei und Pistolen. Die Frau zieht sich einen blauen Umhang - wohl einen Burkini oder Ganzkörperschleier - vom Kopf.

Laut Medienberichten wollten die Polizisten der Frau ein Bußgeld verpassen, weil Burkinis und andere religiöse Gewänder am Strand der Stadt neuerdings verboten sind.

Dieses Foto ist für alle echten Europäer wie ein Hieb mit dem Schlagstock mitten ins Gesicht.

Die Länder des Kontinents, in diesem Fall Frankreich, sind an einem Punkt angelangt, an dem Menschen mit einem bestimmten Glauben, mit einem bestimmten Aussehen wieder verfolgt werden. Sie müssen Bußgelder bezahlen, weil sie die falsche Kleidung tragen. Frauen an Stränden müssen sich entkleiden oder den Strand verlassen.

Nizza ist kein Einzelfall - in den vergangenen Tagen wurden mehrere Muslimas in französischen Küstenstädten mit Bußgeldern belegt.

Aber Frankreich ist nicht allein. Auch Deutschland diskutiert über ein Verbot der Vollverschleierung, in vielen europäischen Ländern könnte eines folgen. Ein Abendgymnasium in Osnabrück hat ein verschleiertes Mädchen kürzlich vom Unterricht ausgeschlossen.

Dass die angesprochene Szene an einem Strand in Frankreich stattfindet, ist umso bedenklicher. Die Franzosen waren immer ein Vorbild für Europa: mit ihrer Lebensart, ihrer Kunst auch mal Fünfe gerade sein zu lassen, ihrer Weltläufigkeit.

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Alle schauen immer auf New York als internationalste Stadt der Welt - aber in Wahrheit ist Paris eine der internationalsten Metropolen; und eine der tolerantesten. Wer das Viertel "Klein-Kongo" nahe Montmartre - wo sich Menschen aus Dutzenden Nationen friedlich begegnen - in Paris besucht hat, weiĂź das.

Nicht umsonst sind Afro-Amerikaner, die die Stadt besuchen, von der Offenheit begeistert, mit der sie empfangen werden. In den USA dagegen schlägt ihnen häufig noch offener Rassismus entgegen.

Mit dieser Toleranz ist es - zumindest fĂĽr Muslime - in Frankreich nicht mehr weit her. Aber nicht nur in Frankreich.

Europa und seine Bürger hat die Angst ergriffen. Die Angst vor Schleiern, vor Männern mit langen Bärten, vor einem Buch namens Koran.

Europa hat die Angst vor dem Fremden ergriffen, vor dem Anderen. Vielleicht auch die Angst vor der eigenen Courage, vor den eigenen Werten.

Wer jemals in den Ländern des Nahen Ostens gereist ist, wer in muslimisch geprägten Staaten wie der Türkei, Indonesien oder Bangladesch unterwegs war, der weiß, wie gastfreundlich, wie herzlich die Menschen dort sind. Sie begrüßen Gäste mit einem Lächeln, mit Neugier. Sicher, es gibt Ausnahmen, aber die machen nicht die Regel.

Europa stattdessen verschränkt derzeit die Arme und schaut grimmig.

Intoleranz und Engstirnigkeit: Was frĂĽher Ausnahme war, wird immer mehr zur Regel. Warum das so ist?

Eine Antwort ist der Terror, der die Menschen besorgt. Eine andere ist die Finanzkrise, die manche Länder Europas hart getroffen hat. Viele Millionen - vor allem junge - Menschen sind arbeitslos. Dennoch geht es den allermeisten noch gut.

Es sind Allgemeinplätze, aber in diesen Zeiten ist es wichtig, sie zu erwähnen: Kaum jemand in Europa leidet Hunger, jeder darf seine Meinung sagen, jeder ist zu großen Teilen seines eigenen Glückes Schmied. Europa ist immer noch ein sehr sicherer Ort.

Aber Europa will die Menschen nicht mehr, die aus Regionen kommen, in denen all das nicht der Fall ist. Weil Europa den Mut verloren hat, zu seinen eigenen Werten zu stehen.

Viele junge Menschen in Europa sehen sich mit Stolz nicht mehr als Franzosen, als Spanier oder Deutsche - sondern als Europäer.

Mit dem Stolz auf dieses Europa aber ist es in diesen Tagen vorbei. Europa verwandelt sich - in einen intoleranten, engstirnigen Ort, an dem man nicht mehr gerne leben will.

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