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Bücher-Blogs: Dürfen die das?

20/02/2016 15:07 CET | Aktualisiert 20/02/2017 11:12 CET
GrenouilleFilms via Getty Images

Opa schlägt seine Zeitung auf. Durch das Milchglasfenster schimmert das Sonnenlicht eines verheißungsvollen Morgens hinein. Opas Pfeife, deren Qualm nach Vanille duftet, schüttelt seinen Kopf. Der Alte wackelt so heftig, dass auch die Hosenträger nicht hinterherkommen. Schwedische Pop-Gruppe gewinnt den Grand Prix - diese Schlagzeile macht ihn fuchsig.

Die gute alte Zeit! Oder sagen wir, die alte ZEIT. Denn dieser Opa, den ich gerade beschrieben habe, hätte seine helle Freude an einem Artikel, der vor kurzem dort erschienen ist und sich wie eine verstaubte Feuilleton-Selbstverteidigung längst vergangener Tage liest. Also, wenn es da das Internetz schon gegeben hätte. Darin heißt es zum Beispiel:

„Genres wie Fantasy und Romantik werden auch von Bloggern, die keine Videos, sondern Texte veröffentlichen, besprochen. Allerdings nicht nur. Auch die sogenannte Hochliteratur wird im Internet von Leuten rezensiert, die nicht zum Kreis der etablierten Literaturkritik gehören."

Vorab möchte ich mich bei der Autorin dieses Artikels entschuldigen, dass ich nicht zum Kreis der etablierten Literaturkritik gehöre. Auch Ihnen, liebe Leser, möchte ich sagen: Es tut mir sorry! Gern würde ich im Literarischen Quartett über die hochvergeistigten Neuerscheinungen schwadronieren, dazwischen an meinem Glas Wasser nippen und - Moment, was sagen Sie? Die Sendung gucken Sie gar nicht?

Naja, jedenfalls würde ich mich freuen, zu erfahren, wo ich diesen erlesenen, exklusiven Kreis finden kann, der die „sogenannte" (und nur die!) Hochliteratur rezensieren darf. Doch selbst wenn ich diese Illuminaten des geschriebenen Wortes aufspüren würde, hätte ich sicher keine Chance. Denn:

„Viele Buchblogger wählen Bücher ohnehin nur dann aus, wenn sie annehmen, dass sie ihnen gefallen."

Das ist selbstverständlich auch mein einziges Kriterium. Ähnlich wie bei einer seichten Serie möchte ich mich von einem Buch berieseln und unterhalten lassen. Das hat natürlich nichts damit zu tun, mit einem gewissen Anspruch und kritischer Reflexion an Bücher heranzugehen, nein. Es geht einzig und allein um das Amusement, den oberflächlichen Kick. Kein Wunder, dass wir nur Fantasy und Romantik auswählen!

Eine weitere Passage dieses Artikels möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

„Die Lektüre darf nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Geschichte muss leicht verständlich sein. Werden verschiedene Zeitebenen verschränkt, kommt das bei vielen Bloggern schon mal nicht gut an. Die Figuren müssen sympathisch und ihre Handlungen nachvollziehbar sein."

Also spätestens jetzt sind sie über die Spezies Buchblogger im Bilde. Und mal ehrlich: Die Bücher mit dem größten Erfolg haben vor allem folgende Geheimzutaten:

• Eine schwer verständliche Geschichte.

Am besten frage ich mich auf jeder verdammten Seite, wie das Ganze nochmal war. Ich möchte in einem Wust an Nebenschauplätzen, unbedeutenden Handlungen und überflüssigen Figuren ertrinken. Nur so entsteht echtes Lesevergnügen!

• So viele Zeitebenen wie möglich.

Bitte mit Rückblenden, die erst 100 Seiten später eine Rolle spielen, nachdem ich mit Visionen der Nebencharaktere, Erinnerungsfetzen und epochenübergreifenden Jahrhundertkonflikten beglückt wurde. Dazwischen erwarte ich immer mal wieder Schnipsel von Tagträumen.

• Ätzende Figuren, die sich völlig unlogisch und irrational verhalten.

Wenn Kommissar Schneider sich durch einen Sprung in geometrische Figuren aus einer Gefängniszelle befreit - einfach klasse! Sowas wünsche ich mir auch in ernsten Thrillern oder Krimis. Dass der Kommissar, der Frau und Kinder schlägt, einfach niest und dem vermeintlichen Täter daraufhin alle Klamotten weggeweht werden. Oder dass ein Drogendealer plötzlich lammfromm wird und damit beginnt, Babywale zu retten. Ohne Erklärung.

Die unerhörte Begebenheit

Die ZEIT hat investigativ recherchiert und herausgefunden: Verlage erkennen mittlerweile das Potenzial von Bloggern, vernetzen sich mit ihnen und - jetzt kommt die größte Frechheit - schicken denen auch noch Rezensionsexemplare zu! Hier sei die Trennung zwischen Fan und Blogger unklar. Natürlich ist das beim etablierten Feuilletonisten nicht der Fall. Er wertet und handelt komplett unabhängig, kein Medienhaus steht hinter ihm und seine persönlichen Befindlichkeiten bleiben wie bei Oppa am heimischen Küchentisch! Und woran liegt das, lieber Opa? War früher alles besser?

„Der Gang in die Buchhandlung wird seltener, im Feuilleton informieren sich die wenigsten über Literatur. Nach Empfehlungen fragt man die Buchhändler heute in etwa genauso ungern wie Passanten auf der Straße nach dem Weg. Wofür hat man denn dieses Internet, das einem Antworten auf alle Fragen liefert, ohne dass man mit einem Menschen sprechen muss."

Jaja, dieses Internet. Darüber kursiert ja so allerhand. Aber bedrohlich dürfte das doch alles für die großen Zeitungen nicht sein. Wie hieß es damals doch so treffend?

„Und Blogs sind ja eine Aneinanderreihung von persönlichen Befindlichkeiten von Leuten, die eigentlich für den Journalismus oder für die Öffentlichkeit keine wirkliche Bedeutung haben."

Eben. Und wenn Sie sich jetzt fragen, wer da eigentlich immer seinen Senf in den Netzäther streicht, finden Sie hier die Antwort:

„Ich sehe Hausfrauen vor verstaubten Gummibäumen, die sich ausziehen."

Augenblick, lassen Sie mich kurz in den Spiegel sehen - ja, kommt hin. Man ist sich also uneinig einig, was Blogger angeht: Einerseits belächelt als Möchtegern-Meinungsmacher, andererseits gefährlich einflussreich in ihrer Dummheit. Ein Satz im ZEIT-Artikel lässt mich allerdings hoffen:

„Auch viele der Buchblogger sind sich darüber bewusst, dass der Gegenstand, über den sie schreiben, ein heikler ist."

Na da haben wir (oder manche von uns) ja nochmal Glück gehabt.

Im Ernst: Natürlich gibt es Bookhauls, die kritisch zu sehen sind. Jan Böhmermann hat das wunderbar parodiert. Die Inszenierung mancher Youtube-Rezensenten wirkt auf den erwachsenen Menschen seltsam, slapstickhaft und bisweilen bodenlos peinlich. Wir sind allerdings nicht die Zielgruppe dieser Inszenierungen und genau das macht diese jugendlich und lockerfluffig erscheinenden Vlog-Hauls (was für ein Unwort) so problematisch. Oft ist hier unklar, wer da wen vermarktet - der Youtuber den Autor oder der Youtuber sich selbst durch den Autor.

Dieses Phänomen kann jedoch nicht der Grund dafür sein, „die Buchblogger" abzukanzeln. Schwarze Schafe gibt es überall. Artikel wie der aus der ZEIT tragen allerdings nicht dazu bei, aufzuklären. Sie offenbaren stattdessen die bräsige Furcht des Feuilletons, nicht mehr gewollt zu sein. So wie der Opa, der sich über das Internetz oder den Grand Prix beschwert. Schauen wir doch lieber über den Tellerrand am Frühstückstisch. Dann braucht das Feuilleton auch keine Angst mehr vor uns zu haben.

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