BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Benedikt Gehrling Headshot

Ganztagsschule, Inklusion und Flüchtlinge - wir Grundschullehrer schaffen das nicht mehr

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ELEMENTARY SCHOOL ANGRY
Den Grundschulen fehlen die Lehrer | DGLimages via Getty Images
Drucken

Viele denken, dass Lehrer in einer Grundschule ein einfacher Job wäre: Ferien, aufmerksame Kinder, leicht zu vermittelnder Stoff. Doch die Realität sieht anders aus. Besonders in Frankfurt am Main.

Die Aufgaben, die wir Grundschullehrer hier zu bewältigen haben, werden immer mehr: Ganztagsschule, Inklusion von Kindern mit Beeinträchtigungen und seit 2015 auch die Integration von Flüchtlingskindern.

Was hier zusammenkommt, ist zudem die Ballung von Problemen sozialer und sprachlicher Art. Frankfurt als Großstadt ist nunmal ein Kristallisationspunkt für Zuwanderung, so dass die Probleme hier stärker und härter aufschlagen als in anderen Regionen.

Das Problem sind nicht die Flüchtlinge. Das Problem ist, wenn ein Arbeitsbereich bereits enorme Ressourcen beansprucht und dann noch zusätzliche Belastungen dazukommen - wie in diesem Fall der Unterricht mit Flüchtlingen. Aktuell können wir deshalb unsere Verpflichtungen nicht mehr befriedigend bewältigen.

Es fehlt an Lehrern

Wir merken, dass wir diese Herausforderungen mit unseren Bordmitteln nicht mehr schaffen. Die Arbeitsbelastung ist bei uns zeitlich als auch psychisch kaum noch zu bewältigen.

Das grundsätzliche Problem: Es gibt einfach nicht genug Lehrer.

Derzeit fehlen mindestens Dutzende Lehrer im Förderschulbereich, die Stellen werden vermutlich auch zeitnah nicht besetzt. Ähnlich sieht es auch außerhalb von Frankfurt aus.

Das hat zur Folge, dass wir teilweise Lehrkräfte einstellen müssen, die keine ausgebildeten Pädagogen sind. Und falls wir gute Lehrer bekommen, können wir diese nicht länger als fünf Jahre einstellen, weil wir dann dazu rechtlich verpflichtet wären, sie unbefristet einzustellen.

Wegen des Lehrermangels hat der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) bereits über 2000 Pensionäre und baldige Pensionäre angeschrieben und sie gebeten, wieder oder länger in den Unterricht zu gehen. Doch bisher hat sich nur jeder Zehnte gemeldet. Viele wollen - wenn überhaupt - nur wenige Stunden in der Woche arbeiten. Das ist verständlich.

Das könnte euch auch interessieren: 7 Gründe, warum Lehrer möglicherweise keine Lust mehr haben, eure Kinder zu unterrichten

Viele Ansätze, wenig Erfolgsversprechendes

Es ist auch schwer möglich diesen Lehrkräften die Verantwortung für erste Klassen oder den Fachunterricht in Kernfächern wie Deutsch oder Mathematik zu geben. Auch der Einsatz in sogenannten Brennpunktschulen fällt weg. Denn die Kinder dort sind sehr stark angewiesen auf eine tägliche Betreuung, die die zurückkehrenden Lehrkräfte einfach nicht leisten können.

Somit kann die derzeit bestehende Lücke nicht geschlossen werden.

Kultusminister Lorz versucht zugleich, arbeitslose Hauptschul-, Realschul- und Gymnasiallehrer für das Grundschullehramt auszubilden. Das ist grundsätzlich ein guter Ansatz. Ich glaube aber, dass das auf Dauer nicht ausreicht. Denn irgendwann werden auch diese Schulen Probleme mit der Lehrer-Rekrutierung bekommen.

Zudem hat Hessen mit Baden-Württemberg ein benachbartes Bundesland, das signifikant höhere Löhne bietet - 150 bis 200 Euro Netto mehr im Monat. Auch Bayern zahlt wesentlich besser. Und: Grundschullehrer in den beiden Ländern sowie in Rheinland-Pfalz haben niedrigere Arbeitszeiten.

Früher konnte ich von dort noch Lehrer nach Frankfurt holen, das gelingt nun nicht mehr. Denn zu der höheren Arbeitsbelastung und den teils niedrigeren Löhnen kommen noch die höheren Lebenshaltungskosten in Frankfurt obendrauf.

Um die Situation also kurzfristig zu entlasten, ist eine Lohnerhöhung unausweichlich. Wir müssen auf das Niveau der Nachbarländer kommen - dann kommen die Leute zu uns.

Das könnte euch auch interessieren: Was diese Lehrer ihren Schülern schreiben, sollten alle Schüler hören

Doch das reicht nicht: Um langfristig Erfolg zu haben, muss der Numerus Clausus, also die Zugangsbeschränkung an den Universitäten, für Grundschulpädagogik gesenkt werden. In Frankfurt liegt er dieses Semester bei einem Notenschnitt von 1,5.

Das ist lachhaft, das studiert dann niemand mehr. Wir merken das schon jetzt: 15 Referendariatsplätze konnten wir nicht besetzen. Es kommen einfach keine Studenten mehr aus der Universität nach.

Immerhin einen Lichtblick gibt es: Das staatliche Schulamt in Frankfurt unterstützt uns in all dieser Mangelverwaltung. Wir stehen hier in der Stadt eng beisammen, um die Not an den Schulen zu lindern.

Doch was nicht da ist, bleibt schwierig zu machen.

Das Gespräch wurde von Marco Fieber protokolliert.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.


(cho)