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Macht und Microchips in Mexiko

06/06/2015 10:20 CEST | Aktualisiert 06/06/2016 11:12 CEST

Wissen ist Macht, so hat es Francis Bacon im 16. Jahrhundert verkündet. Wenn das wirklich stimmt, dann ist heute in Mexiko die Verteilung der Macht sichtbar im Wandel. Die Digitalisierung erleichtert den Zugang zu Wissen und Informationen und verschiebt damit traditionelle Machtstrukturen. Denn von diesem neuen Zugang profitieren vor allem jene, die althergebrachte Autoritäten zur Rechenschaft ziehen wollen.

Eine einst allmächtige Regierung

Der Erdbeben 1985 war ein entscheidender Moment für ziviles Engagement in Mexiko. Selbst dreißig Jahre später haben die Gesprächspartner in meinen Interviews immer wieder darüber gesprochen. Seit 1929 regierte in Mexiko eine Einparteienherrschaft und weil der Staat als Leister alle Dienste angesehen wurde, gab es für zivilgesellschaftliche Organisationen wenig Raum.

Doch als die Regierung angesichts der Verwüstungen infolge des Erdbebens überfordert schien, bildeten sich spontan engagierte Gruppen von Bürgern, um beim Wiederaufbau mit anzupacken. Mexikos Zivilgesellschaft war geboren - eine sehr positive Nebenwirkung angesichts der verheerenden Katastrophe.

Die Einparteienherrschaft kam 2000 zu Ende und auch heute steht die komplexe Beziehung der Mexikaner gegenüber ihrer Regierung noch im Vordergrund. Initiativen für politische Transparenz bildeten die häufigsten digital-sozialen Projekte, denen ich begegnet bin - viel zahlreicher zum Beispiel als Gesundheits- oder Bildungsinitiativen.

Vor allem beeindruckt hat mich Borde Político - eine Plattform, die von jedem Abgeordneten im Parlament ein Profil auflistet, das zeigt, wie aktiv er/sie ist und wofür er/sie steht. Gleichzeitig bildet die Plattform auch ein Online-Forum für politische Diskussionen. Projekte solcher Art wie auch verschiedene Open-Data-Initiativen erschweren es korrupten Staatsbeamten zunehmend, ihre Taten zu verbergen.

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Bei Borde Político im Büro

Auch die Regierung macht mit

Das ist nicht einseitig: An mehreren Stellen treibt die Regierung diese digitalen Reform auch mit. Innerhalb des Präsidentenbüros ist ein junges und dynamisches Digital-Strategie-Team gegründet worden. Es veranstaltet unter anderem Retos Públicos, einen Innovationswettbewerb, bei dem kleinere Startups digitale öffentliche Dienste entwickeln.

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Die Mitarbeiter von SocialTIC konnten mir viel Hilfe beim Entdecken Mexikos digitale-soziale Projekte leisten

HackCDMX, ein sozialer Hackathon, wird auch von einer staatlichen Behörde organisiert. Und laut Alejandro Maza, CEO von Open-Data Tool OPI, gibt es immer mehr Regierungsmitglieder, die nach Transparenz und Reform fordern.

Andere Machthaber

Doch nicht nur die Arbeit der Regierung wird genau verfolgt und gegebenenfalls transparent gemacht. Zwei Organisationen, die das Wort „Macht" sogar im Namen tragen, setzen sich mit dem Einfluss von Großkonzernen auseinander. El Poder del Consumidor, („Die Macht des Konsumenten") entwickelt Kampagnen zum Thema Volksgesundheit und hat in diesem Zusammenhang bereits gegen Coca-Cola erfolgreich eine geführt.

In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen führten sie eine erfolgreiche On- und Offline-Kampagne zur Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke, deren hoher Konsum in Mexiko ihrer Meinung nach große Gesundheitsprobleme verursacht.

Eine andere Gruppe, die einfach Poder („Macht") heißt, versucht den Einfluss von Großkonzernen auf den politischen Prozess aufzuzeigen und zu verringern. Poder hat eine Wiki-Plattform eingerichtet, auf der die persönlichen Beziehungen und Verbindungen zwischen den wirtschaftlichen und politischen Eliten sichtbar gemacht werden.

Zusammen sind wir stark

Diese Transparenzprojekte sind Teil des Trends, Bürger zu ermutigen, sich selbst als Akteure der Veränderung zu betrachten. Der Prozess ist lang, erklärt mir Alberto Herrera, Chef des relativ neuen mexikanischen Büros von change.org, weil sich die alte politische Kultur dem stark widersetzt.

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Sonnenuntergang über der Hauptstadt, der Blick vom "Digital Strategy Unit" im Präsidentenamt

Die aufkommende digitale Zivilgesellschaft scheint sehr stark in Mexiko-Stadt verortet zu sein; (die Mehrheit meiner Gespräche fanden sogar nur in einem Stadtteil statt - Roma/Condesa, sehr grün und sehr wohlhabend).

Damit laufen sie jedoch Gefahr, Probleme nur mit einer sehr eingeschränkten Perspektive wahrzunehmen. Laut Gobierno Fácil, eine der wenigen Gruppen, die im ländlichen Bereich tätig sind, verstehe die digitale Avantgarde der Hauptstadt oft die Probleme der ländlichen Bevölkerung nicht richtig.

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Das Team von Gobierno Fácil

Andererseits könnte man auch erwarten, dass aus diesem Clustering viel Austausch und Kollaboration folgt. Doch scheinen sich viele dieser Organisationen der Existenz der anderen gar nicht bewusst zu sein trotz der geographischen und manchmal auch thematischen Nähe.

Damit steigt das Risiko, dass sich verschiedene Projekte zu gleichen Themenbereichen bilden und tatsächlich ähneln sich manche unter ihnen einander sehr auffällig.

Die Transparentplattform Curul501 verfolgt zum Beispiel sehr ähnliche Ziele wie Borde Político; die „Citizen-Reporting"-Projekte ret.io, Avisora und cic.mx sammeln alle auf einer Karte Berichte von Bürgern über Straftaten und andere soziale Probleme; und mehrere Projekte geben der Crowd die Möglichkeit, Gesetztexte mit Erklärungen für andere zu schreiben.

Über die Grenze hinaus

In meiner Vorrecherche hat mich die Frage interessiert, wie stark die Verbindungen zwischen der mexikanischen und der US-amerikanischen digitalen Zivilgesellschaft sind. Würde eine (allerdings politisch geladene) Grenze zur weltgrößten Ökonomie und Heimat des Silicon Valley digitale Innovationen fürs Gute antreiben?

Einige Kooperationen gibt es schon. Manche Projekte sind maßgeblich von US-amerikanischen Stiftungen finanziert und es wird gesagt, dass Risikokapital-Unternehmen aus den USA immer mehr Interesse an mexikanische Start-Ups haben. Seltener wird eine richtige Zusammenarbeit über die Grenzen hinaus aufgebaut: Das technische Team von Avisora ist beispielsweise in den USA und das bejubelte Projekt Subsidios al Campo wurde mit Hilfe der EWG in Washington D.C. gelauncht.

Als Orientierungspunkt ist dagegen Lateinamerika viel wichtiger als die Vereinigten Staaten. Fragt man Projektmacher, welche Vorbilder sie inspiriert haben oder mit welchen anderen Teams sie im Austausch sind, dann erwähnen sie am häufigsten Projekte aus Lateinamerika.

Wenn es um Skalierungspläne geht, wird ebenso von zentral- und südamerikanische Zielländer gesprochen. Das hat also weniger mit geografischer Nähe zu tun (Buenos Aires ist immerhin neun Stunden Flugzeit von Mexiko-Stadt entfernt), sondern mit höherer Relevanz aufgrund der selben Sprache, einer ähnlichen kulturellen Geschichte, Problemen und wirtschaftlichem Entwicklungsstand.

Und? Ist Wissen wirklich Macht?

Mexiko steht eine spannende Zukunft bevor. Bis 2030 wird das Land voraussichtlich die 12.-größte Wirtschaft der Welt. Doch wer letztendlich von diesem Wohlstand profitiert, hängt davon ab, wie die Macht verteilt wird.

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Alt und neu: Mexikos Wirtschaft wächst sehr schnell

Die Digitalisierung stellt mehr Menschen mehr Informationen zur Verfügung. Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit: Wird die Welle von Transparenzprojekten dazu beitragen, Korruption zu verringern? Wird die Veröffentlichung von Daten über Großkonzerne dazu führen, dass sie sich sozialer verhalten?

Wird die Verortung von Straftaten auf einer Online-Karte der Polizei dabei helfen, diese effektiv zu verhindern? Werden immer detailliertere Informationen über den tödlichen Drogenkrieg durch die Veröffentlichung von Videos der Familienmitglieder der Opfer dazu führen, die Kartellgewalt einzudämmen?

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Man fühlt sich in Mexiko-Stadt meistens sicher, aber oft hat man schlagkräftige Erinnerungen an die Gewalt in anderen Regionen

Diese Fragen können wir noch nicht beantworten. Manchmal hat man das Gefühl, Internet-Optimisten (darunter das betterplace lab) glauben an die Macht der Information: Man macht die Daten transparent und die anderen Puzzleteile - die Kampagnenarbeit, Volksbewegungen, Alternativstrukturen und die gerechte Aufteilung von Macht - folgen quasi von selbst. Mexiko wird uns zeigen, ob das stimmt.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe "lab around the World".

Weitere Informationen finden Sie hier.

Soziales Engagement: Der betterplace lab Jahresfilm 2014


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