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Auf digitaler Spurensuche in Jordaniens Flüchtlingshilfe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JORDAN REFUGEES
Muhammad Hamed / Reuters
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Wir sind mit Loay Malahmeh im King Hussein Business Park verabredet. Ammans Tech- und Startup-Szene ist hier zuhause, mehr als 40 Startups und 70 Unternehmen haben sich in den letzten Jahren niedergelassen. Das Straßenbild ist geprägt von jungen Männern, kaum jemand scheint älter als 40 zu sein.

In einem großen Gebäudekomplex befindet sich das Büro von 3Dmena. Loay begrüßt uns herzlich an der Tür, er ist Mitgründer des digitalen Startups. Wir setzen uns mit ihm an einem großen Tisch. Unterdessen diskutieren am benachbarten Arbeitsplatz zwei junge Männer, die Stimmung ist aufgeheizt. Loay wirkt dennoch sehr gelassen und beginnt über das Projekt zu erzählen.

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3Dmena wurde im August 2014 als sogenanntes Social Innovation Lab gegründet und gehört zum fablab network. Ziel ist es, Flüchtlinge mit dem 3D-Druck zu unterstützen; das bekannteste Beispiel sind sicherlich die Prothesen, die Geflüchteten den Weg in ein selbstbestimmtes und würdiges Leben erleichtern.

Durch die digitale Produktion ist es möglich Prothesen passgenau, besonders kostengünstig und mit wenig Aufwand zu produzieren. In Jordanien leben aktuell rund 630.000 Geflüchtete, der Staat ist hinsichtlich der Versorgung von derart vielen Menschen überfordert. Hierunter fällt auch die medizinische Hilfe, das kleine Königreich ist derzeit nicht in der Lage diese für alle bereitzustellen.

Einen 3D-Drucker, einen Computer und ein sogenannter "Trainee", eine Person, die im Herstellungsprozess geschult ist, mehr braucht es nicht um die Social Design Lösung umzusetzen. Getreu nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe wurden im letzten Jahr 420 Geflüchtete trainiert, um selbstständig Prothesen zu bauen.

Entschlossenheit und Zuversicht

Loay erzählt mit großer Entschlossenheit und Zuversicht über das Projekt und den Menschen hinter der Idee, die Geschichte von Asem aus Syrien beeindruckt uns besonders.

Asem ist 21 Jahre alt und verlor sein Bein während eines Einsatzes als Sanitäter im syrischen Bürgerkrieg.

Er lernte in nur wenigen Monaten selbstständig Prothesen zu bauen. Nun kann er seine eigene Fußprothese anpassen und nach Bedarf ausgediente Teile ersetzen. Die Prothese kostet dank 3D-Druck weniger als 100 Dollar. Das Projekt hat erreicht, die Kosten im Vergleich zu herkömmlichen Produkten, um 95 % zu reduzieren.

Für das Team von 3Dmena ist es wichtig, dass möglichst viele von ihrer Idee profitieren. Deshalb haben sie sich für ein Open Source Prinzip entschieden. Das bedeutet, dass die Drucker, das Design und das Trainingsmaterial für jeden frei zugänglich sind.

Die Chance auf Bildung

Wir verabschieden uns von Loay und fahren in wenigen Autominuten zu einem Café in das Zentrum der Hauptstadt. Dort treffen wir Haya. Haya studiert bei Kiron Maschinenbau. Als Mitarbeiterinnen von Kiron freut uns natürlich besonders zu sehen, dass auch Geflüchtete in Jordanien die Chance auf Hochschulbildung wahrnehmen.

Die Idee hinter Kiron ist einfach: Die Studierenden können die ersten Jahre online lernen, indem sie sogenannte MOOCs (Massive Open Online Courses) belegen. Sobald die notwendigen Leistungspunkte erreicht sind, besteht die Möglichkeit, an eine Partneruniversität zu wechseln und dort einen anerkannten Abschluss zu erwerben.

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Haya kommt aus Homs und ist 22 Jahre alt, sie lebt seit knapp einem Jahr in Jordanien. Ihre Mutter erfuhr per Zufall auf Facebook über das Startup. Haya meldete sich sofort online an, auch mehrere ihrer Freunde studieren jetzt bei Kiron. Aktuell steht sie noch am Anfang ihres Maschinenbaustudiums und absolviert die ersten MOOC's.

Kiron ist derzeit die einzige Lösung für sie, um ein Studium aufzunehmen. Haya erzählt uns, dass ihr die notwendigen Papiere fehlen, um sich an einer jordanischen Universität einzuschreiben und auch die Studiengebühren viel zu hoch sind. Langfristig sieht sie für sich und ihre Vorstellungen vom Leben keine Perspektive in Jordanien.

Rehabilitationszentrum

Am Ende des Tages besuchen wir ein Rehabilitationszentrum für syrische Geflüchtete. In der unteren Etage zeigt uns die Managerin Nisreen einen Computerraum. Auch wenn die Modelle einige Jahre überholt sind, reicht es für Coding Lessons aus.

Ein junger IT-ler kommt mehrmals die Woche und unterrichtet die Geflüchteten. Darüber hinaus werden die Computer für Sprachkurse genutzt. Nisreen berichtet, dass in Zukunft noch mehr Computer Projekte mit Geflüchteten geplant sind.

Auch wir sind zuversichtlich, dass sich im Bereich digitaler Flüchtlingshilfe in Jordanien noch einiges tun wird. Momentan gibt es wenige Projekte wie 3Dmena, die auf große Erfolge zurückblicken können. Unser Eindruck ist, dass sich vieles im Land im Aufbruch befindet. Besonders in Ammans aufstrebender Start-up-Szene entwickeln sich vielversprechende Ideen und Potenziale.

Feststeht, digitale Lösungen zeigen in Jordanien alternative Wege auf, erleichtern das Leben der Geflüchteten und schaffen für einige neue Perspektiven.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

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