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Hört auf, die Taliban zur Kapitulation aufzufordern

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TALIBAN
Omar Sobhani / Reuters
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Stell dir mal einen Augenblick lang vor, du wärst ein Mitglied der Taliban.

Nehmen wir mal an, du bist jetzt Anfang 30. Das bedeutet, du wärst im Jahr 2001 ein leicht zu beeindruckender Teenager gewesen, als die amerikanischen Truppen unter dem Schutz von Luftangriffen, die du niemals für möglich gehalten hättest, in dein Land einfielen.

Dein bisheriges Leben wurde komplett zerstört. Du brachst die Schule ab, um dich dem Dschihad anzuschließen.

Alles, was du kennst, ist der Kampf gegen Eindringlinge

16 Jahre später gehörst du mittlerweile schon mehr oder weniger zu den "Älteren". Du hast unzählige Freunde, Kollegen und Familienmitglieder verloren.

Seit 16 Jahren lebst du immer nur von einem Tag auf den nächsten. Du ziehst permanent von einem Ort zum anderen, du kannst niemandem vertrauen und du bist in ständiger Alarmbereitschaft, wenn du ein surrendes Geräusch am Himmel hörst.

Alles, was du kennst, ist der Kampf gegen die ausländischen Eindringlinge - die sie in deinen Augen sind - und gegen ihre afghanischen Handlanger, von denen dich viele bei der ersten Gelegenheit ohne zu zögern töten würden.

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Und dennoch schaut insgesamt alles schon viel besser aus. Dein Leben ist leichter geworden, seit der Großteil der amerikanischen Truppen 2014 das Land verlassen hat. Du hast die Kontrolle über bestimmte Gebiete zurück gewonnen und du wirst nach wie vor von Nachbarstaaten und anderen Sponsoren unterstützt.

Plötzlich bittet dich die afghanische Regierung an den Verhandlungstisch, um dir ein Friedensangebot zu unterbreiten - eine Regierung, die in deinen Augen lediglich aus einer Ansammlung hinterlistiger und korrupter Kriegsherren besteht und die sofort zusammenbrechen würde, sobald sie keine internationale Unterstützung mehr bekäme.

Ja, du bist mittlerweile kriegsmüde. Doch das kannst du nicht offen zugeben, da du Angst hast, dass die Kriegstreiber in deiner Bewegung Vergeltungsschläge gegen dich verüben könnten.

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"Ergib dich und bitte um Vergebung"

Und selbst wenn Frieden möglich wäre - könntest du der afghanischen Regierung vertrauen? Dieselben Beamten, die für die Kriegsstrategie der Regierung verantwortlich sind, scheinen jetzt auch für die Friedensverhandlungen zuständig zu sein - ist ihre Friedensstrategie also einfach nur eine Erweiterung ihrer Kriegsstrategie?

Ihre Bemühungen wirken unecht und es liegt kein konkretes Angebot auf dem Tisch. Keiner hat euch erklärt, was mit dir und deinen Mitkämpfern passieren würde.

Würdet ihr euch die Macht teilen? Wovon solltet ihr leben? Wer würde euch vor Vergeltungsschlägen von rivalisierenden Volksgruppen beschützen? Könntet ihr den Afghan Security Forces vertrauen, gegen die ihr so lange gekämpft habt? Was würde mit den US-Truppen passieren?

Es müsste irgendeine Art des Truppenabzugs vereinbart werden - was du für unwahrscheinlich hältst, vor allem angesichts der Tatsache, dass Präsident Trump gerade einer Aufstockung der Truppen zugestimmt hat.

Wenn die afghanische Regierung dich also jetzt dazu auffordert, mit ihr "Frieden zu schließen", wirkt es auf dich so, als wolle sie dir eigentlich sagen: "Ergib dich und bitte um Vergebung."

Was würdest du darauf antworten?

Eine Kapitulation zur Voraussetzung für Frieden zu machen, ist falsch

Der springende Punkt ist, dass der Ausdruck 'Frieden' in Afghanistan viel zu lange als Synonym für 'Kapitulation' galt. Seit 2001 wird permanent unterschwellig angedeutet, dass es nur dann Frieden geben kann, wenn die Taliban ihre Waffen niederlegt und sich wieder in die sozialen Strukturen und Institutionen Afghanistans eingliedert - das heißt also, wenn sie aufgibt.

Seit 16 Jahren werden die Bestrebungen in Afghanistan von Militäreinsätzen angetrieben, die meist auf einer einjährigen Basis stattfinden. Sowohl Afghanen als auch internationale Akteure wollen unbedingt den 'Sieg' in Form einer flächendeckenden Niederschlagung der Taliban erringen.

Man stützte sich bisher auf die Annahme, dass die Taliban entweder komplett ausgerottet werden könne, oder dass man sie so schwächen könne, dass sie irgendwann kapitulieren würde. Ebenso lehnt jedoch die Taliban jegliche Rechtmäßigkeit der Regierung komplett ab und beharrt auf der Wiedereinführung des Islamischen Emirats. Eine Kapitulation zur Voraussetzung für Frieden zu machen, ist der falsche Ansatz.

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Eine aufständische Ideologie kann nicht einfach mit konventionellen Militäreinsätzen niedergeschlagen werden und der ausgeübte Druck kann nie zum Wendepunkt führen, solange die Taliban außerhalb Afghanistans immer noch Schutz und Zuflucht findet. Denn Kämpfer, die bereit sind, für ihre Überzeugung zu sterben, würden mit Sicherheit lieber genau das tun, als sich zu ergeben.

Obwohl mittlerweile weitestgehend - wenn auch widerwillig - akzeptiert wird, dass es keine militärische Lösung für Afghanistan gibt, überwiegt immer noch die Vorstellung, dass es eine Kapitulation geben muss.

Momentan geht man davon aus, dass die Taliban sich nur durch militärischen Druck zu Verhandlungen bewegen lässt. Doch auch diese Annahme ist falsch. Denn ein solches Vorgehen würde höchstwahrscheinlich nur zu Verärgerung und Ablehnung führen.

Selbst wenn man die Taliban mit noch mehr Bomben und Munition an den Verhandlungstisch bringen könnte - sie zu Gesprächen zu zwingen, obwohl sie noch nicht bereit oder gewillt dazu ist, wird wohl kaum dazu führen, dass sie sich offen für Kompromisse zeigt oder den Preis des Friedens anstandslos akzeptiert.

Was sollen wir also stattdessen tun?

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Beide Parteien müssen versuchen, die Gegenseite zu verstehen

Die wichtigste Voraussetzung für einen aufrichtigen Friedensprozess in Afghanistan ist es, dass wir auch andere Lösungsmöglichkeiten als eine Kapitulation in den Raum stellen. Der Begriff 'Frieden' an sich muss neu besetzt werden, damit er nicht mehr nur stets mit Misstrauen beäugt wird oder mit Kapitulation und Schwäche gleichgesetzt wird. Diejenigen, die ein Problem mit dem Begriff haben, sollen sich damit anfreunden können.

Ein erstrebenswertes Friedenskonzept sollte den öffentlichen Raum dominieren und die Denkweise der Öffentlichkeit beherrschen, damit es als endgültiger - und einziger - Ausweg akzeptiert wird.

Wenn Frieden das vorherrschende Thema in den Köpfen der Menschen ist und als erstrebenswertes Ziel gilt, wird es bei der Aufnahme von Verhandlungen als Reaktion auf die Bedürfnisse der Öffentlichkeit erachtet werden, dass man einen Schritt auf den Feind zu geht, und nicht als eine Verzweiflungstat, als Verrat oder als Kapitulation.

Beide Seiten müssen sich darum bemühen, den Menschen klarzumachen, dass die Aufnahme von Verhandlungen nicht bedeutet, dass die Vergangenheit vergeben und vergessen werden soll, sondern dass man pragmatisch in die Zukunft blickt. Das bedeutet, dass beide Parteien versuchen, die Interessen der Gegenseite zu verstehen und Kompromisse zu finden, ohne sich selbst aufzuopfern. Und das ist keine Kapitulation.

Frieden muss als Weiterentwicklungsprozess gesehen werden

Außerdem muss unbedingt sichergestellt werden, dass ein Friedensprozess nicht als Versuch gesehen wird, das Leben wieder zu dem zu machen, was es vor dem Krieg war. Frieden muss als Weiterentwicklungsprozess für beide Seiten betrachtet werden, und nicht als feindliche Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien, bei der es einen Verlierer und einen Gewinner gibt (oder zwei Verlierer).

Frieden muss als ein Prozess verkauft werden, bei dem beide Seiten etwas dazu gewinnen, und nicht als Nullsummenspiel.

Und wie schwer das auch zu verdauen sein mag, muss Frieden die Erschaffung von etwas Neuem beinhalten, von dem beide Seiten profitieren.

Auch die Taliban.

Folge Ben Acheson auf Twitter: www.twitter.com/ben_acheson

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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