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Warum die Befreiung von Mossul nicht das Ende des IS sein wird, sondern der Beginn des IS 2.0

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOSUL SOLDIER
Ahmed Jadallah / Reuters
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Am 10. Juli hat die irakische Regierung die Befreiung von Mossul verkündet. Ein wichtiger Erfolg. Mossul gilt als "Hauptstadt" des IS im Irak.

Einen Tag später taucht im Internet ein verstörendes Video auf. Es zeigt, wie irakische Soldaten offenbar einen mutmaßlichen Anhänger des IS hinrichten - indem sie ihn über eine Klippe werfen.

Die Mitarbeiterin der NGO Human Rights Watch, Belkis Wille, hat die Aufnahmen gesehen. Für die im Irak arbeitende Wissenschaftlerin ist das Video ein Beleg dafür, dass die Befreiung Mossuls nicht das Ende des IS sein wird - sondern womöglich der Anfang eines IS 2.0.

Als ich die Aufnahmen sah, wurde mir schlecht.

In einem Video vom 11. Juli werfen Männer in Uniformen der irakischen Armee einen Gefangenen von einer Klippe am Ufer eines Flusses. Sie eröffnen sogar das Feuer auf ihn.

Als ich das Video sah, feierten in den Straßen Bagdads unter mir Menschen gerade die Befreiung Mossuls. Doch ich dachte mir:

Die Aufnahmen werden dem Islamischen Staat neues Leben einhauchen. Unkontrollierte Misshandlungen wie diese werden sehr wahrscheinlich noch mehr Männer in die Hände der Extremisten treiben.

Bei den Aufnahmen handelt es sich um eines der vielen Videos, in denen gezeigt wird, wie irakische Soldaten Misshandlungen, Folter und Hinrichtungen begehen.

Dieses eine Video fiel mir besonders auf. Denn es zeigt eine extrem aufwühlende Hinrichtungsszene. Und ich kenne den Ort, an dem es gedreht worden war.

Das Video ist höchstwahrscheinlich echt

Mein Kollege von Human Rights Watch, der auf die Auswertung von Satellitenbildern spezialisiert ist, konnte innerhalb von fünf Minuten nach Veröffentlichung des Videos das genaue Gebäude und die Klippe in West-Mossul identifizieren, wo das Video gedreht worden war.

Die Satellitenbilder waren einige Tage vor der Verbreitung des Videos im Internet aufgenommen worden. Man sah darauf irakische Armeefahrzeuge, die rund um die Stelle positioniert waren, an der der Mann in dem Video von der Klippe gestürzt worden war.

Diese Tatsache lässt den Schluss zu, dass das Video echt und aktuell ist. Von der irakischen Regierung gab es dazu bisher keine ordentliche Stellungnahme.

Immer wieder kommt es zu Folter

Es wäre nicht das erste veröffentlichte Video dieser Art. Erst vor wenigen Monaten sind weitere Videos der Emergency Response Division, einer Einheit des irakischen Innenministeriums, aufgetaucht.

Sie gehörten zu den bis dahin vermutlich verstörendsten Missbrauchsvideos, die im Zuge des Kampfes um Mossul entstanden sind.

Doch dass dieses Video vom 11. Juli genau jetzt auftaucht, kurz nachdem der irakische Ministerpräsident den Sieg über den IS in Mossul erklärt hat, lässt mich pessimistisch auf die Zukunft des Iraks und auf einen möglichen Sieg über den IS blicken.

Die irakische Armee hat keinen Respekt vor Menschenrechten

Es wirkt gerade so, als hätten sich die irakische Armee und die unter der Leitung der USA stehenden Koalitionstruppen in der Endphase des Kampfeinsatzes gedacht: "Lasst uns das so schnell wie möglich zu Ende bringen".

Als hätten sie dabei ihren Respekt sowie ihre Verpflichtung gegenüber dem Kriegsrecht komplett vergessen. Eine solche Einstellung wird sich nicht verheimlichen lassen. Das macht mir Sorgen. Die zukünftige Version des IS wird diese Tatsache nutzen, um neue Unterstützer zu rekrutieren.

Doch ungeachtet der Siegesfeiern im Irak bedeutet die kürzliche Niederschlagung des IS in Mossul keinesfalls das Ende des Islamischen Staats.

Es bedeutet nur, dass der IS nicht mehr ganze Gebiete kontrolliert.

Eine neue Phase beginnt

Das ist zwar ein Schlag für das sogenannte Kalifat, doch es ist auch der Anfang einer neuen Phase. Und diese Phase könnte genauso schrecklich werden - wenn nicht noch schrecklicher.

Als die Terroristen in den vergangenen Monaten rund um Mossul und in Syrien immer weiter an Boden zu verlieren begannen, verwandelte sich der IS schnell wieder zurück in eine klassische terroristische Rebellengruppe und verübte Bombenanschläge im Irak und in Syrien.

Videos, wie das oben erwähnte, zählen zu den wichtigsten Gründen, warum es dem IS auch weiterhin gelingen wird, Kämpfer zu rekrutieren. Derartiges Filmmaterial zeigt die offensichtliche Scheinheiligkeit der irakischen Soldaten.

Sie nehmen diese Schlacht nicht nur zum Vorwand für weitere Misshandlungen der Zivilbevölkerung, sondern lassen sich dabei auch noch auf das Niveau des IS herab. Dadurch werden sich die Spannungen, von denen der IS profitiert, noch weiter verschärfen.

Die Gräueltaten der irakischen Armee

Während die ersten Monate der Offensive in Mossul noch relativ anständig verliefen, liefert dieses schreckliche Video einen weiteren Beweis für die Gräueltaten der irakischen Regierung.

Wie ich bereits erwähnte, gab es auch vorher schon Beweise für Misshandlungen durch irakische Truppen aus Mossul und von früheren Kampfeinsätzen gegen den IS im Irak.

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Human Rights Watch hat Fälle von Hinrichtungen von mutmaßlichen IS-Kämpfern im Schnellverfahren, Inhaftierungen unter menschenunwürdigen Bedingungen und Kollektivstrafen gegen Familienmitglieder von IS-Kämpfern dokumentiert. Die irakische Regierung ließ Häuser zerstören und Familienmitglieder in "Rehabilitierungslager" zwangseinweisen.

Außerdem haben wir die willkürliche Verhaftung von mehr als 1000 Sunniten dokumentiert, die bei Kämpfen in der Gegend um Mossul verschleppt worden waren.

Die Veröffentlichung des Videos folgte unmittelbar auf die Befreiung Mossuls. Es war ein unglückseliger Weckruf zu einem kritischen Zeitpunkt.

Bagdad will den Sieg nicht trüben

Das Video erinnert an die Ausbeutung durch die irakische Regierung während der Zeit vor der Entstehung des IS. Seit 2003 misshandeln irakische Truppen und mehrheitlich schiitische nicht-staatliche und von der Regierung bewaffnete Milizen vollkommen ungestraft die Zivilbevölkerung.

Ihre Übergriffe konzentrieren sich in erster Linie auf sunnitische Araber. Zu ihren Vergehen zählen willkürliche Verhaftungen, Entführungen, Folter, außergerichtliche Hinrichtungen sowie gewaltsame Vertreibungen.

Es besteht kein Zweifel, dass solche Erlebnisse in der Vergangenheit viele junge sunnitische Männer dazu getrieben haben, sich extremistischen Gruppierungen im Irak anzuschließen. Dies haben mir die Familien von Männern berichtet, die sich dem IS angeschlossen haben.

Und es gibt keinen Grund, warum der IS nicht auch jetzt die sich häufenden Misshandlungen durch die irakische Regierung zum Anlass nehmen sollte, um neue Kämpfer zu rekrutieren. Nach der Niederlage in Mossul wird sich der IS neues Ansehen erkämpfen wollen.

Der politische Konflikt ist herausfordernder als der militärische

Alle irakischen Vertreter und Koalitionsvertreter, mit denen ich bisher gesprochen habe, sind sich einig, dass der Kampf gegen den IS nicht nur ein militärischer Konflikt ist, sondern auch ein politischer.

Wir müssen die Ursachen bekämpfen, die dafür sorgen, dass junge sunnitische Araber sich terroristischen Gruppierungen zuwenden. Das wird vermutlich noch herausfordernder sein als die militärische Auseinandersetzung,

Dazu gehört auch: Die Behörden in Bagdad müssen der irakischen Bevölkerung beweisen, dass sie Ermittlungen durchführen und ihre eigenen Soldaten und Befehlshaber zur Rechenschaft ziehen - auch wenn sie sich gerade im Kampf gegen den IS befinden.

Strafverfolgung wird nicht durchgesetzt

Human Rights Watch musste jedoch feststellen, dass es bisher noch kein einziges Beispiel dafür gab, das Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen worden wären. Nicht einmal, nachdem im Mai groteske Videos veröffentlicht wurden, in denen irakische Offiziere der Elite-Einheit Emergency Response Division mutmaßliche IS-Mitglieder und deren Familienangehörige folterten und hinrichteten.

Wir haben vergangene Woche von einem Berater des irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi erfahren, dass die Regierung Maßnahmen gegen die beteiligten Offiziere ergreifen wolle. Das könne jedoch nicht sofort geschehen, da sie ansonsten die "Beglückwünschungen zum Sieg beeinträchtigen" würden.

Für mich heißt das: Ministerpräsident Abadi ist sich nicht im Klaren darüber, welchen Schaden diese Misshandlungen in Zukunft anrichten werden.

Der Kampf um Mossul sollte im Irak die Entscheidungsschlacht gegen den IS sein. Er hat jedoch die Schleusen für genau die Misshandlungen geöffnet, die Bagdad seit Jahren schweigend hinnimmt.

Bagdad muss jetzt handeln

Genau jetzt sollte Abadi nicht nur seine Wählerschaft vertreten, die einen Militärschlag gegen den IS fordert, sondern er sollte auch die mehr als eine Millionen Zivilisten vertreten, die in den vergangenen drei Jahren unter der Kontrolle des IS leben mussten.

Abadi sollte ihnen so schnell wie möglich beweisen, dass ihm auch ihre Interessen am Herzen liegen. Dass er bereits Schritte unternimmt, um die Misshandlungen zu beenden. Und er sollte sie wieder in einen irakischen Staat eingliedern, der bemüht ist, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen miteinander zu versöhnen und Forderungen nach Vergeltungsschlägen ablehnt.

Abadi bleibt nicht mehr viel Zeit. Videos, wie das Eingangs erwähnte, machen mir Sorgen, in welche Richtung sich der Irak entwickeln wird - und zwar nicht nur in Mossul.

Wenn Bagdad jetzt nichts unternimmt, wird der Irak sich nicht von extremistischen Gruppierungen befreien können. Und der Kreislauf der Ausgrenzung wird weitergehen - was dazu führen wird, dass irgendwann der IS 2.0 auf die Welt losgeht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der WorldPost und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(ll)