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AfD-Anhänger würden sich wundern, wie viel sie mit afghanischen Mullahs gemeinsam haben

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SITTENWAECHTER
dpa/Getty/HuffPost
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Im Juli und August verbrachte ich etwa sechs Wochen in Afghanistan und habe dort mit den unterschiedlichsten Menschen über Religion und Frauenrechte gesprochen: mit jungen Frauen, die ehrenamtlich in Religionsschulen unterrichten und mit Dorfmullahs, mit islamischen Rechtsgelehrten und mit Frauen- und Menschenrechtsaktivist*innen.

Dabei sind mir viele Ähnlichkeiten zu Deutschland aufgefallen, aber auch einige Unterschiede, die jedoch anders gelagert sind als gemeinhin angenommen.

Religion hat in Afghanistan unterschiedliche Bedeutungen. Der Islam als persönlicher Glaube wird von vielen Afghan*innen praktiziert. Er wird als private Angelegenheit angesehen und unterschiedlich ausgeübt, beispielsweise durch eine mehr oder minder strenge Einhaltung religiöser Vorschriften in Bezug auf Gebete, Ernährung und Kleidung.

Für andere steht die persönliche Glaubensbeziehung zu Allah im Vordergrund: diese ist zentral im Sufismus, der mystischen Richtung des Islam, die in Afghanistan eine lange Tradition hat. Hier habe ich viele Parallelen zu deutschen Buddhist*innen oder Christ*innen gesehen, die sich intensiv mit ihrer spirituellen Praxis und der Auslegung ihrer Heiligen Schriften beschäftigen.

Sowohl wenn ich Frauen und Männer bei ihrer religiösen Praxis beobachtet habe, als auch in Gesprächen über die richtige Koranauslegung sah ich vor meinem inneren Auge Meditationsrunden, Gebetsgemeinschaften oder Gesprächskreise zur Bibel-Exegese in Deutschland.

Konservative Afghanen und konservative Deutsche wären sich einig

Eine weitere Bedeutung betrifft die sozio-kulturelle Dimension der Religion. Der elfjährige Sohn einer Kabuler Freundin erklärte vor kurzem freudestrahlend seiner entsetzten Mutter, dass er jetzt ein Computerspiel gefunden habe, mit dem er weltweit mit anderen Kindern spielen könne, ohne dabei angeben zu müssen, dass er Afghane sei.

Sich positiv als Afghan*in zu identifizieren, ist für viele Menschen aufgrund der sichtbaren und unsichtbaren Zerstörungen der letzten 40 Kriegsjahre kaum noch möglich. Und so dient der Islam Vielen als Identifikationsmöglichkeit. Er läuft dabei Gefahr, zum Kontrapunkt einer stereotypisierten westlichen Lebensweise stilisiert zu werden.

Als moralische Instanz steht er vermeintlich fragwürdigen und vom konservativen Islam abzulehnenden westlichen Praktiken gegenüber: nackte Frauen auf Werbeplakaten, Homosexuelle, die auf der Straße tanzen, ein Ausverkauf von Ehe und Familie, sexuelle Freizügigkeit.

Wenn konservative Afghanen und Afghaninnen wüssten, wie nahe sie hier einigen konservativen religiösen und nicht-religiösen Deutschen kommen! Ich könnte mir wunderbare deutsch-afghanische Gesprächskreise über Moral und den Verfall der Sitten vorstellen ...

Gewalt gegen Frauen

In der islamischen Tradition finden sich einige Steilvorlagen, die sich perfekt dazu eignen, von rückwärtsgewandten Kräften genutzt zu werden. In Afghanistan ist die Rolle der Frau in der Gesellschaft ein solches Beispiel. Viele religiöse Führer betonen zwar, dass Frauen als Mutter, Tochter und Schwester volle Rechte in der Gesellschaft besitzen, tun sich aber äußerst schwer damit, Frauen als eigenständige Individuen zu begreifen, unabhängig von einem Mann.

Aus der Forschung zu Gewalt gegen Frauen wissen wir, dass die grundlegende Ursache von Gewalt in einem ungleichen Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern besteht. Die Weigerung religiöser Führer, Frauen als eigenständige Individuen anzuerkennen, kann also als eine wesentliche Grundlage für geschlechtsspezifische Gewalt gesehen werden.

Dies ist im Islam nicht per se festgelegt: es gibt durchaus Interpretationen, die Frauen und Männer als gleichberechtigt sehen. Jedoch ist die Auslegung, Frauen dem Mann unterzuordnen, zumindest in Afghanistan weit verbreitet, und ergänzt sich zudem mit nicht-religiösen afghanischen Traditionen.

Aber auch das ist nicht nur typisch für Afghanistan oder den Islam. Auch in deutschen Kreisen finden sich viele Männer, die Frauen nicht als gleich wichtig, gleichwertig zu Männern ansehen. Dies können wir, wenn wir von Einzelbeispielen absehen wollen, an der weiterhin hohen Anzahl von Fällen häuslicher Gewalt in Deutschland erkennen, oder auch an der Ungleichbehandlung von Frauen in der Arbeitswelt.

In Afghanistan ist Religion ein Machtinstrument

Eine weitere Möglichkeit, Religion zu verstehen, ist die politische, und diese macht die unterschiedlichen Auslegungen des Islams erst problematisch. Die Bevölkerung Afghanistans wird von ultra-konservativen und religiös-fundamentalistischen Machthabern innerhalb und außerhalb offizieller politischer Strukturen kontrolliert.

Diese konnten sich durch den politischen Prozess, den die USA zusammen mit ihrem Alliierten Deutschland gestalteten, erneut etablieren. An dieser Stelle endet die Gemeinsamkeit zwischen Deutschland und Afghanistan: Wir haben das Privileg einer demokratisch legitimierten Regierung, deren Gewaltmonopol weitgehend funktioniert. Aber es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass wir dieses Privileg auch exportieren.

In Afghanistan ist Religion ein Machtinstrument, weil sie von Menschen genutzt wird, um Menschen unter Kontrolle zu halten. Das Gefährlichste, was derzeit in Afghanistan gesagt werden kann, ist die Anschuldigung, unislamisch zu sein. Es ist kaum möglich, öffentlich über eine liberalere Interpretation des Islam zu diskutieren oder religiös legitimierte Machthaber zu kritisieren.

Dies wird verhindert von einem Netzwerk aus Machthabern, denen in erster Linie an ihrem eigenen Machterhalt gelegen ist und nicht am Wohlergehen ihrer Bevölkerung. Sie erhalten ihre Macht mit Gewalt und Androhung von Gewalt.

Zur Entstehung und Stabilisierung dieser undemokratischen Machtkonstellation hat Deutschland gemeinsam mit seinen Verbündeten durch den politischen und militärischen Prozess seit 2001 wesentlich beigetragen, obwohl es vor und nach dem Krieg gesellschaftliche Ansätze zu einer Demokratisierung und Säkularisierung des Landes gab. Die Menschen, die diese Liberalisierung unterstützten, sind heute entweder verstummt, geflüchtet oder in Lebensgefahr.

Was heißt das nun für Deutschland und für unser Verhältnis zum Islam?

Erstens: Die deutsche Politik muss ihren Teil der Verantwortung für die politische Situation in Afghanistan und in anderen Ländern anerkennen. Dies hätte eine ehrlichere Politik zwischen der deutschen und der afghanischen Regierung zur Folge sowie einen anderen politischen Umgang mit Geflüchteten aus Afghanistan.

Wir können Menschen nicht nur nicht daran hindern, ihr Land zu verlassen und zu uns zu kommen: Wir müssen verstehen, dass sie ein Recht dazu haben, und dass wir nicht die Rolle des Wohltäters dabei spielen, sondern für ihre Flucht auch mitverantwortlich sind.

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Zweitens: Wir als Bewohner*innen Deutschlands, und damit meine ich alle Menschen, die zurzeit in Deutschland leben, sollten aufhören, immer nur die üblichen Gruppengrenzen zu ziehen. Wir sollten aber auch nicht den Fehler begehen, keine Unterschiede zu machen:

Ich möchte mich weder mit urdeutschen Rechtsradikalen noch mit afghanischen Islamisten solidarisieren, und auch wenn ich keine der beiden Gruppen stärken möchte sei mir der Hinweis erlaubt, dass sich AfD-Anhänger wundern würden über so viel Gemeinsamkeit, würden sie sich einmal mit afghanischen Dorfmullahs zusammensetzen.

Mein Vorschlag ist daher, sich nicht zu fixieren auf die üblichen religiös und national inspirierten Unterscheidungen: unter Afghan*innen gibt es auch passionierte social media-Nutzer*innen, urbane Fashionistas mit und ohne Kopftuch, fußballbegeisterte Jungs, karriereorientierte BWL- und Jurastudentinnen und vieles andere mehr.

Drittens: Es ist ein deutscher Leitkultur-Irrglaube, dass alle Menschen, die sich zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb deutscher Grenzen befinden, ein und dieselbe Meinung zu einem breiten Spektrum von Werten und Normen vertreten müssen.

Das war zu keinem Zeitpunkt vor oder nach der sogenannten Flüchtlingskrise der Fall, und es ist auch nicht notwendig: Wir können auf unseren Rechtsstaat vertrauen. Es gibt in Deutschland eine hinreichende Menge an Maßnahmen, mit strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen umzugehen.

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