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An den Mann, der eine Frau mit Depressionen liebt

09/02/2016 15:50 CET | Aktualisiert 09/02/2017 11:12 CET
KatarzynaBialasiewicz via Getty Images

Mein lieber Ehemann,

ich liebe Dich von ganzem Herzen, mehr als alles Andere auf der Welt. Das weißt Du wahrscheinlich schon. Ich weiß, dass Du mich auch liebst, ich vergesse es nur manchmal. Depressionen vernebeln meinen Verstand und erzeugen schreckliche Gedanken bei mir, wie wenig liebenswert und wertlos ich bin. Manchmal glaube ich Dir, manchmal glaube ich der Depression.

Weißt Du, manchmal schämt man sich für seine Depressionen.

Ich weiß, dass Dir die guten Tage lieber sind, wenn ich glücklich bin und nicht ängstlich oder zickig. Und ich wünschte, ich wäre jeden Tag so. Aber ich kann nicht. Ich merke, dass die Wolke wieder kommt und ich habe panische Angst davor.

Manchmal erzähle ich es Dir und manchmal nicht. Wenn Du die Wolke bemerkst, bevor ich Dir davon erzähle, dann umarme mich einfach ganz fest und sage mir, dass wir sie zusammen vertreiben werden. Bitte frage mich nicht, ob es mir gut geht - ich werde automatisch mit „Ja" antworten.

In Wirklichkeit ist es ein dickes „Nein". Weißt Du, manchmal schämt man sich für seine Depressionen.

Ich weiß, dass ich manchmal wegen Kleinigkeiten überreagiere und wütend werde, bitte hab Geduld mit mir. Das vergessene Brot ist nicht der wahre Grund. Eigentlich habe ich Angst, die Kontrolle über meinen Verstand zu verlieren.

Weißt Du, Depressionen sind sehr raffiniert - sie bauen Stück für Stück eine Mauer aus Wut auf und man merkt es gar nicht, bis die Mauer so groß ist, dass sie plötzlich einstürzt. Es tut mir Leid, dass Du an den wolkigen Tagen den größten Teil meiner Wut abbekommst. Bitte verzeih mir. Bitte. Sag mir einfach, dass Du mich liebst und dass Du jetzt gehst, damit ich mich beruhigen kann.

Ich weiß, dass es schwer ist, jemanden in seinen depressiven Phasen zu begleiten, wenn man selbst nie Depressionen hatte. Ich verstehe das. Ich verstehe das vollkommen. Hör mir einfach zu und frage mich nach den wolkigen Tagen. Ich kann einfach nicht von mir aus damit anfangen. Depressionen vernebeln einem den Verstand. Du musst das Schweigen für mich brechen.

Depressionen sind abscheulich - ein gemeines, fieses Monster.

Es wird oft Zeiten geben, in denen ich glaube, dass Du ohne mich besser dran wärst oder dass meine Kinder eine bessere Mami verdienen. Manchmal erzähle ich es Dir. Meistens aber nicht. Manchmal vergehen Monate ohne dass diese Gedanken in meinem Kopf auftauchen und manchmal denke ich wochenlang jede Sekunde jedes einzelnen Tages daran.

Das ist die erschreckende Wahrheit. Depressionen sind abscheulich - ein gemeines, fieses Monster. Bitte pass immer gut auf mich auf und sei Dir trotzdem bewusst, dass ich Dir an den wolkigen Tagen nicht glauben werde, dass ich es wert bin, ganz egal wie oft Du es mir sagst - doch hör bitte niemals auf, es mir zu sagen. Niemals.

Ich liebe unsere Kinder über alles, doch manchmal fühle ich mich wie eine Versagerin. Ich fühle mich wie eine Rabenmutter. Meine Gedanken nagen an mir und sagen mir, dass andere Mamis alles besser machen und liebevoller sind als ich. Ich habe ständig das Gefühl, dass ich nicht gut genug bin.

An den wolkigen Tagen fällt es mir so schwer, eine Mami zu sein, doch ich bemühe mich mit aller Kraft darum, dass sie die Wolken nicht zu spüren bekommen. Hoffentlich weißt du, dass ich es versuche.

Ich habe mich seit Februar 2010 nicht mehr selbst verletzt, doch der Drang danach frisst mich oft auf. Wenn die schwarze Wolke da ist, drehen sich meine Gedanken nur darum. Ich kämpfe mit aller Kraft dagegen an, für mich, für meine Kinder und für Dich.

Ich weiß, mein Verlangen danach ist schwer zu begreifen, ich kann es ja selbst nicht einmal erklären. Es ist wie eine frühere Sucht, die kommt, um mich zu verletzen, sobald sie die dunkle Wolke wittert. Ich hoffe, dass diese Gedanken eines Tages komplett aus meinem Kopf verschwinden.

Hilf mir, diese Freiheit zu finden.

Ich weiß, dass ich nicht oft über diese schwarzen Wolken spreche, aber eigentlich will ich es. Ich hasse es, dass die Wolken mich zum Schweigen bringen. Es verleiht mir eine gewisse Freiheit, offen über das Monster sprechen zu können. Hilf mir, diese Freiheit zu finden.

Die Depressionen machen mich müde. Manchmal ist die Erschöpfung so schlimm, dass ich einfach nur weinen will. Jeder Knochen tut mir weh. Manchmal liege ich nachts wach und mache mir Sorgen über Dinge, die gar nicht passieren werden. Wenn Du auch wach bist, drücke meine Hand ganz fest.

Manchmal kostet es mich all meine Kraft, morgens aufzustehen, doch ich will nicht, dass Du es mitbekommst. Ein neuer Tag macht mir oft Angst. Ich frage mich: „Werde ich zurechtkommen? Wird der Himmel blau sein oder schwarz? Ist das Wetter schön?" Jeder einzelne Morgen ist schwierig, doch Dich zu sehen macht es leichter für mich.

Ich möchte Dir öffentlich dafür danken, dass Du mich liebst und unterstützt. Du bist der Beste.

Für immer Dein! x

Dieser Blog ist ursprünglich bei The Mighty erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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