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Wir sind noch nicht bereit für Inklusion

Veröffentlicht: Aktualisiert:
INKLUSION
ullstein bild via Getty Images
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Was nicht passt, wird passend gemacht ...

Ein nachdenklicher Realitätscheck von Beatrice Lührig.

Ich denke: "Wir sind noch nicht bereit für Inklusion." Inklusion setzt voraus, dass wir uns alle so akzeptieren, wie wir sind, dass wir Kinder und Erwachsene jeder Begabung als gleichwürdig erkennen und schätzen. Doch soweit sind wir noch nicht.

Wir haben zu viele Schablonen, zu viele Rahmen gebaut. Herbert Grönemeyer singt mit der Sesamstraße "Wir sind alle verschieden". Überall sprießen die Unterstüztungprogramme und psychologischen Fortbildungen aus dem Boden, die uns unsere Akzeptanz von Andersartigkeit zurück geben soll, nachdem wir sie in 10 bis 13 Jahren Schule und Anpassungstraining systematisch aufgegeben haben.

Wir sind noch nicht bereit, wirklich anzunehmen, was wir an Vielfalt auf die Straße bringen. Ein Kind, das den staatlich geforderten Ablauf im Schulunterricht stört, weil es so ist, wie es ist, müssen wir isolieren, sonst bricht das System zusammen. Doch das System hat einen machtvollen Selbsterhaltungstrieb.

Wie sieht der Alltag eines solchen Kindes aus? Es wird offiziell integriert ... doch es braucht Menschen um sich, die ihm erlauben, aus dem System auszubrechen, weil es sich partout nicht rein pressen lässt. Die anderen 22 lassen sich irgendwie zurecht biegen. Die bekommen wir schon passend. Aber zwei bis vier Kinder pro Klasse sind die Störenfriede. Die, die anders sind und die darauf pfeifen, welche Rahmenbedingungen vom Kultusministerium und der Schulverwaltungsbehörde vorgegeben werden.

Unterdrückung und krank machende Anpassung

Was passiert mit diesen Kindern in der sogenannten Inklusion? Wie verläuft ihr Vormittag in Schule und Betreuungseinrichtungen? Wie wird mit den Eltern umgegangen, wenn solche Kinder keine offensichtlichen Behinderungen haben, sondern einfach nur anders sind? Systemresistente Kinder möchte ich sie nennen.

Und genau diesen Kindern sollten wir dankbar sein, denn sie stören nicht unseren Alltag. Wir stören ihren Alltag, ihre Entwicklung, weil sie uns nicht in den Kram passt. Weil wir so weit weg von Inklusion sind. Inklusion bedeutet eben nicht, alle Kinder und Menschen so zu begleiten und zu formen, dass sie nicht mehr auffallen. Das nennt man Unterdrückung und übermäßige, ja krank machende Anpassung.

Inklusion heißt, dass wir den Raum erweitern müssen, in dem wir uns bewegen. Auch den Raum unserer Systeme und Konstruktionen des Alltags. Wir müssen so weit und groß im Denken und Handeln werden, das alle darin Platz finden. Erst dann können wir von Inklusion sprechen.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen echte Inklusion! Noch besser, wenn Inklusion überflüssig wird. Dafür ist noch einiges zu tun. Bist Du dabei?

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