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Kannst Du nicht mal fünf Minuten still sitzen?!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHILDREN STRESSED
Edward Carlile Portraits via Getty Images
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Es ist 16:15 Uhr. Mama hat gesagt, es dauert nicht lange. Seit 20 Minuten warten wir hier in diesem stickigen, langweiligen Wartezimmer. Ich will nach Hause und mit meinen Freunden spielen.

Heute Morgen habe ich um 7:15 Uhr das Haus verlassen und bin im Schulbus zur Schule gefahren. Sechs Schulstunden habe ich dort abgesessen. Als ich um 13:30 Uhr nach Hause gekommen bin, war Mama gerade heim gekommen und hatte das Essen aufgesetzt. Meine kleine Schwester war im Auto auf der Fahrt vom Kindergarten eingeschlafen und nun übel gelaunt.

Um 14:00 Uhr waren wir fertig mit Essen. Mama sagt: "Du musst jetzt gleich Deine Hausaufgaben machen, wir müssen in die Stadt zum Arzt. Ich habe einen Termin mit Deiner Schwester beim Augenarzt."

Es ist mir nicht recht, aber das interessiert ja keinen. "Kann ich nicht zu den Nachbarn gehen?" "Nein, leider nicht. Die sind unterwegs."

Ich setze mich an den Küchentisch und fange an. Aufsätze schreiben fällt mir immer schwer ... Außerdem bin ich müde und ich wollte eigentlich raus gehen ... Aber Mama drängelt schon, dass ich mich beeilen muss. Wir müssen spätestens um 15:15 Uhr im Auto sitzen, sagt sie.

Also versuche ich, irgendetwas zu Papier zu bringen. Mathe muss ich auch noch machen und morgen schreiben wir einen Vokabeltest in Englisch. Mama sagt, die könne ich auch im Auto lernen, es bleibt keine Zeit. 35 Minuten dauert die Fahrt. Mama hat es eilig. Sie rennt fast das Treppenhaus hoch und zerrt meine kleine Schwester hinter sich her. Der Fahrstuhl war defekt ...

Mit 10 Jahren sollte ich wissen, wie man sich benimmt, höre ich die Leute sagen ...

Oben angekommen hat meine Schwester Durst. Ich soll ihr was aus dem Automaten zapfen. Ich habe keinen Bock mehr! Ich will nicht mehr. Ich bin 10 Jahre übrigens, sollte also wissen, wie man sich benimmt.

Aber irgendwie muss ich meiner Schwester nun trotzdem das Wasser ins Gesicht spritzen, während meine Mutter an der Rezeption ihren Namen nennt. Sie kreischt sofort wie am Spieß. Alle schauen mich böse an und ich versuche, so zu tun, als sei es mir egal. Aber eigentlich ist es mir unendlich peinlich.

Im Wartezimmer fange ich an, rum zu zappeln. Meine Beine wollen sich bewegen und meine Mutter fragt mich, ob ich die Vokabeln schon kann. Es ist viertel nach vier ... Ohne, dass ich etwas dagegen tun kann, fangen meine Finger an, nervös irgendwo drauf rum zu trommeln, nur um etwas zu tun zu haben.

"Kannst Du nicht mal fünf Minuten still sitzen?" Fragt meine Mutter genervt.

Die Leute schauen mich alle an und ich komme mir schlecht vor, weiß aber nicht genau, warum. Ich halte es fast nicht mehr aus und nehme meiner Schwester ohne nachzudenken den Stift aus der Hand. Wieder schreit sie laut los.

An der Rezeption wird laut gesagt, dass wir ruhiger sein sollen, denn so können sie nicht arbeiten. Ich merke, wie peinlich das meiner Mutter ist und schäme mich ein bisschen. Um 16:30 Uhr dürfen wir endlich ins Arztzimmer.

Meine Mutter ermahnt mich wieder, jetzt wenigstens für diese Zeit ruhig zu sein, damit sie mit dem Arzt in Ruhe sprechen kann. Ich versuche es, rutsche aber auf meinem Hocker hin und her. Ich merke, dass es stört, kann aber nicht mehr still sitzen. Ich kann überhaupt nicht mehr sitzen. Ich habe den ganzen Tag gesessen.

Wenn nicht bald was passiert, dann platze ich. Endlich können ihr raus. Ich will nur noch nach Hause. Als wir zu Hause ankommen, ist es 17:30 Uhr ...

Ich schnappe mir meinen Ball und renne ohne ein weiteres Wort ins Freie. "Nein Mama, ich Decke jetzt nicht den Abendbrottisch." ...


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V." möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen."Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

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