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Sexueller Missbrauch in der Kindheit

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHILD ABUSE
Nastia11 via Getty Images
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Vielleicht das Schlimmste, was Du jemals gelesen hast.

An den Kommentaren zu diesem Artikel in der Huffpost vor wenigen Tagen ist mir wieder klar geworden, wie wichtig es ist, dass wir miteinander reden. Jetzt! Nicht morgen, übermorgen oder irgendwann.

Was Kindern mit sexuellen Missbrauchserlebnissen wirklich passiert und passieren kann, muss öffentlich kommuniziert werden, auch wenn Rufe laut werden, das sei eine Wichsvorlage für potentielle Täter oder ein Softporno. (Das habe ich so in den Kommentaren gelesen.) Wer sich daran aufgeilen kann, sucht sich sicher besser geeignete Texte im Internet.

Viele Betroffene denken, sie spinnen

Sie trauen ihrer Wahrnehmung, ihrer Erinnerung nicht. Als Kinder missbrauchte Menschen können sich viele Jahre kaum vorstellen, dass ihre Erinnerung wahr ist. Es hilft auch den Betroffenen, von anderen zu lesen, die den Mut hatten, es aufzuschreiben und beim Namen zu nennen. Es ist unglaublich schwer, im späteren Leben zu realisieren, wie schlimm es wirklich war, was wirklich passiert ist.

Viele Jahre fühlt sich jede Erinnerung an, wie ein schlimmer Traum

Als Kinder können wir uns nicht vorstellen, dass das alles wirklich so passiert sein kann. Wir blenden die Erfahrungen aus und zweifeln an dem, was wir dabei gefühlt haben. In der Psychologie nennt man das "Dissoziation" . Das Kind trennt sich von seinen tatsächlichen Gefühlen und Empfindungen und oft auch von den Erinnerungen an die Tat.

Besonders, wenn Eltern oder Großeltern uns das antun. Menschen, die wir lieben. Menschen, die wir so sehr lieben, dass wir überzeugt sind, nichts anderes verdient zu haben, sonst würden so wundervolle Menschen das niemals tun, oder?

Dreißig Jahre sind vergangen, bevor ich meine Erinnerungen als Realität akzeptieren konnte.

Dreißig Jahre hat es gedauert, bis ich endlich als echte Wahrheit akzeptieren konnte, was mich für viele Jahre komplett aus dem Leben geworfen hatte. Auch ich habe meine Erfahrungen in Buchform veröffentlicht. Und auch ich habe kein Blatt vor den Mund genommen.

Über dem Kapitel mit den Schilderungen meiner Missbrauchs- und Misshandlungserlebnisse, steht ebenfalls ein Warnhinweis, denn auch meine Erlebnisse lassen sich nicht lesen, ohne Brechreiz auszulösen oder sich zu fragen, ob diese Welt normal ist, wenn so etwas möglich ist.

Sichtbarkeit der Erlebnisse fördert das Zugehörigkeitsgefühl

Die Sichtbarkeit dieser Erfahrungen, nicht nur meiner oder die im oben genannten Artikel, bringt Betroffenen auch ein Stück Gesellschaftszugehörigkeit zurück. Das jahrelange Schweigen, gesellschaftlich ausgeklammert und isoliert sein, das Gefühl gefangen zu sein - nicht nur hinter verschlossenen Türen sondern im eigenen Erleben und in der Unfähigkeit, das eigene Leben auf die Reihe zu bekommen, hat uns Betroffene oft Jahrzehnte isoliert. Wir gehörten nicht mehr richtig dazu, zu den Menschen da draußen, die ein scheinbar normales Leben leben.

Ich persönlich konnte allen möglichen Anforderungen viele Jahre nicht gerecht werden. Immer wieder bin ich krank geworden, weil ich keine seelischen und emotionalen Kapazitäten hatte, einen Beruf zu lernen und Geld zu verdienen. Doch das durfte nicht sein. Jedes Mal, wenn ich wieder gescheitert war, die gesellschaftlichen Anforderungen zu erfüllen, habe ich mehr an mir und meiner Daseinsberechtigung gezweifelt.

Sichtbarkeit hilft auch, eigene Realitäten anzuerkennen.

Viele Mit-Betroffene schreiben mir zu meinem Buch, wie gut es ihnen tut, zu lesen, dass es überhaupt möglich ist, MIT solchen Erfahrungen zurück zu finden ins Leben. Sie schreiben mir, dass es ihnen hilft, endlich mal Schwarz auf Weiß zu lesen, was alles wirklich passieren kann. - wie auch in dem aktuellen Artikel in der HuffPost - Sie schreiben mir, dass es sich beim Lesen so anfühlt, als hätte ich ihre eigene Geschichte aufgeschrieben und das nun endlich etwas an seinen richtigen Platz gerückt ist.

Betroffene sind frei von Schuld

Von Angehörigen missbrauchte Kinder lernen als erstes, dass sie Schuld haben, wenn sie misshandelt und gequält werden. Sie sind oft noch für Jahrzehnte überzeugt, dieses Leid verursacht zu haben. Wenn endlich der Punkt gekommen ist, wo wir als Betroffene ehrlich drüber sprechen können, ist das Letzte, was wir brauchen, der Hinweis, "es sei eine Herausforderung mögliche Täter, Missbrauch zu begehen".

Genau diese Angst muss nämlich unter anderem überwunden werden, denn so hat auch der langjährige Missbraucher die Kinder gefügig gemacht. Er hat ihnen vermittelt, der Missbrauch würden aus ihrem Verhalten resultieren. Sie seien selbst verantwortlich, dass er es nun mit ihnen machen müsse.

"Mein Missbraucher hat mir unter diesem Vorwand als 3 bis 4-Jährige in die Scheide geschnitten, weil ich mich nicht genug anstrengen würde, endlich groß genug zu sein, damit er da rein passt..."

Betroffene Kinder sind weder als Kinder noch später als Erwachsene verantwortlich dafür, wenn sie missbraucht werden. Egal, ob sie nackig rumlaufen, oder nicht. Ich will Betroffenen Mut machen, dass sie an ihre Rückkehr in ein glückliches Leben glauben können. Denn nur, was ich für möglich halte, kann ich auch erreichen.

Doch welcher Betroffene hätte mich für glaubwürdig gehalten, wenn ich eine abgeschwächte Form beschrieben hätte? Wer hätte mir in seinem katastrophalen Leid Glauben geschenkt, dass es möglich ist, zurück ins Leben zu finden, wenn ich wesentliche Beschreibungen weg gelassen hätte?

Wenn man wirklich richtig schlimmen Missbrauch erlebt hat, systematisch innerlich zerstört worden ist, klingt es absolut anmaßend, wenn jemand sagt, "Du schaffst das schon", der niemals gefühlt hat, was Du gerade immer noch fühlst.

Zurück in ein menschenwürdiges Leben

Ich will Menschen aktiv einladen, deren Leben scheinbar vollständig zerstört ist, dass sie wieder an ein Leben glauben können, für das es sich lohnt, weiter zu machen und weiter zu leben. Und die Menschen um sie herum will ich einladen, ihnen wirklich zur Seite zu stehen und Raum zu geben, in dem sie wieder bei sich ankommen können.

Und bitte nicht mit Forderungen nach höheren und gewaltsamen Strafen für Täter ... Davon haben Betroffene keine Unterstützung.

Unterstützung wird überall dort geschenkt, wo die tatsächlichen Bedürfnisse und Lebensumstände der traumatisierten Menschen Berücksichtigung finden. Mehr zu meinem Weg aus dem Trauma ins Leben in dem Buch Trauma und Menschsein - Aus Liebe zum Leben.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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