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Die Kinderkrankmacher: Ein Pharmainsider packt aus

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KINDER MEDIZIN
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Kunde als »Patient«. Das Problem ist, er kann von der Pharmaindustrie kaum direkt umworben werden. Denn Werbung für rezeptpflichtige Medikamente in Publikumszeitschriften und überhaupt in Deutschlands Öffentlichkeit ist laut Gesetz tabu, so steht es im Heilmittelwerberecht.

Also müssen die ins Boot geholt werden, die zwischen dem Patienten und den Unternehmen stehen. Alle, die Rezepte ausfüllen - die Mediziner. In ihren Fachzeitschriften darf hemmungslos geworben werden, bei ihren Veranstaltungen dürfen Firmen ungeniert Präsenz zeigen. Und so ist auch das eine einfache Rechnung: Jede Packung, die ein Arzt verschreibt, bringt Geld auf das Konto der Medikamentenindustrie.

Der hochrangige Marketingchef eines großen Pharmaunternehmens beschreibt exklusiv für uns, welcher Methoden sich Pharmafirmen bedienen, um Mediziner, Wissenschaftler und andere sogenannte Meinungsbildner von ihren Produkten zu »überzeugen«. Er erklärt, wie es gelingt, sie möglichst dauerhaft an sich zu binden und auch mehr oder weniger direkt als »Verkaufsmitarbeiter« einzuspannen.

Ein seltener Einblick in eine Branche, die meist im Verborgenen agiert. Er muss unerkannt bleiben, denn seine Aussagen sind brisant. Könnten sie mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden, würde ihn das den Job kosten. Die Pharmaindustrie tue für die Menschheit viel Gutes, sagt er. Aber es gibt ein paar unschöne Auswüchse. Egal, ob es um den Markt für Kinder geht oder für Erwachsene.

Die Tricks sind dieselben. Weil man bei den Kindern mit Masern, Mumps und Co. wohl nicht mehr viel Geld verdienen kann, müssen eben neue Krankheiten her. Lukrative Krankheiten. Das sollten Patienten wissen, bevor sie das nächste Mal eine Pille schlucken, findet er. Und wir auch.

Wie man die Ärzte gewinnt

Eigentlich ein Traumberuf hohes Ansehen, sinnstiftende Tätigkeit, ordentliches Einkommen. So sieht die Öffentlichkeit gemeinhin die Ärzte. Umfragen belegen: Sie haben einen ordentlichen Vertrauensbonus bei uns trotz immer neuer bekanntgewordener Skandale zu Ärztekorruption und Behandlungsfehlern. Mediziner führen regelmäßig die »Berufsprestige-Skala« des Allensbach-Instituts an. Auch wenn sie heute nicht mehr unbedingt als »Halbgötter« gelten, die Frauen und Männer in Weiß sind für uns nach wie vor eine Instanz.

Wie also sollte es der Industrie gelingen, in diese honorige Gesellschaft einzudringen, einige ihrer Mitglieder für sich zu gewinnen, ja, sie gar für ihre eigenen kommerziellen Interessen systematisch einzuspannen?

Nichts leichter als das, sagt unser Informant:
»Es gibt seltener als früher direkte Zuwendungen. Aber es gibt viele Möglichkeiten, wie man ganz legal mit Ärzten kooperieren kann: Preise bekommen Ärzte gern, Vorträge halten sie gern und Geld verdienen tun sie natürlich alle gern. Das ist ein Geben und Nehmen zum beider seitigen Nutzen: Die Firma hat etwas davon, wenn sie einen berühmten Meinungsbildner zum Beispiel als Referenten für einen Vortrag auf einem Symposium gewinnt.Das ist für uns doch viel besser als einen, den keiner kennt. Eine graue Maus, Lieschen Müller interessiert uns doch nicht. Wir wollen doch, dass man sagt: ›Guck mal, der Herr Professor‹ oder ›der bekannte Arzt hat das gesagt‹. Dem glaubt man doch. Und der Arzt hat auch etwas davon. Der kriegt viel Renommee. Viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Und das wollen die Ärzte doch. Die sind ja oft sehr eitel. An ihrer Eitelkeit, da packen wir sie.«

Wie man sich mit den Universitäten vernetzt und Einfluss auf die Forschung nimmt
Und wie sie sie packen. Auch die Universitäts-Professoren. Laut Artikel 5 des Grundgesetzes sind Forschung und Lehre frei. Auch frei von Skrupel? Unser Insider erklärt, wie das mit den Professoren und den Geschenken funktioniert:

»Man nimmt Kontakt mit einem Professor auf und verspricht ihm Geld für einen ›Forschungs-Grant‹ an seiner Uni. Das Geld ist nicht zweckgebunden. Aber der, der es einwirbt, wird natürlich dafür sorgen, dass es auch in seiner Abteilung verwendet wird. Derjenige, mit dem man das vereinbart, hat dann den Zugriff auf das Drittmittelkonto. Dadurch hat er mehr Geld und kann zum Beispiel eine Drittmittelstelle bezahlen.

Er kann mehr forschen und bekommt mehr Renommee. Da freut der sich doch. Der Kontakt zu ihm wird dann natürlich viel einfacher für uns. Wenn ich ein ›Geschenk‹ mache, dann bin ich doch in viel besserer Erinnerung. Aber ich erwarte natürlich auch etwas dafür, als Gegenleistung. Ich erwarte dann, dass er meine Produkte bewirbt. Und das funktioniert auch.

Manche schreiben Artikel über meine Therapien und Produkte. Oder sie erwähnen das Produkt in einem Vortrag, und natürlich stellen sie das dann positiv dar. Das ist doch selbstverständlich. Sonst wäre ich schon sehr irritiert. Ich suche doch keinen, der schlecht über mein Produkt spricht. So blöd bin ich nicht.«

Berufsehre. Alles klar. Und wenn doch einmal jemand etwas zu bemängeln hat? »Ich will keine Negativwerbung!«, sagt unser Informant entschieden. Deshalb gibt er seinen Referenten auch immer sofort ein Feedback, wenn die tatsächlich mal bei einem öffentlichen Vortrag etwas an einem Präparat kritisieren. Er sorgt dafür, dass sie das beim nächsten Mal dann nicht mehr machen.

Warum es sich lohnt, in den Nachwuchs zu investieren

Wer sich als Prominenter mit den Boulevardmedien einmal eingelassen hat, also in »guten Zeiten« Intimes im Interview preisgegeben oder gar für eine »Homestory« die Türen zu den eigenen vier Wänden geöffnet hat, der wird sie später auch in schlechten Zeiten nicht mehr los. Einmal nah, immer nah, so sagt man. Bei den Nachwuchswissenschaftlern ist das offenbar ähnlich: Einmal gefördert, für immer im »Dienst«.

»Wir rekrutieren auch schon junge Leute an den Unis mit speziellen Förderprogrammen. Sie können mir glauben, da sind viele lange und gute Kontakte für uns entstanden. Viele bringen es doch zu Professuren, und die sind dann immer noch unsere Leute.«

Warum Studien gerne gefördert werden

Nichts ist so wahr wie Zahlen und Fakten, die nach intensiver Forschung schwarz auf weiß vor uns liegen. Oder?

»Manche Forscher haben eine Idee zu einer Studie. Das finanzieren wir auch gern. Da haben wir dann den Zugriff auf die Daten. Das ist für uns viel einfacher, als eine aufwendige klinische Studie zu organisieren und durchzuführen.«

Warum sich Kongresse rechnen

»Unsere Leute« nennt der Insider die Ärzte. Klingt nach: »Wir sind doch alle eine eingeschworene Gemeinschaft.« Und die trifft sich wo? Auf Kongressen. Und wer bezahlt?

»Wir finanzieren natürlich auch Kongresse. Ohne die Pharmaindustrie gäbe es keinen einzigen Kongress in Deutschland. Und da halten unsere Leute dann natürlich Vorträge. Sicher stehen die zu uns in Abhängigkeit. Egal, was die Ärzte für uns machen, es entsteht eine Bringschuld. Aber das ist okay so. Das ist ganz legal. Ich kann ja auch erwarten, dass ich von der Erbtante was erbe, wenn ich die immer besuche.«

Über langfristige »Kundenbindung«

Und es gibt durchaus noch andere Möglichkeiten der Vernetzung:
»Man kann auch eine Stiftungsprofessur einrichten. Da fragen wir den Uni-Chef nach besonders emsigen Mitarbeitern. Die Firma macht dann den Vertrag mit der Uni für das Vorhaben und die Dauer. Und der Mitarbeiter kann forschen. Da schaffen wir uns Freunde fürs Leben.«

Freunde fürs Leben. Na, darauf lässt sich doch bauen. Der Marketingchef ist sich seiner Sache jedenfalls sicher. »Eines steht fest«, sagt er zum Abschluss. »Egal, welche Maßnahmen wir ergreifen, sie steigern den Umsatz.«

Ärzte als wohldotierte Redner bei Fachkongressen oder Ärztefortbildungen, hofiert und umworben. Opulent ausstaffierte Tagungen. Großzügig geförderte Studien und eine sanfte, aber wirksame Kontrolle. Einerseits. Und andererseits? Gefällige Ergebnisse, steigende Verschreibungszahlen und florierende Umsätze? Läuft das so? Verbirgt sich hinter so mancher ADHS-Diagnose ein gutes Geschäft für die mit Pharmafirmen verbandelten Mediziner? Wird ADHS deshalb so schnell und so häufig diagnostiziert? Weil es der Pharmaindustrie nutzt?

»Von der Behandlung des ADHS-Syndroms mit Arzneimitteln profitiert die Pharmaindustrie«, stellt auch Peter Schönhöfer klar. Der Pharmakologe erklärt: »Je mehr Kinder krank sind, desto mehr wird ihnen verordnet. Das kranke Kind ist ein Umsatzträger. Die Verordnung ist in den Händen der Ärzte. Die müssen auch mitspielen. Die werden finanziert und entlohnt. Das heißt, Ärzte und Pharmaindustrie profitieren.«

Dieser Artikel ist Teil des Buches "Die Kinderkrankmacher"

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Verlag: Herder
ISBN 978-3-451-31198-7