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Ich hatte den beschissensten Job der Welt - das habe ich daraus gelernt

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CONCERNED MAN
Thomas Barwick via Getty Images
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"Ich bin schwerbehindert und verschuldet. Keine Versicherung will mich haben. Und Sie wollen mich aus heiterem Himmel versichern?"

Ich muss erstmal schlucken. Mein Herz schlägt. Röte steigt in mein Gesicht. Und ich stammele etwas von "kostenlosen Infos über Versicherungen". Ich fühle mich schlecht.

Mein Geld als Zeitungsverteiler hat für meine damaligen Bedürfnisse nicht mehr gereicht. Ein Bekannter hat für ein Call-Center gearbeitet und sagte, dass man da gutes Geld verdienen kann. Das ist jetzt etwa 12 Jahre her.

3,50€ Grundgehalt + Provision von ca. 50 Cent je Lead. Ein Lead ist ein Datensatz, der den Namen und die Adresse eines potenziellen Versicherungskunden enthält. Für einen Lead musste man seinerzeit bis zu 100 selbstständig tätige Personen kalt anrufen.

"Ich musste gar nichts können"

Nach den ersten 20 Telefonaten ging der Herr mit der Schwerbehinderung an den Hörer. Und da merkte ich, was für eine bescheidene Tätigkeit das war. Damit das Geschäftsmodell funktionierte, brauchte ich rein gar nichts können, außer möglichst viele Leute anzurufen und zu fragen, ob sie grundsätzlich Interesse an einer privaten Krankenversicherung haben.

Ich hätte keine (!) inhaltliche Frage beantworten können. Und wie sagte an meinem einzigen Tag dort jemand: "Wenn jemand zu viele Fragen stellt, einfach wegdrücken und den nächsten anrufen."

Nach dem Testtag ging ich mit Bauchschmerzen nach Hause. Er wäre mir immerhin angerechnet worden, wenn ich dort einen Arbeitsvertrag unterschrieben hätte. Dass ich das nicht tun würde, war mir jedoch schnell klar.

Dennoch gibt es keinen Job, bei dem ich an einem Tag so viel über mich selbst (und vielleicht auch über andere) gelernt habe. Hier habe ich vier Punkte aufgeschrieben, die ich mir als Ratschlag gebe:

1. Kenne deinen Gegenüber als Menschen, sonst wird er zur Nummer

Jeder in dem Call-Center hat mit Menschen gesprochen. Das Ziel waren aber Leads. Dazu musste man X Nummern -- keine Personen -- anrufen. Der Gesprächsleitfaden war ausschließlich darauf gerichtet, dass man die Einwilligung erhält, aus der Nummer einen Lead zu machen.

Klar, dass bei mehreren 100 Anrufen am Tag, der Mensch an der anderen Seite überhaupt keine Rolle spielt. Ich war schon nach 10 Anrufen total auf die zu erreichenden Zahlen fixiert -- ob der Mensch am anderen Ende der Leitung Bedürfnisse hat, war in dem Moment für mich nachrangig.

Heute achte ich bei beruflichen Tätigkeiten darauf, dass mir klar ist, dass ich mit einem Menschen rede und für ihn etwas leiste und nicht für irgendeine Kennzahl.

2. Mache keine Tätigkeit, bei der du den echten Wert (für den Kunden) nicht kennst

Was passierte eigentlich, nachdem ich Leads generiert habe? Ich habe Infomaterial versprochen, aber tatsächlich meldete sich ein richtiger Vertriebler, um einen persönlichen Termin zu vereinbaren, um daraufhin eine Versicherung zu verkaufen. Ob der potenzielle Kunde sie überhaupt braucht?

Welche Anforderungen er hat? Es ging um Abschlüsse, nicht um nachhaltig zufriedene und abgesicherte Kunden. Ich konnte nicht erklären, was der Wert meiner Arbeit (und des Unternehmens) war. Privat hätte ich jedem abgeraten mit Leuten der Firma zu sprechen.

Wenn ich heute nicht klar sagen kann, welches lösenswerte Problem ich löse, lasse ich es. Beim Menschen in Konzernen kann die Nähe zum Wert aus anderen Gründen ebenfalls abhanden kommen. Da hilft das mehrfache Fragen nach dem "Warum?"

3. Wenn sich dein Bauch oder Gewissen melden, ist es schon "zu spät"

Ich musste erst mit einem Menschen sprechen, der mich emotional betroffen gemacht hat, um zu erkennen, dass die ganze Tätigkeit eine große Sauerei war. Bis dahin hatte ich aber bereits einige Leads gesammelt und weitergegeben.

Die Tätigkeit hat zwar keinen Spaß gemacht aber hinterfragt habe ich sie auch nicht. Seitdem ist mein persönliches Gespür für mein eigenes moralisches Verhalten sensibler geworden. Bei ersten Anzeichen eines unguten Gefühls gehe ich in mich und hinterfrage mein Handeln und das anderer.

4. Menschen, die Protagonisten im eigenen Theater sind, halten die Realität für Theater

Einige Monate nach meinen Erlebnissen strahlte das ZDF eine Sendung über die besagte Firma aus. Sie portraitierte das Bild eines bis ins Mark illegalen Unternehmens. Unterschlagung und Betrug waren da kleinere Übel.

Es kamen auch ehemalige Kollegen/innen zu Wort. Das hat mich an Aussteiger von Zeugen Jehovas oder Scientology erinnert. Sie beschrieben ein Bild, in dem alles in sich stimmte, für Außenstehende aber kaum nachvollziehbar ist: "Klar muss ich alle 10 Minuten einen Lead liefern, sonst haben unsere Vertriebler zu wenige Interessenten für Terminierungen. Und ohne die werden keine Versicherungen verkauft. Außerdem komme ich dann auf 6,50€ die Stunde."

Auch Gehaltsaufschiebungen, unbezahlte Überstunden und Versprechen nahe der Illegalität haben sie mit einer ähnlichen Argumentation für sich selbst rechtfertigen können.

Auch wenn das seit hunderten von Jahren mantraartig wiederholt wird: Ich muss einfach hervorheben, wie wichtig die Distanz zum eigenen Tun sein kann. Wer täglich nur die konkreten Aufgaben vor sich hat und sich keinen Raum zur Reflexion nimmt, gelangt immer tiefer ins Theater und verwechselt die Bühne irgendwann mit allem, was außerhalb des Theaters stattfindet.

Ich will die Erfahrung nicht noch einmal machen aber missen will ich sie auch nicht. Für mich als Schüler war das eine kurze Erfahrung, die schon bald verblasste. Für die damaligen Kollegen/innen, die auf das Geld und die Tätigkeit angewiesen waren, war das ihr ernstes Tagesgeschäft. Ich hoffe, dass auch sie heute die nötige Distanz dazu haben.


Dieser Beitrag erschien zuerst hier.

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