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Wie man entspannt, ohne sich zu entspannen - Meine Alternative zu Meditation, Schweigekloster und Co.

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RELAXATION
Klaus Vedfelt via Getty Images
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"Zehn Tage Sonne, Strand und Meer sind das Beste, das Sie tun können, um mal richtig zu entspannen und die Batterien aufzuladen," sagte mir meine Frisörin nickend, nachdem ich ihr meine Urlaubspläne für diesen Sommer mitgeteilt habe.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Rückflug von Malta in Richtung Deutschland und denke nach. Habe ich wirklich „so richtig entspannt"? Oder präziser gefragt: Fühle ich mich erholter als meine sonst üblichen vier bis siebentägigen Städtetrips in Airbnb's, während ich täglich drei Stunden arbeite?

Jeden Tag kommt eine neue App heraus, die einem dabei helfen will zu entspannen. Der Ansturm auf Yoga-Kurse ist nach wie vor ungebrochen. Und um in Entspannungsthermen einen Termin zu bekommen, muss man viele Wochen Wartezeit in Kauf nehmen. Selbst grenzwertig verrückte Ideen, wie Schweigekloster für gestresste Manager verkaufen sich wie warme Semmeln. Die Hoffnung auf Entschleunigung, Entspannung und „wieder zu sich selbst finden". Kann man nur so entspannen?

Ich nutze hin und wieder die App Headspace, die einem den Einstieg in die Meditation vereinfachen möchte. Die ersten zehn Tage wird man täglich durch zehn Minuten Meditation geführt. Das ist in der Tat hilfreich. Aber die weiteren Programme (Essensmeditation oder Fahrradmeditation) führen bei mir unweigerlich zur Frage: Kann man nur entspannen, wenn man aktiv und bewusst gaaanz ruhig wird und auf den Atem achtet?

Stressiger Alltag = Entspannte Freizeit?

Woher kommt denn der Gedanke, dass man zu einem stressigen Alltag, unbedingt das genaue Gegenteil benötigt, um abzuschalten und die Batterien wieder aufzuladen?

Ich bin überzeugt, dass man viel wirkungsvoller entspannt, wenn man eben nicht entspannt. Bei chronischem Stress sollte man natürlich an die Ursachen gehen, das ist klar. Aber viele können (und wollen) nicht mal eben ihren Job wechseln, ihre Kinder zur Adoption frei geben oder einfach aussteigen. Deswegen mein Tipp, folgende Strategie mal auszuprobieren.

Check-Out bedeutet Fokuswechsel...

...und die vorübergehende Abwesenheit von Arbeitsthemen. Dazu sollten Sie den Ort wechseln. Physisch und psychisch. Keine Angst  -  es wird nicht esoterisch. Sie gehen schlicht an einen Ihnen unbekannten Ort. Je fremder und je mehr Neuheitsfaktor, desto besser. Ob es eine Fahrt in eine Nachbarstadt ist, in der der Sie noch nie waren, und dort eine Dorfkneipe besuchen, oder ob Sie für drei Tage nach Warschau fliegen, ist erstmal egal.

Probieren Sie am besten etwas herum. Je mehr Neuheiten und Fremdartigkeiten Ihnen begegnen, desto mehr müssen Sie sich aktiv orientieren und die Eindrücke verarbeiten. Alles andere als entspannend.

Aber: Sie wechseln Ihre Fokussierung von der Arbeit auf das Neue, das nichts mit Arbeit zu tun hat. Ihr Gehirn ist beschäftigt. Nach einem Tag in einer fremden Stadt werden Sie beim Einschlafen garantiert nicht an die Arbeit denken, sondern im entspannten Zustand den Tag Revue passieren lassen.

Meine eigenen Check-Outs dauern maximal fünf Tage. Schon nach dem dritten tag bemerke ich erste Anzeichen von Gewohnheit. Auch wenn es nur der erste Espresso am Tag beim Café ums Eck ist.

Sobald Sie während des Check-Outs in Routinen „verfallen" (verfallen klingt hier negativ; sie können auch ein hilfreiches Werkzeug sein können), wird es für Ihr Gehirn wieder einfacher zu entspannen und auch wieder Arbeitsthemen hervorzuholen. Der Blick in die Mailbox ist dann nicht weit. Und ehe Sie sich versehen, sind Sie physisch noch an einem anderen Ort, geistig aber schon wieder im Alltag.

Ideen für Check-Outs

Im Frühjahr war ich fünf Tage in Prag und habe morgens zwei Stunden gearbeitet. Tagsüber habe ich mir die Stadt angesehen und war viel unterwegs. Nach meinem Aufenthalt habe ich mich so gefühlt, wie ich dachte, dass man sich nach einem zweiwöchigen Strandurlaub fühlt: Aufgeladen, gut gelaunt und zu allen Schandtaten bereit.

Weitere Möglichkeiten für Fokuswechsel sind wechselnde Hobbys und Sportarten. Nehmen Sie an einem Barista-Lehrgang teil, üben Sie Klettern usw.

Oder machen Sie ganz kleine Check-Outs im bestehenden Umfeld: Mittags nicht in die Kantine, sondern in ein unbekanntes Restaurant; Beim Joggen neue Strecken ausprobieren oder rückwärts joggen; Statt samstags die Auffahrt fegen, einfach mal den Montag-Morgen nehmen.

Die Möglichkeiten sind endlos. Seien Sie kreativ und versuchen sich selbst zu überraschen. Es macht Spaß und regt Ihr Gehirn an, sich neu zu fokussieren.

Also: Es reicht oftmals schon den Fokus vom Alltag auf etwas anderes zu legen, als ihn ganz zu verlieren. Auch wenn Malta ein toller und empfehlenswerter Urlaub war  -  meine nächste Reise geht definitiv wieder in Richtung Stadt in einem Airbnb. Zum fokussierten Entspannen.

Die „Check-Out-Strategie" habe ich meinem Buch Grenzenlos: Erfolgreiche Strategien für Wissensarbeit entnommen.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf medium.

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