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Flüchtling zur Gewalt in Köln: Es macht mich traurig und beschämt

19/01/2016 14:45 CET | Aktualisiert 19/01/2017 11:12 CET
PATRIK STOLLARZ via Getty Images

Ich bin männlich, Flüchtling aus Syrien und wohne in der Nähe von Köln. Ich empfinde es als meine moralische Pflicht, mich zu den Vorfällen in Köln zu äußern. Aber wo kann und soll ich anfangen? Auf der einen Seite bin ich wie viele andere Menschen in Köln, Deutschland und in der ganzen Welt sprachlos und wütend.

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Auf der anderen Seite mache ich mir Sorgen, was dieses abscheuliche Verbrechen für andere Flüchtlinge wie meine Familie und mich bedeuten wird. Vorneweg ist mir jedoch besonders wichtig, meine Solidarität mit den Frauen auszusprechen, die Opfer dieser Gräueltaten geworden sind. Niemandem sollte irgendwo auf dieser Welt von irgendwem ein solches Leid zugefügt werden.

"Es macht mich traurig und beschämt."

Es macht mich traurig und beschämt zu hören, dass einige der Verbrecher Asylbewerber sind. Wie können sie so etwas tun? Wie können gerade diejenigen, die selbst vor unendlichem Leid, vor Krieg geflohen sind, sich so verhalten? Meine deutschen Freunde sagen mir, dass es keine „Kollektivschuld" geben darf, dass Verbrecher Verbrecher sind, egal, wo sie herkommen.

Statistiken zeigen, dass die Straffälligkeit von Flüchtlingen genauso hoch ist wie bei Deutschen. Aus der Herkunft von Menschen können und dürfen keine Rückschlüsse über Gesetzestreue gezogen werden. Aber ich denke an all die ehrenamtlichen Helfer, die mich seit meiner Flucht nach Deutschland unterstützt haben; an die Hilfe, die ich vom deutschen Staat erhalte, an den Rückhalt, den ich erfahre.

Wir sagen im Arabischen, dass man die Hand, die einen füttert, nicht beißen darf. Genau dagegen haben die Täter von Köln verstoßen, und sie haben den Islam, auch meine Religion, mit ihren Taten beschmutzt.

Der Islam, wie ich und viele andere Syrer ihn leben, erlaubt keine Gewalt gegen Frauen, keinen Diebstahl, und ja, auch keinen Alkoholkonsum. Selbst Freunde, die noch in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs gefangen sind, haben von den Vorfällen in Köln gehört und mir über Facebook ihr Entsetzen geschildert.

Auch in meinem Flüchtlingsheim in der Nähe von Köln sprechen alle darüber, was an Neujahr passiert ist. Es ist uns unbegreiflich, wie Menschen so etwas tun können.

"Die Übergriffe haben ähnliche Erinnerungen in mir aufgewühlt."

Die Übergriffe auf die Frauen in der Silvesternacht haben auch andere, ähnliche Erinnerungen in mir aufgewühlt. Es war vor etwa einem Jahr, am Hauptbahnhof in Düsseldorf. Das erste Mal in meinem Leben habe ich gesehen, wie eine Frau belästigt wurde.

Der Täter war betrunken, ich versuchte dazwischen zu gehen, aber er wurde sehr gewalttätig. Mein Bruder hielt mich damals zurück, sagte mir, dass ich aufpassen müsste, dass die Polizei nicht am Schluss mich verhaftet. Schließlich sei ich Flüchtling.

Vielleicht wäre das nicht so gewesen, aber wir waren noch sehr fremd in diesem Land und hatten Angst, man könne uns nach Syrien zurückschicken. Bis heute denke ich an diesen Vorfall und fühle mich schwach und hilflos.

Vor einiger Zeit gab es einen weiteren Fall von Gewalt gegen eine Frau in dem Flüchtlingsheim, in dem ich wohne. Ein Mann hat auf sie eingeschlagen. Wir haben die Polizei gerufen, aber sie hat nichts getan. Man hat uns gesagt, dass ihnen die Hände gebunden seien, weil sowohl die Täter als auch die Opfer Asylsuchende sind.

Ich war sehr wütend, die Polizei so machtlos zu sehen. Es konnte doch nicht sein, dass man die Frau nicht beschützen, nichts dagegen tun konnte! Die Frau weinte sehr und der Täter wohnt bis heute bei uns im Heim.

Wir versuchen alle, ihr zu helfen und haben den Mann zur Rede gestellt. Er sagte nur, er hätte keine Angst vor der Polizei. Das deutsche Recht könne auf ihn nicht angewandt werden. Kann das wirklich sein?

"Wer kriminell ist, muss auch so behandelt werden."

Es wird gerade in den Nachrichten viel diskutiert darüber, dass man Asylbewerber stärker bestrafen sollte. Ich bin dafür, dass man sie genauso wie alle anderen zur Rechenschaft zieht. Wer kriminell ist, muss auch so behandelt werden, egal, wo er her kommt.

Eine konsequente Bestrafung ist deswegen auch gerade zum Schutz vieler Flüchtlinge, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, wichtig. Zum einen, weil diejenigen, gegen die Gewalt sich richtet, vor allem andere Asylbewerber sind.

Zum anderen, weil kriminelle Flüchtlinge all denjenigen besonders mit ihrem Handeln schaden, die auch als „Flüchtlinge" zählen, weil die Stimmung sich ändert, und ja, weil pauschalisiert wird. Wie alle Menschen sind wir „Flüchtlinge" natürlich auch eine heterogene Gruppe. Wie überall gibt es auch unter uns Kriminelle.

Ein schlechter Mensch ändert sich auch dann nicht, wenn er alles verloren hat und durch die Hölle auf Erden gegangen ist. Vielleicht wird er dadurch manchmal sogar noch schlechter.

Ich selbst bin vor ziemlich genau einem Jahr an Silvester nach Deutschland gekommen, meine Heimatstaat Deir Ez Zoor in Syrien wurde von terroristischen Gruppierungen eingenommen und ich hatte Angst um das Leben meiner Frau, unserer drei und fünf Jahre alten Töchter und das unseres damals noch ungeborenen Sohnes.

Jeden Tag wurde bombardiert und ich habe so viele von meinen Bekannten und Freunden verloren. Außerdem gab es seit Jahren kaum Strom und fließendes Wasser in meiner Stadt, nicht mal mehr Krankenhäuser.

"Ich denke viel an die Menschen, die ich verloren habe."

Ich bin tagelang gelaufen, saß auf einem wackeligen Boot nach Griechenland, und habe die gefährliche Balkanroute durchquert. Ich bin einer von über 4.5 Millionen Syrern, die seit Beginn des Konflikts im März aus unserer Heimat in andere Länder geflohen sind.

Ich denke viel an die Menschen, die ich verloren habe, und auch an die, die nicht fliehen konnten. Einige haben ihre ganze Familie verloren. Sie wollen nicht mehr leben. Jeden Tag sehe ich Meldungen auf Facebook, dass noch mehr Menschen gestorben sind und die Bombardierungen immer weiter gehen.

Ich hoffe, dass der Krieg eines Tages endet, doch die Situation ist so kompliziert. Syrien bleibt meine Heimat, aber mein Zuhause ist jetzt hier. Deutschland ist ein gutes, sicheres Land. Ich fühle mich wohl.

Ich wusste nicht viel über meine neue Heimat, bis die Schmuggler mich aus Österreich über die Grenze schafften. Seit ich hier bin, bin ich überwältigt über die Hilfsbereitschaft, die mir entgegengebracht wurde.

Ich bin hier, um mich zu integrieren, um ein Teil dieser Gesellschaft zu werden, in der Freiheit, Gleichberechtigung und Frieden hochgehalten werden. Ich bin dankbar dafür, dass die Deutschen ihr Land mit mir teilen. Meine Freunde hier sind zu einer neuen Familie geworden, und wenn ich mir vorstelle, dass einer unter den Opfern in Köln gewesen sein könnte, werde ich wütend und traurig.

"Es ist wichtig, nach vorne zu schauen."

Gleichzeitig ist es jetzt wichtig, nach vorne zu schauen. Menschen müssen sich integrieren können und es muss mehr Klarheit darüber geben, wie man mit Verbrechern umgeht. In Syrien habe ich als Englischlehrer gearbeitet. Jetzt bin ich Bundesfreiwilliger bei der Hilfsorganisation CARE beim sogenannten „KIWI"-Projekt.

KIWI steht für Kultur, Integration, Werte und Initiative. Wir helfen Lehrern beim Umgang mit neu angekommenen Schülern, die Fluchterfahrung haben, wollen zentrale Grundwerte der deutschen Gesellschaft vermitteln und negative Geschlechterrollen und Diskriminierung bekämpfen.

CARE unterstützt seit vielen Jahren in Ländern wie Serbien, Kosovo oder Bosnien männliche Jugendliche dabei, stereotype Geschlechterrollen und Verhaltensmuster abzulegen und greift jetzt in Deutschland auf diese Expertise in der Jugendarbeit zurück.

Es ist wichtig, dass deutsche Schulen bei der großen Herausforderung, hunderttausende Kinder und Jugendliche mit Flucht- und Migrationshintergrund in den Schulalltag zu integrieren, nicht alleine zu lassen.

"Ich war überrascht, wie offen die Menschen hier sind."

Als ich selbst vor einem Jahr nach Deutschland kam, war ich überrascht, wie offen die Menschen hier sind. In Deutschland sind alle gleich, egal ob Du Flüchtling oder Deutscher bist. Das war ein gutes Gefühl, vor allem, wenn man aus einem Bürgerkriegsland kommt, in dem Herkunft eine große Rolle spielt.

Ich will den Kindern und Jugendlichen, die als Migranten oder Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind dabei helfen, sich zu integrieren, hier einen Platz für sich zu finden. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich als „Brücke" zwischen ihnen und Deutschen dazu beitragen kann, das eben genau dieses Gefühl des „Sich Willkommen Fühlens", das nach Jahren des Krieges Balsam auf meiner Seele war, nicht aufgrund der Ereignisse in Köln verloren geht.

Ich hoffe, dass die Verbrecher gefasst und stark bestraft werden, und dass die deutsche Politik Antworten auf solche Taten findet - ganz unabhängig davon, ob die Täter und Opfer Migranten, Flüchtlinge oder Deutsche sind.

Gleichzeitig wünsche ich mir inständig, dass die „Willkommenskultur", das multikulturelle Köln und Deutschland, das ich kennengelernt habe, sich dadurch nicht negativ verändern. Sonst, so kommt es mir vor, lassen sie die Täter von Köln gleich noch ein weiteres Verbrechen begehen.

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