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"Frauen können eh kein Mathe" - warum dieser Satz völliger Unsinn ist

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"Frauen können ohnehin kein Mathe" - diesen Satz habe ich in der zehnten Klasse im Gymnasium nicht nur einmal von meinem Mathe- und Physiklehrer gehört. Der arme Mann dürfte hochgradig verbittert gewesen sein, denn er lehrte seit vielen Jahren an einer Mädchenschule.

Ich nahm mir den Satz selbst nicht all zu sehr zu Herzen; meine Stärken waren seit jeher die klischeemäßig weiblichen Fächer wie Sprachen, Geschichte und Kunst. Empört war ich aber trotzdem ob dieses Pauschalurteils.

Denn: Meine beste Freundin war Klassenbeste in Mathe - und sie war so gut, dass sie bisweilen Fehler in den Rechnungen meines Lehrers an der Tafel entdeckte.

Frauen interessieren sich nun mal nicht für Mathe

Doch mein damaliger Mathelehrer ist mit diesem Vorurteil nicht allein. Nach wie vor herrscht in der Gesellschaft der Konsens, dass Frauen die sprachbegabteren und gefühlsbetonteren Wesen seien. Die meisten hätten nun einmal einfach nichts mit Naturwissenschaften am Hut, was, wenn nicht an mangelnder Begabung, doch zumindest am Desinteresse der Mädchen liegen müsse, so der Konsens.

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Frauen seien also im Prinzip selber schuld, dass sie in Naturwissenschaften nicht so gut abschneiden - so die Aussage, die daraus resultiert. Diese These vertritt auch Mathias Binswanger, der als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen tätig ist.

So schreibt Binswanger in der "Zeit", es sei nun einmal Fakt, dass Frauen sich nicht so sehr für Naturwissenschaften interessieren. Als Beweis zieht er heran: Die schlechteren Leistungen der Mädchen in den Naturwissenschaften in der Pisastudie. Entsprechende Kampagnen, Frauen in den Naturwissenschaften zu fördern, könne man sich ihm zufolge also sparen.

Marie Curie - eine Ausnahme

Die Schlussfolgerung des Autors, Frauen interessierten sich einfach weniger für Naturwissenschaften, ist perfide. Damit umgeht Binswanger zwar die ebenfalls nach wie vor beliebte These, dass Frauen einfach nicht die gleichen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Naturwissenschaften besitzen wie Männer, die schon mein Mathematiklehrer vertrat.

Die indirekte Aussage jedoch ist: Mädchen interessieren sich genau deshalb weniger für Naturwissenschaften, weil sie eben doch nicht über die gleichen Fähigkeiten wie ihre Klassenkameraden verfügen.

Denn besäßen Frauen die gleichen naturwissenschaftlichen Fähigkeiten, könnte man diese ja fördern, was Binswanger als sinnlos betrachtet.

Doch immer wieder vertreten gerade Männer gerne die Ansicht, dass Frauen einfach weniger Begabung oder Interesse für die Naturwissenschaften besäßen. Marie Curie? - Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt.

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Lehrer und Eltern trauen Mädchen nicht so viel zu

Genau diese Haltung allerdings trägt dazu, dass Mädchen in den Naturwissenschaften nach wie vor hinter den Jungen zurückbleiben. Denn Mädchen wird, ob bewusst oder unbewusst, suggeriert, dass sie einfach nicht die gleichen Fähigkeiten wie ihre männlichen Altersgenossen besitzen und sich dementsprechend auch nicht anzustrengen brauchen.

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Auch eine OECD-Studie belegt, dass von der Gesellschaft geprägte Verhaltensmuster die unterschiedlichen Leistungen von Jungen und Mädchen in Naturwissenschaften begründen.

Das liegt unter anderem aber auch daran, dass nach wie vor Lehrer und Eltern ihren Töchtern eine naturwissenschaftliche Karriere nicht zutrauen und so dazu beitragen, dass das Interesse der Mädchen an Naturwissenschaften so gering ist.

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Stereotype stehen einem gerechten Unterricht im Weg

Tatsächlich lässt sich nämlich nachweisen, dass die Erwartungen des Lehrers im Zusammenhang mit dessen Lehrer- und Lehrverhalten stehen. Gerade Stereotype stehen also einem gerechten Unterricht immer noch im Weg. Denn ein entsprechendes Verhalten einer Autoritätsperson beeinflusst wiederum das Verhalten und auch die Leistungsentwicklung des Lernenden.

Einem Mathelehrer, dessen Mantra ist, dass Frauen ohnehin keine Mathematik beherrschen, wird es naturgemäß eher schwer gelingen, seine Schülerinnen noch für dieses Fach zu begeistern.

Diese Formel gilt für beide Geschlechter gleichermaßen. Der Schülerin wird unterstellt, dass sie aufgrund ihres Geschlechts einfach keinen Zugang zu Mathe hat. Dem Schüler wiederum wird attestiert, dass er ohnehin nicht die gleiche Sprachbegabung besitze wie seine weiblichen Mitschülerinnen. Es läuft letztlich darauf hinaus, dass beide keine gerechte Förderung erhalten.

Alle Kinder sollen ihr ganzes Potenzial ausschöpfen können

Dabei wäre dieses Problem vergleichsweise leicht zu beheben. "Wir haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Unterschiede in der Bildung von Mädchen und Jungen, Männern und Frauen enorm verringert", sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher bei der Vorstellung des Berichts. Aber man dürfe nicht aufhören, Kinder dazu zu motivieren, ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen.

"Die gute Nachricht ist, dass wir dazu weder langwierige noch teure Bildungsreformen brauchen - es reicht, wenn Eltern, Lehrer und Arbeitgeber an einem Strang ziehen."

Es gilt also, in den Köpfen der Menschen mit Vorurteilen aufzuräumen, um gleiche Bedingungen zu schaffen, sodass jeder - Junge oder Mädchen - seine Interessen selbst wählen kann.

von Babette Habenstein, Autorin bei der HuffPost Deutschland

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(lk/ks)