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Ich hatte jahrelang Migräne - bis ich auf diese zwei Dinge verzichtet habe

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MIGRNE
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Der Schmerz hat sich meistens ganz leise angekündigt. Zunächst fühlte er sich so an, als hätte ich sehr lange meine Stirn angespannt. Dann kroch er langsam weiter nach unten und äußerte sich in einem allmählich immer stärker werdenden Druck auf den Augen.

War die Migräne erst einmal soweit vorangeschritten, war es auch schon zu spät. Kein Schmerzmittel konnte den nun aufflammenden Schmerz mehr abmildern. Ich lag für Stunden, teilweise auch für Tage, bewegungslos in meinem komplett abgedunkelten Zimmer.

Jedes Licht verursachte schrillende Schmerzen in meinem Kopf, aber auch jedes Geräusch wurde unerträglich. War es das Rascheln der Bettdecke, ein lachendes Kind auf der Straße oder auch nur mein eigener in den Ohren pochender Herzschlag: In meinem Kopf vermischten sich diese Geräusche zu einem dumpfen Dröhnen.

Mein Umfeld zeigte wenig Verständnis

Manchmal kamen die Attacken aber auch wie aus dem Nichts heraus. Plötzlich wurde mir Schlag auf Schlag schwindelig, ich musste mich übergeben, ich hatte Sehstörungen und teilweise verlor ich sogar das Bewusstsein und wurde ohnmächtig. Mein Alltag wurde dadurch zunehmend schwieriger. Zu Beginn meiner Erkrankung war ich siebzehn Jahre alt und besuchte die elfte Klasse des Gymnasiums, eine sehr stunden- und arbeitsintensive Klasse.

Die Empathie für meine Erkrankung fehlte völlig. Die meisten Menschen in meinem Umfeld schienen zu glauben, dass von dieser Krankheit vor allem ältere Frauen betroffen seien. Der Barmer Arztreport von 2017 berichtet allerdings etwas Anderes: Tatsächlich haben Migräne-Erkrankungen in den letzten zehn Jahren gerade unter jungen Menschen um dramatische 42 Prozent zugenommen.

Immer mehr junge Menschen erkranken an Migräne

Die Krankheit quält etwa 1,3 Millionen der 18-27-Jährigen. In den anderen Altersklassen hat Migräne vergleichsweise gering um 12 Prozent zugenommen. Mindestens 7,6 Millionen Menschen in Deutschland leiden laut des Reports insgesamt regelmäßig unter den heftigen Kopfwehattacken. Die am meisten betroffene Altersklasse ist dabei die Gruppe der 19 jährigen Frauen - fast 20 Prozent von ihnen leiden regelmäßig an Migräne.

„Der Alltag kann für Kopfschmerz-Patienten zur Qual werden und deren berufliche oder universitäre Existenz gefährden. Gerade junge Erwachsene brauchen bessere Präventionsangebote. Sport, Entspannungstechniken oder eine gesunde Lebensführung könnten vielen Betroffenen aus der Pillenfalle helfen", sagte Christoph Straub, Vorstandschef der Barmer.

Der Druck im Alltag wurde durch die Krankheit immer stärker

Dieses Problem kenne ich gut: Als meine Fehlzeiten zunahmen, schwand schnell das Verständnis meiner Lehrer für die Situation. Wie die meisten unter Migräne erkrankten Menschen litt ich ein bis zweimal pro Monat unter Kopfschmerzattacken, die mich teilweise für mehrere Tage lahmlegten. Kam ich zurück in die Schule, musste ich den verpassten Unterrichtsstoff nachholen.

Der Druck von Außen wuchs zunehmend, während in mir selbst immer die unterschwellige Angst vor dem nächsten Ausbruch lebte. Da Migräne unter anderem auch durch Stress bedingt wird, lebte ich wie in einem Hamsterrad.

Regelmäßige Einnahme von Kopfschmerzmitteln schadet der Gesundheit

Aus diesem fatalen Kreislauf versuchte ich zunächst mit der Hilfe von Schmerzmitteln auszubrechen. Mir war zwar bewusst, dass die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln der Gesundheit schadet, aber zugleich wusste ich mir nicht anders zu helfen. Die Medikamente vermochten die Beschwerden zwar nur geringfügig zu lindern, ich konnte allerdings schneller wieder funktionieren.

Vielen Betroffenen geht es ähnlich. Wie der Barmer Arztreport berichtet, bekämpfen 42 Prozent ihre Migräne jedes Mal mit Arzneimitteln. „Wer Kopfschmerztabletten regelmäßig oder gar übermäßig nimmt, riskiert seine Gesundheit", warnte Joachim Szecsenyi, Autor des Arztreports.

Auch nach der Diagnose konnten die Ärzte mir nicht helfen

Meine Eltern waren wegen meines hohen Schmerzmittelverbrauchs äußerst besorgt. In den vier Jahren, die ich unter der Krankheit litt, wurde ich daher ausgiebigen Untersuchungen unterzogen, um endlich die Ursache auszumachen.

Die Ärzte im Krankenhaus konnten zwar Migräne, eine neurologische Störung, bei mir diagnostizieren, mir jedoch nicht helfen. In ihrer Verzweiflung schleppte mich meine Mutter schließlich zum Homöopathen, obgleich niemand in unserer Familie wirklich an diese Form der Medizin glaubt.

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Ich testete eine alternative Behandlungsmethode

Bis heute weiß ich nicht, ob es tatsächlich die vom Homöopathen verschriebenen Kügelchen waren, die mir letztendlich halfen. Ich denke eher, das ganzheitliche Konzept, mit dem meine Krankheit behandelt wurde, war ausschlaggebend.

Ich musste ein ausgiebiges Tagebuch führen und meine Gewohnheiten dokumentieren. Mit Hilfe dieser Grundlage erstellte der Homöopath mir einen Plan mit zahlreichen Vorgaben für meinen Alltag. Diese Art der Behandlung ist auch bei auf Migräne spezialisierten Ärzten mittlerweile sehr verbreitet.

Ich verzichtete komplett auf Alkohol und Kaffee

Für mich galt es, Überanstrengung in Form von Sport zu meiden und lieber einer sanften und entspannenden Sportart nachzugehen, wie etwa Yoga. Zudem sollte ich darauf achten, einen regelmäßigen Tagesrhythmus einzuhalten.

Zudem bekam ich eine lange Liste von Lebensmitteln und Getränken, auf die ich verzichten sollte. Die beiden wichtigsten: Kaffee und Alkohol. Tatsächlich sind genau diese beiden Getränke dafür bekannt, migränefördernd zu wirken.

In der Zeit nach meinem Abitur, als meine Freunde feiern gingen und ihre neue Freiheit genossen, zog ich nach Italien und arbeitete dort als Aupair. Nicht nur fiel der Alltagsstress von mir ab, ich hielt mich auch konsequent an die von meinem Homöopathen aufgestellten Regeln.

Jede Migräne hat einen individuellen Auslöser

Und siehe da: nach wenigen Monaten war ich komplett schmerzfrei. Bis heute hatte ich keinen Rückfall mehr - seit mittlerweile fast acht Jahren. In dieser Zeit schloss ich meinen Bachelor und meinen Master ab, ich durchlebte Beziehungskrisen und andere schwierige Situationen, aber auch in stressigen Zeiten kehrte die Krankheit nicht zurück. Dabei lebte ich ein ganz normales Leben mit Phasen mit wenig Schlaf, Partys und allem, was für einen jungen Menschen dazugehört.

Eine Sache gilt für mich jedoch bis heute: Ich trinke sehr selten Kaffee. Es gibt bestimmte Tage, an denen ich intuitiv spüre, dass ich das Getränk heute nicht vertragen würde. Menschen mit Migräne tragen eine Veranlagung für die Krankheit in sich, die Auslöser sind jedoch individuell verschieden. Ich habe das Glück, meinen Auslöser gefunden zu haben.

Ich kann daher jedem Betroffenen nur empfehlen, mit Hilfe eines Arztes die persönlichen Auslöser zu suchen und sich so vielleicht dauerhaft von der Krankheit zu befreien.

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(ame)