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"Der Familie entkommst du nicht" - wie ich mich aus der Hölle der Zwangsehe befreite und ein selbstbestimmtes Leben fand

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WOMAN BACK SAD
Sylvie Gagelmann / EyeEm via Getty Images
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Instinktiv nahm ich die Hände vor mein Gesicht. Ich spürte, wie er zuschlug, wie er immer und immer wieder zuschlug. Doch ich war es gewohnt. Ob mein Vater zuschlug oder mein Bruder, machte keinen Unterschied.

Schläge sind Schläge und mit der Zeit lernt man, dass die Schmerzen, die ein Schlag verursacht, irgendwann vorbeigehen. Sie hinterlassen nur Narben auf unserer Seele, aber mit den Jahren weiß man, seine Seele zu verbergen. Wenn man sie schon nicht schützen kann.

Ich hätte nie gedacht, dass ich meinem Vater verzeihen könnte, nachdem was er mir angetan hat. Nachdem er mich jahrelang geschlagen hat. Nachdem er mir die Freiheit, selbst über meine Zukunft zu bestimmen, so lange verwehrt hat. Nachdem er mich in eine Zwangsehe gedrängt hat.

Asyl in Deutschland

Die Geschichte meiner Familie beginnt im Libanon. Dort lernten sich meine Eltern während des Bürgerkriegs kennen. Mein Vater war Soldat. Als er nach einem Konflikt in Kriegsgefangenschaft landete und meine Mutter monatelang mit meinen älteren zwei Geschwistern auf sich allein gestellt war, fassten die Beiden bei seiner Rückkehr einen Entschluss: Sie würden fliehen. Nach Deutschland.

Mein Vater machte sich zunächst allein über das Mittelmeer auf den Weg, schlug sich durch Italien durch und beantragte in Deutschland Asyl. Das war 1989. Durch den Familiennachzug konnten wir nachkommen. Gemeinsam zogen wir in ein Flüchtlingsheim in Berlin.

Für meine Eltern war es extrem schwer, sich in Deutschland zu integrieren. Nicht etwa, weil sie das nicht wollten. Sondern weil sie jahrelang nicht arbeiten durften. Es gab weder Integrations- noch Sprachkurse.

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Deutsch brachten sie sich selber bei. Die engsten Freunde, die wir zu Beginn hatten, waren andere Flüchtlinge aus dem Libanon, die wir in unserem Heim kennenlernten und einige Cousins meines Vaters.

Vielleicht war es in dieser Zeit, in der sich die Weltsicht meiner Eltern so grundlegend veränderte. Denn mit der Flucht nach Deutschland hatte sich von einem Tag auf den anderen ihre ganze Welt verändert. Eine neue Sprache, neue Gewohnheiten, neue Werte. Schnee anstelle von Sand, Schwarz- anstelle von Fladenbrot und Pop- anstelle von Teekultur.

Und anstatt in die deutsche Großstadtkultur Berlins in den frühen 1990er Jahre hineinzuwachsen, begannen sie sich, an die Kultur zu klammern, die sie aus ihre 3000 Kilometer entfernten Heimat gewohnt waren.

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Erst hier begann meine Mutter, ein Kopftuch zu tragen. Erst hier wurden meine Eltern so verbohrt und streng - und das sollte schreckliche Auswirkungen auf meine Zukunft haben.

Sorgen um die Familienehre

Über die Töchter sagt man im islamischen Kulturkreis häufig, dass die Sorgen für die Familie immer bleiben. Sie hat Sorgen, dass es der Tochter nicht gut geht, dass sie sich von ihrem Mann trennt, oder fremd geht, weil sie unzufrieden ist. Und vor allem hat man Angst, dass die Tochter Schande über die Familienehre bringt.

Es sind diese Sorgen, die meinen Vater und meine Brüder dazu brachten, mich zu kontrollieren. Sie lasen meine SMS-Nachrichten, sperrten mich ein und spionierten mir ständig hinterher. Sie wollten wissen, wer meine Freunde sind, woher sie kommen, was sie machen. Um keinen Preis würde ich zu einer Kahba werden, sagte mein Bruder einmal. "Darauf werden wir aufpassen".

"Sie lasen meine SMS-Nachrichten, sperrten mich ein und spionierten mir ständig hinterher"

Kahba, das ist der arabische Ausdruck für eine Schlampe. Eine Frau, die in die Disko geht, fremde Männer mit nach Hause nimmt und macht, was sie will. Mein Bruder hatte kein Problem, sich selbst mit solchen Frauen zu vergnügen. Aber in seiner Familie sollte es so etwas nicht geben. Ehrenlos sei das.

Man glaubt, um die Tochter vor solch einer schrecklichen Zukunft zu bewahren, sucht man ihren Zukünftigen besser selbst aus. Was kann eine Frau denn schon entscheiden? Die Familie weiß, was einen glücklich macht.

Mit 18 Jahren war ich deswegen bereits an Imad versprochen. Imad war der Cousin meiner Mutter und ein wenig älter als ich. Wir hatten uns im Libanon kennengelernt, als wir unsere Verwandten dort besuchten, hatten aber nie mehr als zwei Sätze gewechselt.

Er interessierte sich nicht für mich und ich mich nicht für ihn. Trotzdem war er damit einverstanden, dass unsere Eltern uns verheiraten wollten.

Vergewaltigt vom zukünftigen Ehemann

Dass ich meinen Traumprinzen bis dahin eigentlich schon gefunden hatte, interessierte niemanden. Denn Mahmoud entsprach nicht den Vorstellungen meines Vaters und meiner Brüder.

Ich hatte ihn über eine Freundin kennengelernt und mich nach langem hin und her in ihn verliebt. Er war zwar Libanese, aber verdiente sein Geld damit, Drogen zu verkaufen - so jemand würde als Schwiegersohn natürlich niemals in Frage kommen. Meine Familie würde ihn niemals akzeptieren.

Also verheiratete man mich mit Imad. Unsere Ehe wurde zu einem Desaster. Ich hielt es nicht aus, mit einem Menschen zusammen zu leben, der sich einfach einen Scheißdreck für mich interessierte.

Den Großteil der Zeit, die wir miteinander verbrachten, starrte er auf sein Smartphone. Das erste Mal interessierte er sich für mich, als ich ihm sagte, dass ich unsere Ehe lösen wollte.

Für ihn konnte das natürlich unter keinen Umständen geschehen. Er schlug vor, sich für einige Zeit zu trennen, um über alles nachzudenken. Doch in seiner zweimonatigen Abwesenheit geschah etwas, dass ihm seine Entscheidung abnahm. Ich wurde vergewaltigt - von meinem zukünftigen Ehemann.

"Unsere Ehe wurde zu einem Desaster."

Ich kannte Tarik noch aus der Schule. Er stand eines Tages in dem Geschäft, in dem ich arbeitete und fing an, sich nach mir zu erkundigen. Ich ließ ihn zu Beginn abblitzen, doch er war hartnäckig und mit der Zeit begann ich, ihn sympathisch zu finden. Er war ein guter Zuhörer und es tat gut, sich den Frust über meine Horror-Ehre von der Seele zu reden. Tarik selbst war bereits einmal geschieden.

Eines Tages lud er mich nach der Arbeit zu sich nach Hause ein. Erst lehnte ich ab, eine verheiratete Frau, die sich in der Abwesenheit ihres Mannes mit anderen Männern trifft. Für meine Familie undenkbar.

Dennoch schaffte es Tarik, mich zu überreden. Doch bei ihm angekommen, bemerkte ich schnell, um was es ihm ging. Er begann mich zu umarmen und drückte mich in sein Schlafzimmer und auf sein Bett. Ich spürte seine Hände überall. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich das nicht wollte, doch es half nichts. Er hörte mir nicht zu und setzte seinen Willen durch.

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Am nächsten Tag setzte er am Telefon noch einen drauf. Er sagte, er hätte gedacht, ich hätte es auch gewollt. Und weil ich noch Jungfrau gewesen war, bot er mir an, um meine Hand anzuhalten.

Heirat - ein Weg, der Kontrolle durch die Familie zu entkommen

Als ich Imad nach seiner Rückkehr aus dem Libanon erzählte, was passiert war, wurde mir erneut klar, mit was für einem Mann ich verheiratet war. Es interessierte ihn nicht einmal, dass ich vergewaltigt wurde. Er würde mich trotzdem offiziell heiraten wollen, ihm mache das nichts aus.

Und in diesem Moment realisierte ich, um was es Imad damals wirklich ging. Er wollte mich heiraten, damit er nicht in den Libanon zurückgeschickt werden konnte. Es ging ihm nur um die Papiere.

Also bot ich ihm an, die standesamtliche Ehe weiterlaufen zu lassen, wenn er die islamische lösen würde und aus meinem Leben verschwindet. Und ja, nach einem Jahr Zwangsehe war ich Imad endlich los.

Doch das sollte nicht das Ende meiner Unterdrückung sein. Ich hatte einen weiteren Kampf vor mir. Denn Imad erzählte meiner Mutter, dass wir uns getrennt hatten, weil ich mit einem anderen Mann geschlafen hätte. Meine Mutter flippte natürlich aus.

"Es interessierte ihn nicht einmal, dass ich vergewaltigt wurde."

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu erzählen, was wirklich vorgefallen war und dass Tarik um meine Hand angehalten hätte und mich heiraten wolle. "Er soll es tun", sagte sie. Und nur wenige Tage später war es soweit. Mein Vater kannte Tariks Familie noch aus dem Libanon und stimmte der Hochzeit zu. Er wusste nichts von der Vergewaltigung.

Doch urplötzlich platzte diese Information aus meiner Mutter heraus. Wahrscheinlich wollte sie einfach nicht, dass ihre Tochter den Mann heiratet, der sie vergewaltigt hat. Und so begann meine Familie, Tarik zu verabscheuen.

Für mich war die Hochzeit mit ihm allerdings die einzige Möglichkeit, endlich aus dem Elternhaus auszuziehen und der Kontrolle meines Vaters und meiner Brüder zu entkommen. Also zog ich es auf eigene Faust durch und heiratete Tarik.

Von der Familie verstoßen

Auf unserer Hochzeit waren nur seine Familienmitglieder und zwei, drei meiner Freunde. Meine Familie hatte mich verstoßen. Für meine Brüder hatte ich die Ehre der Familie beschmutzt. Von nun an war Tarik ein Problem, dass aus dem Weg geschafft werden müsste und ich ein verlorenes Schaf, dass sie für ihre Sünden bestrafen wollten.

Egal ob in der Fußgängerzone oder im Supermarkt - wenn ein Bekannter meiner Familie mich und Tarik sahen, zückten sie ihre Handys und riefen meine Brüder. Es dauerte dann meistens keine fünf Minuten, bis sie aufkreuzten. Aus meinem Umfeld hörte ich, dass sie zu allem bereit waren - sogar mich mit Säure zu überschütten.

Yamal, dem Bruder Tariks, lauert mein Bruder Selem mit einigen Freunden auf und verprügelten ihn. Wir sprachen mit der Polizei, doch die meinten, sie seien dagegen machtlos. Tarik und ich wussten, dass es irgendwann eskalieren würde und so geschah es dann auch.

"Sie waren bereit, mich mit Säure zu überschütten."

Auf einer KfZ-Zulassungsstelle trafen Tarik und sein Bruder Bülo auf meinen älteren Bruder Seyed. Seyed und Bülo gerieten sofort aneinander. In den vergangenen Monaten war so viel passiert.

So viele Familienmitglieder wurden in diesen unsinnigen Streit hineingezogen, so viele Beleidigungen wurden ausgesprochen, dass die beiden sich eigentlich kaum noch etwas zu sagen hatten. Sie gingen direkt aufeinander los.

Tarik stellte sich dazwischen - doch das machte Seyed nur noch wütender. Er schlug zu. Tarik schlug zurück. Und irgendwann prügelten die drei immer weiter aufeinander ein, sodass die Leute vom TÜV Panik bekamen und die Polizei anriefen.

Flucht ins Frauenhaus

Das ganze entwickelte sich in eine Massenschlägerei, denn mein Vater lief nach kurzer Zeit mit der halben Familie auf. Mehrere Menschen wurden schwer verletzt, teilweise angestochen. Tarik landete mit mehreren schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Es war der Tag an dem ich den Entschluss fasste, mich von allem endgültig zu trennen. Ich konnte es nicht verantworten, dass andere Menschen wegen mir verletzt werden.

Ich beschloss mich von Tarik zu trennen und in ein Frauenhaus zu gehen. Im Nachhinein war das die wichtigste Entscheidung meines Lebens. Wer weiß, wozu es sonst noch gekommen wäre. Im Frauenhaus begann ich endlich, Abstand zu dem Horror der vergangenen Jahre zu bekommen. Mehr als zwei Jahre lang hatte ich keinerlei Kontakt zu meiner Familie.

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Erst die Krebserkrankung meines Vaters brachte uns wieder zusammen. Als er starb, rückte unsere Familie wieder zusammen. Mittlerweile haben meine Brüder ihr Verhalten mir gegenüber extrem verändert, doch das alles musste ich mir hart erkämpfen.

Es hat Jahre gedauert, bis sie akzeptiert haben, dass ich anders bin als andere Frauen und sie mit mir nicht einfach machen können, was sie wollen. Und auch wenn wir wieder miteinander sprechen: Was sie mir damals angetan haben, werde ich nie vergessen. Das wissen sie genau.

Wenn ich einen Rat für andere Frauen in solchen Situationen habe, dann ist es dieser: Habt Mut und seid bereit, zu kämpfen! Nur dann könnt ihr euch durchsetzen. Wenn ihr glaubt, man gehe einen Kompromiss ein, wenn man einen Mann heiratet der für einen ausgesucht wurde, dann irrt ihr euch. Ihr werdet bis an euer Lebensende nicht glücklich sein.

Wenn ihr wie ich einen Traumprinz habt, wenn es einen Mahmoud in eurem Leben gibt, dann kämpft dafür. Egal, was kommt. Ihr werdet es sonst bereuen.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Julius Zimmer.

Die gesamte Geschichte von Aylin Said könnt ihr in ihrem Buch "Der Familie entkommst du nicht" lesen. Es erschien im MVG Verlag.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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