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"Sexualerziehung ist Elternrecht" oder: Niemand kann zur Akzeptanz gezwungen werden

24/02/2016 15:43 CET | Aktualisiert 24/02/2017 11:12 CET
Benis Arapovic via Getty Images

Sexualerziehung und Aufklärungsunterricht sind eine sensible Thematik. Ungeheuerlich die Vorstellung, dass Kinder bereits im Vorschul- und Grundschulalter mit Dingen konfrontiert werden könnten, die nicht ihrem psychosozialen Entwicklungsstand entsprechen. Dinge, die sie verwirren und verstören.

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Die "Demo für alle" und ihre Ableger behaupten, dass genau dies heutzutage in Kitas und an Schulen geschehe oder eingeführt werden soll. Dagegen rufen sie zum Widerstand auf.

Wer allerdings den Redebeiträgen und den Äußerungen des Publikums bei der "Demo für alle" und ihren Ablegern zuhört, dem wird unmissverständlich klar, dass es nicht nur darum geht, ob Kinder nun besser daheim mit Erzählungen von "Bienchen und Blümchen" oder besser in der Schule mit "pornographischen" Bildern, Dildos und Streichelübungen aufgeklärt werden sollen und in welchem Alter dies geschehen soll ("Frühsexualisierung").

Vielmehr geht es sogar hauptsächlich um die Thematisierung von Homosexualität; gleichberechtigter Homosexualität, von der auf der "Demo für alle" nämlich eine eindeutige Meinung vorherrscht.

Seit jeher ist Homosexualität ein Thema, mit dem sich religiös geprägte Menschen schwertun

Seit jeher ist Homosexualität ein Thema, mit dem sich religiös geprägte Menschen schwertun - vermutlich vor allem solche, die wie Gabriele Kuby "Harry Potter" (ernsthaft!) als Einstiegsdroge in den Okkultismus ansehen oder die Mathias von Gersdorffs Appell gegen "jugendgefährdende", "satanische" Heavy-Metal-Musik unterzeichnen.

Menschen, denen die "Doktor-Sommer"-Seite in der BRAVO die Schamesröte ins Gesicht treibt, die vorehelichen Sex ablehnen und deren Blick sich verfinstert, wenn zwei Männer auf offener Straße Händchen halten.

Strenggläubige "Kinderschützer", die sich über die jahrzehntelangen Misshandlungen in katholischen Heimen oder bei den Regensburger Domspatzen konsequent ausschweigen, aber beim Stichwort "Gender" und Regenbogenflaggen am Rathaus Schnappatmung bekommen.

Recht auf Abwertung?

Sexualerziehung ist Elternrecht. Die Schule muss die Schamgrenzen und die Individualität der Kinder achten. Gerade in Fragen der Persönlichkeitsentwicklung, in Sitten- und Glaubensfragen, muss die Schule Toleranz wahren und dem vorrangigen Erziehungsrecht der Eltern gerecht werden, das steht außer Frage.

Doch was erzählen "Demo für alle"-Anhänger/-innen eigentlich ihren Kindern und Enkelkindern über das Lesbenpaar im Nachbarhaus; über den schwulen Jungen in der Klasse; über die Person auf der Straße, von der sich nicht klar sagen lässt, ob sie männlich oder weiblich ist; über den Cousin der Mutter, der seit Jahren mit einem Mann zusammenwohnt?

Und was sagen sie dem eigenen Kind oder Enkelkind, das sich ihnen gegenüber als homosexuell bekennt? Sagen sie, dass Homosexualität Sünde ist? Pervers? Ekelhaft? Eine Laune der Natur?

Dass all diese Menschen anormal und schlecht sind, gegen Gottes Willen handeln, einen ungesunden Lebensstil führen und auf Kosten der Zukunft der Gesellschaft leben, weil sie selbst keine Kinder kriegen?

Dass homosexuelle Beziehungen und Regenbogenfamilien minderwertig sind? Dass Homo- und Transsexuelle gestört sind und sich psychotherapeutisch oder ärztlich behandeln lassen sollen?

Dass sie abstinent leben sollen? Dass sie eine Gefahr für Kinder sind und diese vor ihnen geschützt werden müssen? Dass die Abschaffung des Paragraphs 175 ein Fehler war? Dass Homosexuelle sich - wie früher! - besser verstecken sollten?

Dass man Mitleid haben und für sie beten müsse? Oder dass man über diesen ganzen Schweinkram am besten erst gar nicht spricht?!

Das alles mögen Meinungen sein, die in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft auch öffentlich geäußert werden dürfen. Sie mögen "konservativen" und "christlichen" "Traditionen" entsprechen. Mit Nächstenliebe, Respekt, Toleranz, Zurückhaltung und Taktgefühl haben sie allerdings nichts zu tun.

Eltern können ihren Kindern die eigenen sexualethischen Vorstellungen vermitteln

Ja! Auf der "Demo für alle" wird gegen "Frühsexualisierung" protestiert und für Kinder- und Elternrechte geworben. Das wirkt mehr als akzeptabel, das scheint sogar geboten. Es ist geeignet, Kritiker/-innen undemokratisch, radikal und familienfeindlich aussehen zu lassen.

Es bietet Gelegenheit, geradezu genussvoll gegen "die grünen Pädos" anzuschreien. Und gegen "Gender", einen Begriff, von dem ein lächerliches und haarsträubendes Zerrbild in Umlauf gebracht wurde - und zwar in einer großangelegten multimedialen und viralen Desinformationskampagne.

Und so wird auf der "Demo für alle" nicht nur das "Kindeswohl" verteidigt, sondern besonders lautstark gefordert, dass ihre schlecht verhohlenen homo- und transphoben Ressentiments Maßstab für staatliche Bildung sein müssten.

Niemand dürfe zur Akzeptanz sexueller Vielfalt gezwungen werden, so der Tenor. Die entsprechenden Bildungspläne seien "staatliche Indoktrinierung". Der Staat verletze sein Neutralitätsgebot. Doch das ist eine mutwillige Verdrehung der Tatsachen.

Richtig ist: Eltern können ihren Kindern privat die eigenen sexualethischen Vorstellungen und Traditionen vermitteln. Ein individuelles Mitsprache- und Einspruchsrecht der Eltern zur Ausgestaltung der fächerübergreifenden schulischen Sexualerziehung besteht indessen nicht.

Gerade dadurch werden die Pluralität der Interessen und Auffassungen gewahrt. Und schulische Vermittlung ist nötig, weil unter Gleichaltrigen plurale, teilweise äußerst widersprüchliche Vorstellungen und Sinndeutungen von Geschlechtlichkeit, Liebe, Partnerschaft und Familie aufeinandertreffen, die sie aus ihren Elternhäusern und Herkunftskulturen mitbringen.

Aufklärung ist keine Indoktrinierung

Das Indoktrinierungsverbot für staatliche Schulen bezieht sich (nach maßgeblichen Urteilen des BVerfG) darauf, dass Kinder und Jugendliche nicht zu einer Meinung beziehungsweise einem Bekenntnis zu bestimmten sexuellen Orientierungen oder Präferenzen gedrängt werden dürfen. (Dazu zählt unter anderem auch die Heterosexualität!)

Wichtig ist, dass keine einseitige Beeinflussung der Kinder und Jugendlichen erfolgt. Die schulische Vermittlung von Toleranz, Akzeptanz und Verständnis für Menschen mit alternativen sexuellen Orientierungen oder Präferenzen ist hingegen keine Indoktrination.

Die Grundlagen für einen derartigen Unterricht bilden das Grundgesetz, die Bildungsgesetze der Länder sowie die Lehrpläne - nicht Leviticus, nicht der Römerbrief, nicht der Katechismus und auch nicht der Islam.

Offenkundig kann schulische Bildung und Aufklärung nicht alles reparieren, was einige Familien und Teile der Gesellschaft im Argen lassen. Doch schulische Bildung kann und muss ein Korrektiv sein.

Dazu gehört auch Kinder und Jugendliche ausgewogen, vorurteilslos und diskriminierungsfrei über Homo- und Transsexualität aufzuklären.

Jugendliche haben ein Recht auf Meinungsfreiheit und Selbstentfaltung

Junge Menschen haben ein Recht darauf, Empathie und gegenseitige Rücksichtnahme zu erlernen. Junge Menschen haben ein Recht darauf, sich selbst eine Meinung zu bilden und sich frei zu entfalten, anstatt von ihren Eltern zur Abwertung von Minderheiten erzogen, zum Mobbing angeleitet oder gar selbst seelisch misshandelt zu werden.

Homo- und Transsexualität kann heute von Millionen (auch jugendlichen) Menschen in unserem Land offen gelebt werden, und wird damit glücklicherweise endlich gesellschaftliche Normalität.

Keine andere Form der Sexualität wird dadurch benachteiligt, keine Beziehungs- oder Familienform wird dadurch entwertet.

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