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"Political Correctness" oder: Jeder sollte das Recht haben ... ?

09/06/2017 17:27 CEST | Aktualisiert 09/06/2017 17:27 CEST
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Seit geraumer Zeit häufen sich in Deutschland und anderswo Debattenbeiträge über "Political Correctness". Meistens wird Unmut darüber geäußert, dass es unmöglich sei, seine Meinung zu sagen, ohne deswegen von Anderen belehrt, mundtot gemacht oder ins Abseits gedrängt zu werden. Zur „unbequemen Wahrheit" brauche es Mut, in Deutschland und anderswo.

Der Aufstand der Inkorrekten, Unbequemen und Mutigen erfolgt mal rhetorisch geschickter, mal plakativer. Bisweilen kommt er ohne jede Zurückhaltung als wüste Pöbelei daher und entlarvt sich damit selbst.

Politiker*innen wie Alice Weidel, Intellektuelle wie Slavoj Žižek, zahlreiche Journalist*innen und ganze Heerscharen von Facebook- und Twitter-User*innen beklagen eine zunehmende ideologische Bevormundung, der sich kaum noch entzogen werden könne.

Sie sehen eine totalitäre Herrschaft der Gutmenschen heraufdämmern, in der Sprach- und Denkverbote um herbeigeredeten Zeitgeist-Müll kreisten.

Als besonders schlüssiger Beweis für angebliche Auswüchse einer "Political Correctness" gilt die Kritik an denen, die angebliche Auswüchse der "Political Correctness" thematisieren. Doch auch solche "unbequemen Wahrheiten" haben für sich keinen Wahrheitsanspruch, nur weil sie ausgesprochen werden. Sachliche Kritik daran ist keine Meinungsdiktatur.

Kritik ist keine Meinungsdiktatur

Widerspruch bedeutet nicht automatisch „Moralkeule" oder "Intoleranz", sondern sollte als eine Aufforderung zum Dialog verstanden werden, zum diskursiven Schlagabtausch, zum Wettbewerb der Ideen und Argumente.

Wer aber Kritik generell als unangebrachte Belehrung zurückweist oder als Einschränkung der Meinungsfreiheit diskreditiert, will sich gegen Kritik immunisieren.

Derzeit wird sehr viel über den verunglückten Entwurf eines "Netzwerkdurchsetzungsgesetzes" diskutiert. Viele Menschen, darunter Medien-Profis und Menschenrechtsaktivist*innen, haben aus guten Gründen prinzipielle Bedenken, die Entscheidung über die Zulässigkeit bestimmter Meinungsäußerungen im Internet privaten Unternehmen zu übertragen.

Einige aber sprechen von Gesinnungsterror, vergleichen das Bundesjustizministerium mit dem MfS bzw. der GeStaPo oder wünschen sich sogar ganz unverblümt Heiko Maas und andere "Volksverräter" an den Galgen.

Der Protest gegen "Political Correctness" ist dann vielsagend, wenn dabei fast unterschiedslos eine Lanze für Mobster, Bullies, Rassist*innen und Antisemit*innen gebrochen wird, weil in deren Äußerungen nicht eindeutig die rechtliche Grenze des Sagbaren überschritten sei. Als könne nicht zwischen den Zeilen gelesen werden.

Als sei nicht zu verstehen, welche Ideen da teilweise nur sehr schlecht verhohlen, teilweise sehr offensichtlich transportiert werden. Als wäre die Botschaft nicht erkennbar.

Noch viel mehr als der Sinn eines "Netzwerkdurchsetzungsgesetzes" oder der Unsinn jeder Zensur sollte uns deshalb die Frage beschäftigen, wieso jemand so vehement auf sein verbrieftes Recht pochen sollte, Äußerungen zu tätigen, die von Anderen offenbar als Vorurteile, Abwertungen und Gehässigkeiten empfunden werden - und wieso es denn eine demokratische Tugend sein sollte, von einem solchen Recht ausgiebig Gebrauch zu machen.

Empörung über Rassismus oder Sexismus? - „Ironiefreiheit und Humorlosigkeit!"

Dass „Tugendwächter" die moralische Überlegenheit nicht gepachtet haben, ist hinlänglich bekannt. Zu oft jedoch wird die Debatte über „Political Correctness" nach dem Prinzip „Haltet den Dieb!" geführt.

Typisch ist beispielsweise die Forderung, Betroffene und Zeug*innen diskriminierender Aussagen sollten nicht "empfindlich", "beleidigt", „verbissen" oder „humorlos" sein.

Mit diesem einfachen Kniff werden in der Debatte pauschal auch Täter*innen zu Opfern, Opfer zu Täter*innen umgedeutet: "Hör gefälligst weg, wenn dir nicht passt, was ich sage! Aber schränke gefälligst nicht meine Freiheit ein, dich 'verächtlich' zu machen! Kriminalisiere meine Meinung nicht als 'Diskriminierung'! Und überhaupt: haben wir keine echten Probleme?"

Die Wahrnehmung der Genannten oder Gemeinten wird als pedantisch, als unzulässig, als absurd abgestempelt. Eine Diskussion darüber, was an der einen oder anderen Äußerung tatsächlich problematisch sein könnte, wieso eine Beschäftigung damit relevant ist, wird im Keim erstickt.

Schon bloße Nachfragen werden als belehrend, anmaßend und übergriffig empfunden. Hier zeigen sich das sehr einseitig ausgeprägte Unrechtsbewusstsein und die „Empfindlichkeit" vieler Meinungsmutiger.

Grundsätzlich kann und darf Vieles gesagt werden. Ob deswegen Alles davon gesagt werden sollte oder muss, ist höchst diskussionswürdig. Das ist weniger eine Frage der "Political Correctness" als eine Frage des gegenseitigen Respekts und der Debattenkultur.

Wer sich diskriminiert fühlt, weil die eigenen Äußerungen auf Kritik stoßen, sollte sich mit dieser Kritik und ihren Argumenten sachlich auseinandersetzen. Am Ende könnte dies zum Vorteil Aller sein. Und helfen, sich den echten Problemen zu widmen.

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