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Die Union ist in ihren Grundwerten erschüttert - doch die Ehe für alle wird Deutschland wieder vereinen

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GAY GERMANY
JOHN MACDOUGALL via Getty Images
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Ich und mein Lebenspartner sind heute erleichtert. Zusammen mit uns haben wohl noch tausende andere Schwule und Lesben in ganz Deutschland dieses Gefühl.

Denn nach einem jahrelangen Kampf sind wir jetzt der Durchsetzung der Ehe-Öffnung näher als jemals zuvor. Noch diese Woche wird voraussichtlich das Gesetz dazu verabschiedet.

Den inhaltsleeren Argumenten der Konservativen wird endlich ein Ende gesetzt. Die ideologische Blockade der Politik wird endlich eingerissen.

Für uns Homosexuelle ist es ein historischer Neuanfang

In Deutschland war dieser Schritt schon längst überfällig. Unsere EU-Nachbarn haben es vorgemacht.

Selbst in sehr katholischen Ländern wie Spanien ist - entgegen aller schwarzmalerischen Befürchtungen - nicht die Gesellschaftsordnung aus den geordneten Bahnen geraten.

Und auch Deutschland hat es in den 15 Jahren nach der Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes nicht geschadet, dass Lesben und Schwule ein eheähnliches Institut hatten mit staatlicher Anerkennung. Dennoch ist es einfach nicht dasselbe, wie eine Ehe.

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Ich selbst führe mit einem Mann eine eingetragenene Lebenspartnerschaft. Am eigenen Leib erfahre ich: Wir haben zwar dieselben Pflichten wie traditionelle Ehe-Paare, jedoch lange Zeit nicht dieselben Rechte.

Beim Jobverlust des Partners sind wir unterhaltspflichtig. Die Vorteile des Ehegattensplittings dagegen konnten wir erst ab 2012 nutzen.

Doch nicht nur deshalb ist die Homoehe in Deutschland längst überfällig.

Noch immer werden wir diskriminiert

Auch in unserer modernen Gesellschaft werden lesbische und schwule Paare noch immer diskriminiert. Nennt man zum Beispiel bei einem Vorstellungsgespräch das Wort "Lebenspartnerschaft", kommt das einem Zwangsouting gleich.

Dabei wird es immer Menschen geben, die mit Homosexualität nichts zu tun haben wollen. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn jetzt sagt der Staat: Es ist akzeptiert und es ist normal.

Das ist genau, was wir immer wollten. Wir wollen, dass die unsere Regierung ein Statement für Homosexualität setzt. Die Mehrheit der Gesellschaft war schon lange bereit dafür. Das haben Umfrageergebnisse immer wieder bewiesen.

Nur die Regierung hat noch Zeit gebraucht.

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Die Union hat sich mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare so schwergetan, weil sie der letzte kleine Leuchtturm war, der für ihre konservative Politik geleuchtet hat.

Denn in den letzten Jahren und Monaten ist so viel passiert, was die Grundwerte der Partei erschüttert hat. Eine Blockade der Eheöffnung war der letzte Strohhalm, an den sie sich klammern konnte.

Doch konservativ zu sein, bedeutet, an Altbewährtem festhalten und Neues kritisch zu prüfen. Fakt ist: Die eingetragene Lebenspartnerschaft hat sich bewährt - 15 Jahre lang.

Angela Merkel hat die Reißleine gezogen

Angela Merkel hat mit ihrem Statement für die Homoehe nun die Reißleine gezogen. Sie wollte sich wohl mit dem Problem nicht in der heißen Wahlkampfphase herumschlagen.

Selbst sie musste letztlich einsehen, dass es keine Argumente mehr dagegen gibt - nur noch eine ideologische Blockade in den Köpfen ihrer Parteimitglieder.

Es war absehbar, dass sie dem Druck irgendwann nachgeben musste.

Auch die meisten heterosexuellen Skeptiker in Deutschland wissen mittlerweile: Wir nehmen ihnen nichts weg. Auch nicht, wenn wir Homosexuelle heiraten dürfen.

Die Gesellschaft ist in letzter Zeit zusammengerückt. Im Lichte der schrecklichen Ereignisse der vergangenen Monate, in einer Zeit, in der von Terrorismus und Populismus so viel Gefahr ausgeht wie nie zuvor, werden wir uns den demokratischen Werten umso mehr bewusst.

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Natürlich gibt es Menschen, die immer gegen Homosexualität sein werden - die die Bedeutung dieses Schrittes nicht verstehen können oder wollen.

Aber die Mehrheit der Deutschen ist zunehmend sensibel für die demokratischen Grundwerte. Wir wissen, dass wir uns gegenseitig respektieren und uns gegen Ausgrenzung positionieren müssen, um den wahren Problemen unserer Zeit entgegenstehen zu können.

Mit der Einführung der Homoehe, geht Deutschland einen ganz großen Schritt. Wir beweisen, dass wir ganz vorne mit dabei sein können - und dass wir fähig sind, vereint in die Zukunft zu gehen.

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