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Kinder erziehen ohne Belohnung oder Strafe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KINDER ERZIEHUNG
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Viele Menschen sind verwundert, wenn wir erzählen, dass wir unsere Kinder versuchen ohne Belohnung und Bestrafung zu "erziehen". Schon allein das Wort "Erziehung" finde ich persönlich scheußlich.

Vor meinem inneren Auge sehe ich immer, wie man dabei sein Kind hierhin und dorthin zerrt. Meiner Meinung nach muss man Kinder nicht erziehen. Wir leben in Beziehung mit den Kindern. Wir begleiten sie beim GroĂźwerden.

Und jaja, ich hör schon: "Eure Kinder können also machen, was sie wollen?". Nein, das dürfen sie nicht. Auch bei uns gibt es Regeln - wie in jeder anderen Lebensgemeinschaft auch. Aber wir bemühen uns, diese nicht einseitig und "machtvoll" durchzusetzen.

Und was machen wir dann bei Konflikten? Was ist, wenn mein Kind sich nicht hinlegt zum Wickeln oder sich partout nach dem Schokolade-Essen die Hände nicht waschen will? Was kann ich dann tun, ohne zu belohnen oder zu bestrafen?

Erste Konfliktart: Wir als Eltern sagen "Nein"

Viele "Neins" sind ĂĽberflĂĽssig. Bei dieser Konfliktart will das Kind irgendetwas machen oder haben und wir als Eltern sagen "Nein". Wisst ihr eigentlich wie oft wir zu unseren Kindern in den ersten 3 Lebensjahren "Nein" sagen? 60.000 Mal. Ziemlich viel, oder?

Letztes Jahr haben wir die Aktion: "Sag Nein zu Nein" gemacht. Eine Woche lang wollten wir kein einziges "Nein" zu unseren Kindern sagen. Warum wir das ganze gemacht haben und was es gebracht hat, könnt ihr hier nachlesen.

Diese Aktion hat mir viel gezeigt. Und seit dem frage ich mich immer (zumindest versuche ich so oft wie möglich dran zu denken): Muss ich jetzt wirklich "Nein" zu meinen Kindern sagen? Ich frage mich, warum will ich "Nein" sagen? Ist das meine Konditionierung? Möchte ich damit Aufwand vermeiden? Oder ist das "Nein" wirklich nötig?

Ein typisches Beispiel: Vor dem Mittagessen: "Mama, kann ich ein StĂĽck Schokolade haben?" Ich behaupte, fast jeder Mama wird ein "Nein" rausrutschen, ohne ĂĽberhaupt darĂĽber nachgedacht zu haben. Warum soll das Kind kein StĂĽck Schokolade vor dem Mittagessen essen? Es ist doch nur ein StĂĽck Schokolade.

Satt kann es davon nicht werden, Mittagessen wird das Kind also auf jeden Fall noch. Welchen Grund gibt es sonst, "Nein" zu sagen? Konditionierung, eine Regel aus der Kindheit, dass man nur nach dem Mittagessen ein StĂĽck Schokolade essen darf? Die man automatisiert weitergibt?

Und was ist mit den notwendigen "Neins"?

Aber natürlich gibt es auch immer Situationen, in denen wir als Eltern "Nein" sagen müssen. Wenn ein Kind über die Straße laufen will, obwohl ein Auto kommt oder wenn das Kind nicht noch mehr Schokolade essen soll, weil es schon so viel gegessen hat und ich mich um Zähne oder Bauch sorge.

Wenn ich "Nein" zu meinem Kind sagen muss, wird es sicher oft wütend und frustriert sein. Ich versuche deshalb, liebevoll "Nein" zu sagen, mich in mein Kind hineinzuversetzen. Und ich lasse die Wut und seine Frustration zu und bin für mein Kind da. Denn wenn ich es jetzt noch anschreie oder gar drohe, ihm nie wieder Schokolade zu geben, führt das nur zu mehr Frustration und ist zudem nicht sehr förderlich für unsere Bindung.

Ich bin mir bewusst, dass ich Entscheidungen treffen muss, dass ich (wie Gordon Neufeld es so schön beschreibt), das "Alpha-Tier" bin. Ich bin die Leitwölfin ;-). Durch meine Lebenserfahrung weiß ich einfach mehr und kann viele Folgen besser abschätzen. Unsere Kinder lernen erst noch, wie die Welt der Erwachsenen, in der wir nun mal leben und uns zurechtfinden müssen, funktioniert. Und solange sie noch nicht alles erfassen können, trage ich die Verantwortung und treffe auch Entscheidungen. Entscheidungen, die mich bei meinem Kind zunächst unbeliebt machen können.

Alternativen anbieten

Oft gebe ich meinen Kindern eine Alternative zum "Nein": "Auf die Tapete darfst du nicht malen, wir können aber ein großes Blatt Papier auf den Boden legen, dann kannst du das anmalen."

FrĂĽher war ich so kreativ, dass ich zur Alternative noch eine Alternative bot und wenn auch diese abgelehnt wurde, dann habe ich noch eine weitere Alternative angeboten. Nur um zu verhindern, dass mein Kind traurig ist. Mittlerweile mache ich das nicht mehr (Danke Gordon Neufeld und Aletha Solter). Und ich habe das GefĂĽhl, das tut mir und meinen Kindern gut.

Klare Entscheidungen von mir und das liebevolle und geduldige Aushalten der Wutanfälle und die Frustration der Kinder sind wichtig. Gordon Neufeld spricht von den "Tränen der Vergeblichkeit", die Kinder für ihre Entwicklung durchlaufen müssen. Dabei lernen sie auch, mit ihrem Frust umzugehen. Und besser, sie üben es jetzt an dem Stück Schokolade als später im Leben, wenn der Partner sagt, er verlässt sie.

Also zusammenfassend: jedes "Nein" hinterfragen, wenn wirklich nötig dann liebevoll "Nein" sagen (mit Erklärung - je nach Alter des Kindes) und liebevoll die Wut und die Frustration des Kindes aushalten. Immer im Kopf: Ich bin die Leitwölfin.

Zweite Konfliktart: Das Kind sagt "Nein"

Empathie ist gefragt

Das finde ich die schwierigere Konfliktart. Mein Kind tut nicht das, was es in meinen Augen tun soll. Es wäscht seine Hände nicht nach dem Essen, es will sich nicht hinlegen zum Wickeln, es räumt nicht auf, es will seine Zähne nicht putzen, es hört nicht auf den Bruder zu ärgern usw.

Auch hier prüfe ich zunächst, wie wichtig mir es ist, dass mein Kind das jetzt tun soll. Wenn ich zu dem Entschluss gekommen bin, dass es sein muss, tja dann ist Hirnarbeit gefragt. Als erstes erkläre ich meinem Kind, warum ich nun möchte, dass es etwas tut. Und gleichzeitig überlege ich, warum mein Kind sich nun sträubt, das nicht zu machen. Wir beide haben Bedürfnisse, die gestillt werden müssen.

Nehmen wir das Beispiel mit dem Wickeln. Als Tim gelernt hatte, sich hochzuziehen und zu stehen, wollte er sich partout nicht mehr hinlegen, wenn ich seine Windeln wechseln wollte. Warum, fragte ich mich? Er hatte es endlich geschafft, dass er stehen konnte und jetzt soll er sich hinlegen? Das widerstrebte ihm.

FĂĽr mich war das einleuchtend, deshalb begann ich, ihn im Stehen zu wickeln. Ich brauchte ein wenig Ăśbung, aber dann ging es schnell. Beide BedĂĽrfnisse waren erfĂĽllt und beide waren glĂĽcklich. Und es gab keine schlechte Stimmung mehr, keine Machtspiele beim Windelwechseln.

Kinder wollen autonom sein

Ich muss zugeben, dass ich nicht immer ein Bedürfnis meiner Kinder erkenne (wenn sie sich z.B. sträuben, nach dem Essen die Hände zu waschen, obwohl sie wirklich dreckig sind). Manchmal handelt es sich einfach um das Autonomie-Bedürfnis unserer Kinder, dass sie selbst über ihr Leben bestimmen wollen.

Ich versuche dann sie in einem gewissen Rahmen selbst eine Entscheidung treffen zu lassen. Bleiben wir beim Thema Händewaschen. Ich erkläre, warum ich möchte, dass sie die Hände waschen (damit der Dreck nicht im ganzen Haus verteilt wird und ich dann das ganze Haus putzen darf) und dann gebe ich dem Kind die Auswahl, ob es in der Küche oder im Bad Hände waschen will. Meist lenkt es dann schon ein und ist glücklich, selbst eine Entscheidung getroffen zu haben.

Kreativität ist gefragt

Wenn das auch nichts nützt, dann ist Kreativität gefragt. Dann sitzen plötzlich Dreckmonster auf den Händen, die man schnell wegwaschen muss. Oder es ist ein Feuerwehreinsatz und alle Feuerwehrleute müssen noch Hände waschen, bevor die Handschuhe angezogen werden, .... Ja, ich gebe zu, einfacher wäre es zu sagen: "Wenn du deine Hände jetzt nicht wäschst, dann lese ich dir keine Gute Nacht Geschichte vor".

Und das funktioniert auch ziemlich gut und schnell. Die Frage ist nur, bis zu welchem Alter funktioniert so etwas? In der Pubertät wird dir dein Kind den Mittelfinger zeigen und sich einfach umdrehen. Oder wie ein naher Verwandter in diesem Alter mal zu seiner Mutter sagte: Sprich es mir aufs Band, ich höre es mir nachher an. Und für die Bindung sind Drohungen und Bestrafungen auch nicht gerade vorteilhaft.

Früher habe ich mich bei meinen Kindern oft zu Tode gequatscht. Ich hab einfach zu viel erklärt und oft gewartet, bis mein Kind einwilligt. Uns geht es besser, wenn wir diese endlosen meist zu nichts führenden Diskussionen beenden, indem ich mein Kind schnappe und es ins Badezimmer trage, um dort gemeinsam die Hände zu waschen.

Immer liebevoll und auch in einer Geschichte verpackt (ich schnappe mir den kleinen Feuerwehrmann, mache "Tatütata", renne mit ihm ins Badezimmer, wasche schnell die Hände, suche dann seine Winterhandschuhe und ab geht's zum brennenden Haus).

Und wenn ihr jetzt denkt: oh mein Gott ist das anstrengend, den ganzen Tag über so kreativ zu sein, dann kann ich euch beruhigen. Irgendwann werden bestimmte Dinge (wie z.B. das Händewaschen nach dem Essen) zur Gewohnheit - das passiert dann ganz automatisch und man muss nur noch höchst selten kreativ werden, damit eine sinnvolle Familienregel eingehalten wird.

Aber mein Kind provoziert mich? Oder nicht?

Apropos sinnvoll: Kinder sind von Grund auf ja nicht böse. Sie wollen in Harmonie mit uns Leben. Aber sinnlose Regeln wollen auch Kinder nicht einhalten.

Und manchmal sind wir auch einfach zu unaufmerksam und ungeduldig, um das Handeln unserer Kinder zu verstehen. Dazu ein kleines Beispiel aus dem Buch von Aletha Solter:

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Ein 1,5 Jahre alter Junge klopft mit seinem Löffel stark auf den Tisch. Die Mutter sagt "Nein" und zeigt ihm, was erlaubt ist. Er darf auf das Plätzchenset mit seinem Löffel schlagen. Daraufhin beginnt der kleine Junge zuerst auf seinen Teller zu schlagen und schaut dabei seine Mutter an.

Eine Provokation, oder etwa nicht? Die Mutter reagiert ruhig, sagt einfach nur "Nein". Der Junge klopft weiter auf die Tasse und auf alle Gegenstände, die er erreichen kann. Er schaut immer wieder zu seiner Mama, die ganz ruhig antwortet.

Dann klopft er nur noch auf das Platzset, der einzige Gegenstand, bei dem seine Mama mit "Ja" geantwortet hat. Der kleine Junge war in diesem Fall einfach ein kleiner Forscher, der versucht, die Welt zu verstehen. Auf welche Gegenstände ist es erlaubt zu schlagen? Was wäre in dem Jungen vorgegangen, wenn die Mama ihm wütend den Löffel weggenommen hätte, nachdem er auf seinen Teller geklopft hätte?

Es lohnt sich!

Das Leben mit Kindern ohne Belohnung und Bestrafung scheint im ersten Moment anstrengend zu sein. Doch es lohnt sich!

Noch zwei abschließende Denkanstösse: Dein Kind ist ein eigenständiger Mensch. Ist es unsere Aufgabe, es nach unseren Wünschen und Vorstellungen zu formen? Oder ist es vielleicht eher unsere Aufgabe, ihm seine ganz individuelle Entwicklung zu ermöglichen, ihm Wege zu ebnen, damit es so werden kann, wie es möchte? Und nicht, wie wir es möchten?
Und: entspann dich in Konflikten, wenn beide auf 180 sind, wird nichts klappen... Wenn das so ist, dann kann auch das hier vielleicht helfen: 2 blitzschnelle Dankbarkeits - Tipps fĂĽr mehr Gelassenheit & Zufriedenheit in Deinem Familienalltag.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf aussteiger-familie.

Hier findet ihr Informationen zum aktuellen Projekt, dem kinder-gesundheitskongress.

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