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Wir leben in einer virealen Welt - und das ist gefährlich.

15/06/2017 10:41 CEST | Aktualisiert 15/06/2017 10:41 CEST
scyther5 via Getty Images

Machen wir uns nichts vor: Das Internet setzt die Regeln, nach denen in der realen Welt Auseinandersetzungen geführt werden, unsere alltägliche Meinungsbildung und auch unser Geschäftsleben funktionieren, in vielen Bereichen einfach außer Kraft oder transformiert die Wege der Kommunikation auf dramatische Weise.

Zugleich kann das, was in der virtuellen Welt geschieht, durchaus reale Konsequenzen haben. Denn die virtuelle Welt ist längst ein integraler Bestandteil unserer Realität geworden. Die Trennung von "Cyber" und "Real Life" ist eine Illusion.

Wir leben längst in einer verwobenen, "virtuell-realen", also einer "virealen" Welt. So geben 95% aller Unternehmer den Namen ihres Gegenübers vor dem ersten Treffen in eine Suchmaschine ein. 57% machen wichtige geschäftliche Entscheidungen von den Ergebnissen abhängig, die sie bei ihrer Recherche im Netz über eine Person oder ein Unternehmen vorgefunden haben. Die Suchmaschine ist damit heute zum Selektor geworden, zum Fallbeil über Schicksale.

Leben in der "schönen neuen Welt"...

Grundsätzlich sollte Reputationspflege deshalb in erster Linie darin bestehen, Reputationsprobleme im Internet von vorneherein zu vermeiden. Dazu allerdings wäre es erforderlich, dass sich die Gefährdeten - Privatpersonen ebenso wie Unternehmen oder Institutionen - rechtzeitig mit dem Thema vertraut machen und fortlaufend ihre Reputation überwachen.

Denn der berühmte "Gang zum Anwalt" ist heute oftmals nur noch ein kleines Fragment der Lösung des Problems. Das Internet ist transnational, die Rechtssprechung national - und viele Aggressoren somit juristisch schlicht nicht zu fassen. So sehr das Opfer auch im Recht sein mag.

Vorsorgen lernen!

Nur durch Wissen und stete Wachsamkeit kann man früh genug Strategien entwickeln und Vorsorge treffen. Zwar sind sich 58% aller Führungskräfte heute einig, dass Reputation ein wichtiges Thema ist, über welches das Top-Management ständig informiert sein sollte, andererseits unterziehen aber gerade mal 15% ihre Unternehmensreputation einem permanenten Monitoring.

Ein sträflicher Fehler! Denn gerade die umfassende Kenntnis der Sachlage ist in einem schwer zu greifenden und dynamisch agierenden Medium die Grundbedingung, um im Ernstfall schnell und effektiv Entscheidungen zu treffen.

Was tun?

Jede Attacke auf die Reputation einer Person, eines Unternehmens oder einer Institution ist im Hinblick auf die ihr zugrunde liegenden Parameter einzigartig und muss daher entsprechend individuell bewertet und beantwortet werden.

Bei allen Entscheidungen muss gefragt werden, welche Motivation und wie viel Sprengkraft hinter einem Angriff steht, wie dieser im Detail geführt wird und welche Konsequenzen sich kurz-, mittel- und langfristig für die persönliche Reputation oder die Reputation eines Unternehmens oder einer Institution ergeben könnten.

Hier gilt es abzuwägen: Manch ein ungerechtfertigter Angriff verschwindet eher, wenn man ihn ignoriert und nicht vorschnell überreagiert. Dennoch heißt "Ruhe bewahren" keinesfalls "Augen zu und durch": Wer eine Attacke falsch einschätzt und den richtigen Zeitpunkt zur Reaktion verpasst, befindet sich online ebenso wie offline beinahe unrettbar in der Defensive.

Wer, wie und wann?

Zudem muss man sich innerhalb einer Organisation immer fragen, wer in einer Krise reagieren soll.

Ein PR-Team, der CEO persönlich, ein Rechtsbeistand, ein externer Blogger oder - im Zuge der Glaubwürdigkeit - doch lieber ein interner Mitarbeiter, der die Situation quasi "aus erster Hand" schildern kann? Sie müssen sich fragen: Wer sind meine Adressaten, also: Welche Stakeholdergruppen sind betroffen, und wie bewertet das Risikocontrolling den Fall? Welche Gefahren gehe ich ein und wie viel Schaden kann meine Marke nehmen, wenn ich die sozialen Netzwerke einfach abschalte und komplett aus der Unternehmenskommunikation ausspare? Die Sachlage ist stets individuell zu beurteilen.

Die vireale Welt ist komplizierter als man denkt.

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