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Wie das Internet unsere Biografien verändert

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Die Gefahr, offensiv kritisiert zu werden oder gar in einen Skandal zu geraten, war bei der früher vorherrschenden Einweg-Kommunikation der Medien für Unternehmen deutlich geringer und Privatpersonen mussten sich - es sei denn, sie gehörten zu den Prominenten - in der Regel überhaupt nicht um mögliche öffentliche Angriffe auf ihr Ansehen sorgen.

Zwar waren auch TV, Radio und Print an kritischer Berichterstattung interessiert, doch erst das Internet brachte alle Anspruchsgruppen aktiv ins Spiel: Kunden und Lieferanten, Investoren und Mitarbeiter, ja auch Eigner und gesellschaftliche Gruppen müssen nicht länger warten, bis ihnen das Wort erteilt wird. Stattdessen gehen sie ins Internet, um wirkliche oder vermeintliche Skandale anzuprangern und Missstände aufzudecken.

Kaum mehr ein Tag vergeht heute, an dem nicht auch in den klassischen Medien über „Reputationsangriffe" auf Privatpersonen oder Firmen im Internet berichtet wird. Damit erkennen immer mehr Menschen die mit dem Internet einhergehenden Risiken. Die Probleme und Gefahren werden sich in Zukunft weiter verstärken: Jeder kann Äußerungen zu Personen, Unternehmen oder Institutionen ohne die früher filternden Medien selbst publizieren. Fachwissen oder technische Kenntnisse sind nicht erforderlich. Blogs, Tweets, Postings und Web-Seiten stehen schon heute allen offen und werden in Zukunft durch Kommunikationsformen ergänzt, deren Komplexität der Vernetzung und Reichweite sich noch um ein Vielfaches steigern werden.

Auch die Art der Wahrnehmung von Marken, Produktqualität, Prominenz der Geschäftsführung und Gruppenidentität der Arbeitnehmer wird immer stärker durch das Internet beeinflusst. Für diese Auseinandersetzung können sich Unternehmen nur mit Hilfe einer ganzheitlichen Vorsorge wappnen, der Hausanwalt alleine, er genügt nicht mehr in der digitalen Zukunft. Ein Internet das jeden als potenziellen Kommunikationspartner anerkennt und einbezieht stellt neue Herausforderungen, auf die das Gesetz noch keine adäquaten Antworten hat.

Statt der Auseinandersetzung mit Konkurrenten, Medien und Behörden - also in der Regel wenigen gewichtigen Gesprächspartnern - wird in Zukunft das Gespräch mit unzählig vielen Individuen im Vordergrund stehen. Diese Umstellung der Kommunikation betrifft alle. Was mit E-Mail und Diskussionsforen im Internet begonnen hat, sich über Web-Seiten und Blogs ausweitete und heute in Direktkommunikation und sozialen Netzwerken mündet, wird sich ausweiten und immer wieder neu strukturieren. Wir werden Kommunikationsformen kennenlernen, die uns Mitteilungen unbekannter Teilnehmer automatisch nach Relevanz geordnet zuspielen und unsere eigenen Nachrichten auf die gleiche Weise in fremde Unterhaltungen integrieren.

Unsere persönliche Geschichte wird so in einer permanenten Gleichzeitigkeit protokolliert und fortgeschrieben: Was wir vor zehn Jahren meinten, sagten, glaubten, wird ebenso präsent sein, wie unsere ganz aktuellen Äußerungen. Die Abrufarkeit persönlicher Daten gehört genauso zu unserem Profil wie der Lebenslauf, der jederzeit auf der Basis unserer Web-Historie, aber auch anhand von Meinungen anderer über uns überprüfbar sein wird.

Nicht zuletzt das Beispiel des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg hat verdeutlicht, wie schnell heute Schwachstellen im Lebenslauf aufgedeckt werden können. Vermutlich gab und gibt es bei jedem von uns Äußerungen oder Handlungen, über die wir liebend gerne den Mantel des Vergessens breiten würden. Ob das in Zukunft noch möglich sein wird, ist megr als fraglich. Ein kleiner Trost ist sicherlich, dass sich Peinlichkeiten in jeder Web-Vita finden werden.

Vielleicht sind sie dann eines Tages nichts weiter als ein öffentliches Indiz für die Glaubwürdigkeit und Echtheit des Lebens, für das das Internet nichts als ein Spiegel bleibt. So viel Zeit wir auch im Web verbringen, so viel unserer Kommunikation wir auch ins Internet verlegen, so viel Informationen über uns auch in weltweiten Netzen zu finden sind, das wahre Leben findet dort statt, wo wir direkt und unmittelbar mit Menschen zusammentreffen.

Im unmittelbaren Miteinander liegt der kostbarste Maßstab unserer Person begründet, das Fundament einer Wertschätzung, auf das wir uns jenseits aller virtuellen Reputation zurückziehen können und dürfen. Dass dieses Fundament nicht beschädigt wird, dass unsere Freunde zu uns stehen und unsere Familie uns liebt, das ist entscheidend und liegt unmittelbar in unserer Hand.

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