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Warum der Brexit zwingend war

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCOTLAND BREXIT
Andrew Linscott via Getty Images
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Der Schock war groß bei meinen kontinentaleuropäischen Freunden. Wie konnten sie es wagen, diese Briten? Einfach so aus der Europäischen Union auszuscheiden, und das auch noch mit Volkes Stimme. Nun, wer sich hierüber wundert, beweist nur eines: Er hat keine Ahnung.

Die Briten wurden gelinkt

Britannien und Europa, es war ein Missverständnis vom ersten Moment an. Die Briten wünschten, in einen sich entwickelnden Binnenmarkt einzutreten. Sie wollten aber gewiss nicht eines Tages als Bundesland eines europäischen Superstaates enden, der von Brüssel aus den ganzen Kontinent regiert. Doch genau dahin ging die Reise dessen, was einst die "Europäische Gemeinschaft" war und später dann die "Europäische Union".

Ein trojanisches Pferd

Die Idee, so etwas wie "Vereinigte Staaten von Europa" zu schaffen ist eine Idee, die weit vor den zweiten Weltkrieg zurückreicht. Es war eine Art ideologische Gegenbewegung zu den sich damals stark formierenden Nationalismen. Die EU von heute ist also weder Zufall noch Betriebsunfall, sie ist die Folge einer Ideologie. Das muss nicht schlecht sein. Doch den Protagonisten war vom ersten Moment an klar, dass kein europäischer Staat seine eigene Abschaffung als souveräne Nation gut finden würde - abgesehen vielleicht von manchen Deutschen aufgrund von Hitlers Schandtaten. Also packte man die Idee des europäischen Superstaates in das Mäntelchen der wirtschaftlichen Verflechtung, die in vielerlei Hinsicht Sinn machte.

Die trauen sich das sowieso nicht

So traten die Briten 1973 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bei und nicht der EU, irgendwie sicher, dass die Kontinentaleuropäer das mit dem europäischen Superstaat schon nicht so ernst meinen würden. Taten sie aber. Von Kohl über Mitterand bis Schulz und Juncker betrieben die kontinentaleuropäischen Eliten das Projekt der "immer engeren Union", vorbei an ihren Völkern und zielstrebig mit großer Hast. Den Briten dämmerte das schon 1990, was in Premierministerin Margaret Thatchers berühmten "No! No! No!" seine klare Ablehnung fand. Die Briten haben also jetzt 26 Jahre nach Thatchers Dreifach-No dieses besiegelt. Wer sich darüber wundert, dem ist nicht zu helfen.

Was jetzt passiert

Folgendes wird nun passieren: Wenn die im Herbst neu aufgestellte britische Regierung klug handelt, wird sie entweder einen guten Handelsdeal mit der EU erreichen oder der NAFTA beitreten, dem nordamerikanischen Freihandelsraum. Vielleicht bilden die Briten sogar eine ganz neue Freihandelszone der angelsächsischen Länder mit den USA, Kanada, Australien und Neuseeland. Man wird sehen. Doch eines ist für alle ideologisch nicht verblendeten Beobachter klar: die Briten werden es dabei besser haben als in der maroden EU, die eingeklemmt zwischen Binnenmarkt und Superstaatideologie durch die Gegend taumelt.

Die einzige echte Gefahr

Die einzige reale Gefahr für Britannien ist derzeit nur ein erneuter Abspaltungsversuch der Schotten. Dabei ist jedoch eines zu berücksichtigen. Die ach so große Sehnsucht der Schotten nach "Independence" kam nach Jahrhunderten der friedlichen Koexistenz mit den Engländern im Vereinigten Königreich erst just in jenem Moment auf, als in der Nordsee, in schottischen Gewässern, Öl gefunden wurde. Es geht bei der Sehnsucht nach schottischer Unabhängigkeit also weniger um Nationalstolz als um Petrodollars, also das Geld aus den Öleinnahmen. Nur sind diese endlich, weil das Nordseeöl endlich ist - und so auch der Traum von einem souveränen Schottland. Denn ohne die Öl-Dollars wäre Schottland in etwa so attraktiv wie Sibirien und so wohlhabend wie Südsudan. Das Schotten-Risiko ist also eines, bei dem der Zeitfaktor die Hauptrolle spielt. Man muss die Schotten in der Union mit England, Wales und Nordirland halten, bis das Öl zuneige geht. Dann hat es sich mit den Unabhängigkeitsträumen.

Und der Rest der EU?

Der EU als Ganzes droht jetzt eine Zukunft als Untoter der Weltgeschichte. Die etablierten Institutionen werden nominell weiterbestehen, aber sie werden immer weniger ernst genommen werden. Die ersten Anzeichen sehen wir bereits heute. Am Ende wird gerade die EU-verliebte deutsche Politik dastehen wie einst der Kaiser im Märchen: nackt. Es wird spannend, wie sich Deutschland dann positioniert. Aber das ist ein anderes Thema.

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