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Wahlen im Iran: Das passiert dort gerade wirklich!

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IRAN ELECTIONS
Reuters Photographer / Reuters
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Wenn am Freitag in der Islamischen Republik Iran ein neuer Präsident gewählt wird, hält man als Sicherheitsberater regelmäßig die Luft an, und das obwohl der Präsident des ölreichen Landes zwischen Kaukasus und Indischem Ozean nur eine Art Verwalter ist.

Die wahre Macht im Iran liegt beim auf Lebenszeit eingesetzten "Revolutionsführer", einem greisen Ayatollah namens Ali Khamenei, der ihm unterstellten Justiz und den ihm unterstellen bewaffneten Kräften aller Art.

Doch auch ein Präsident ohne allzu viel Macht kann wirken, zumal die sechs Kandidaten, die aus weit über eintausend Bewerbungen zugelassen wurden, vom "Führer" (Rahbar), so der korrekte Titel des Ajatollahs, handverlesen worden sind. Ex-Präsident Mahmud Ahmadinejad, den die deutsche BILD liebevoll "Den Irren von Teheran" nannte, durfte übrigens nicht mehr antreten.

Er war beim "Führer" in Ungnade gefallen. Doch trotz all dieser Limitierungen ist es spannend, wer mit dem Titel "Präsident" für den "Führer" quasi den Ministerpräsidenten spielen darf.

Fernsehduell mit Gebet

Denn auch sechs handverlesene Kandidaten können in vielen Dingen anderer Meinung sein. So gab es, wie man es aus dem Westen kennt, auch Fernsehduelle der Kandidaten und, fast vorbildlich, festgelegte Werbezeitkontingente für jeden Kandidaten - der Chancengleichheit wegen.

Gut, man muss zugestehen, dass es den westlichen Beobachter etwas befremdet, wenn vor einem solchen TV-Duell erst einmal ein Mullah gefühlte Ewigkeiten Gebetsgesänge anstimmt, aber im einem "Gottesstaat" muss das wohl so sein. Das alles sind erst einmal positive Aspekte - wäre da nicht das Volk, dass in dieser gesteuerten und gefilterten Wahl über die sechs Herren tatsächlich "frei" abstimmen kann.

Die Iranerinnen und Iraner können damit wenigstens ein Zeichen setzen, ob es ganz radikal islamisch zugehen soll oder nur radikal. Um ein auf Deutschland übertragenes, hinkendes Beispiel zu nehmen: ob ein konservativ-liberaler AfD-Kandidat gewinnt oder die Springerstiefelseite der NPD. Eine Auswahl also, immerhin. Doch die jüngsten Umfragezahlen lassen einen ratlos zurück.

Es regieren Neid, Gier und Ungeduld

Denn einerseits ist der sich um die Wiederwahl bewerbende Mullah Hassan Rohani in allen verfügbaren Daten der beliebteste Poltiker des Iran. Andererseits wackelt seine Wiederwahl, obwohl er den Iran aus den Sanktionen herausverhandelt und in die Weltgemeinschaft zurückgeführt hat.

Weiterhin als sicherheitspolitisch höchst problematisches Land, aber immerhin. Auch nach innen hat er mehr Freiheiten geschaffen. Weniger als gerade von den Frauen erhofft, aber auch hier: immerhin. Die Iraner nehmen ihm offenbar übel, dass die Wirtschaft - abgesehen von Öl und Gas - zwar wieder wächst, aber dass die Arbeitslosigkeit nach wie vor auf Rekordhoch ist.

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Das geht zum guten Teil auf die Rechnung des "Irren von Teheran", ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass der Iran eine sehr junge und gut ausgebildete Population hat, die auf eine Wirtschaft stößt, die Ewigkeiten unter Sanktionen stand und sich zum guten Teil in der Hand von "Stiftungen" der Revolutionsgarden befindet.

Dort geht es den Revolutionswächtern weniger um Glaubensfragen, sondern und Dollar und Euro. Präsident Rohani ist zwar Geistlicher, aber einen Zauberstab hat auch er nicht. Doch die Iraner, die mit der Erfahrung leben, dass es ihnen gelang, eine 3000 Jahre alte Monarchie zu stürzen, sind gnadenlos mit ihren Politikern - nicht nur umgekehrt.

Pragmatismus? Nicht im Iran!

Wenn es streng nach den Regeln von Logik und Wahrscheinlichkeit gehen würde und nicht nach dem wilden Bauchgefühl eines offenbar sehr anspruchsvollen Volkes, müsste der Bürgermeister von Teheran gewinnen. Mohammad Bagher-Ghalibaf ist kein Geistlicher, hat seinen Weg in die Politik über das Militär und die Revolutionsgarden gefunden und war Polizeichef.

Einer jener Gesellen, mit denen man sich besser nicht anlegt. Der 55jährige ist aber vor allem eines: hoch talentiert. Er klopft keine religiösen Sprüche, sondern hat in den Jahren als Bürgermeister der 10-Millionen-Einwohner Hauptstadt bewiesen, dass er es schafft, eben diese ins 21. Jahrhundert zu katapultieren.

Oder um es einfacher zu sagen: der Mann hat zwar, wie die meisten anderen Kandidaten auch, Blut an den Händen, aber er ist ein unglaublich guter Manager. Würden die Deutschen ihm den Flughafen Berlin übergeben, wäre am 1. Oktober Einweihung. Dazu kommt noch, dass der Mann aussieht wie ein Europäer.

Auf Jugendbildern sogar wie ein Amerikaner. Gerüchte besagen, sein wahrer Vater könnte einer jener vielen US-Berater gewesen sein, die in den 1950ern und 1960ern im Iran massiv vertreten waren. Blond, blauäugig, schnittig, mit klarer Sprache, respektvoll im Ton gegenüber Frauen, pragmatisch, humorvoll, mit sozialpolitischer Ader und dem erbrachten Beweis, dass er ein Gemeinwesen managen kann, müsste er eigentlich in den Umfragen führen. Tut er derzeit allerdings nicht.

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Schaut man in die Dossiers, wird klar warum. Das Volk beneidet den hemdsärmligen Macher, sie verübeln ihm zudem, dass er irgendeinem Schwippschwager einst geholfen haben soll, ein günstiges Grundstück zu erwerben.

Ein lächerlicher Vorwurf bei einer Kandidatenriege, wo einer der Bewerber, ein Mullah namens Raisi sogar für Massenhinrichtungen verantwortlich war. Hier gelangt man an einen Punkt, an dem man als Außenstehender auch mit viel Sachkenntnis die Dinge nicht mehr vesteht.

Nach allen Regeln der Logik, also wenn man die in Umfragen gemessenen Hoffnungen und Wünsche der Menschen den Kandidaten gegenüberstellt, müsste Herr Bagher-Ghalibaf die Wahlen haushoch gewinnen. Doch der Neidfaktor und der Schwippschwager scheinen dies zu verhindern. Hier endet die Erklärfähigkeit des Experten.

Noch eine nette Kleinigkeit für die Deutschen

Keine wirklichen Chancen auf einen Wahlsieg scheint ein siebzigjähriger Hardliner namen Mostafa Mirsalim zu haben. Für den Iran ist das kein Beinbruch, der Mann ist unheimlich und gilt Beobachtern seit 35 Jahren als Mann fürs Grobe innerhalb des Regimes und als direkter Handlanger des "Führers".

Nett ist allerdings ein ziemlich gut gesicherter Umstand, dass dieser Ultragläubige nach Recherchen deutscher Kollegen einen etwa gleich alten Neffen in Deutschland zu haben scheint, der irgendwo im deutschen Süden jahrelang eine gut gehende Diskothek betrieben hat, die für alles bekannt war wogegen der asketisch-fromme Präsidentschaftskandidat Mirsalim wettert.

Wie geht es aus?

So wird sehr wahrscheinlich selbst in einem Land mit viel größeren Problemen der Schwippschwagerfaktor verhindern, dass der einzige wirtschaftlich fähige Kandidat vermutlich verlieren wird und am Ende wieder ein Mullah in den Präsidentenpalast einzieht. Die westlichen Länder werden das Ganze so oder so kommentieren und auch bald 40 Jahre nach der islamischen Revolution im Iran nicht verstehen, dass der Präsident für sie uninteressant ist.

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Richtig spannend wird es erst, wenn der greise "Führer" stirbt. Denn dann, erst dann, entscheidet sich das weitere Schicksal des Iran und all der Ländern in denen er mit seinen Filialen wie der Hisbollah Chaos und Unruhe stiftet.

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