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Vergesst Fake News: Das wahre Problem ist ein ganz anderes

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bugphai via Getty Images
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Was glauben Sie, liebe Leserinnen und Leser, welche Mittel heutzutage ein halbwegs begabter "sozialer Ingenieur" benötigt, um das Leben eines Menschen zu beenden?

Ich meine damit nicht die physische Existenz - wobei dies durch einen Suizid im schlimmsten Fall auch noch folgen kann - sondern die Vernichtung des kompletten sozialen Lebens: Familie, Beruf, Freunde, Kreditfähigkeit und so weiter?

Es ist das Streuen eines Vorwurfs aus dem Arsenal der "drei unheilbaren Taten" auf kaum mehr als drei sozialen Knotenpunkten des Internets, die für jeden Staatsanwalt der zivilisierten Welt so unerreichbar sind wie der Andromedanebel.

Sie denken, ich übertreibe! Keineswegs

Als wäre das nicht schon erschreckend simpel genug, kommt noch hinzu, dass der "soziale Ingenieur" dafür kaum mehr als 90 Minuten benötigt, um Sie öffentlich zu erledigen.

Technische Voraussetzungen: ein internetfähiges Gerät mit Browser, ein öffentliches WLAN (ggf. genügt als Sicherheit sogar ein Internetcafé, auch wenn diese von den Diensten gut überwacht werden) und das nötige Know-how, was man wo wie wann platzieren muss.

Selbstverständlich schadet eine ordentliche Portion Psychopathie auch nicht, denn der "soziale Mord" ist in seinen Konsequenzen sehr nahe an seine physischen Vetter.

Aber man kann sich doch wehren...?

Opfer solcher Attentate gegen ihre bürgerliche Existenz haben nach dem ersten Schock als ersten Impuls das, was sie noch aus ihrer analogen Kindheit oder Jugend kennen: man geht zur Polizei, nimmt sich einen Anwalt und dann lässt sich das bestimmt irgendwie geradebiegen.

Außerdem gibt es in der Europäischen Union auch noch das "Recht auf Vergessen" bei Google und anderen Diensten. Das wird doch sicher zu regeln sein... Nein. Wird es nicht.

Nein, Sie sind erledigt!

Nun, das mag in Fällen gelten, in denen Sie es mit blutigen Amateuren zu tun haben. Wer Opfer "sozialer Ingenieure" wird, die so vorgehen wie oben beschrieben, hat nicht einmal den Hauch einer Chance, sich rechtlich zu wehren.

Die Täter tarnen sich gut, die Informationen über Sie sind geschickt gewählt, die Verbreitungsknoten sitzen wie mit atomwaffensicherem Beton geschützt grandios getarnt im Ausland - und die netten Menschen von Google mit seinem 90% plus X Marktanteil nehmen das EU-Recht, nennen wir es mal... "sportlich".

Da die Täter in aller Regel die thematischen Schnitte gegen ihre Opfer so setzen, dass das sozial-mediale Attentat nicht auf den ersten Blick als solches erkennbar ist, wird Google erfahrungsgemäß gar nichts löschen.

Es sei denn, Sie haben im Lotto gewonnen und verklagen den Datengiganten direkt in den USA auf ein Schmerzensgeld in der Höhe von Fantastilliarden. Kann niemand, macht keiner, weiß Google.

Es muss doch einen Ausweg geben?

Wer Opfer eines sozialen Attentates geworden ist und irgendwann bemerkt, dass es tatsächlich keine Handhabe dagegen gibt, stürzt oft in Verzweiflung. Ohne jede Ironie ist deswegen wichtig, diese Menschen zunächst einmal seelisch zu stabilisieren.

In einem zweiten Schritt muss der Geschädigte lernen zu akzeptieren, dass es keinen Weg zurück gibt. Die einzigen Mittel, die bei "sozialen Attentaten" helfen, sind Strategien der Vorwärtsverteidigung. Was das im Einzelfall bedeutet, das muss man im Einzelfall analysieren und entscheiden.

Wichtig ist jedoch nicht zu versuchen, selbst mit den Tätern Kontakt aufzunehmen. Das macht es erfahrungsgemäß nur noch schlimmer.

Vielmehr müssen maßgeschneiderte Lösungen entwickelt werden, um das "soziale Attentat" im relevanten Umfeld in geeigneter Weise zu thematisieren - und zwar so, dass man nicht auch noch glaubt, Sie litten als Opfer an Verfolgungswahn.

Niemand sagt, dass es leicht wird.

Ein langer, steiniger, schmerzhafter Weg wartet auf das Opfer, aber man kann mit geschickten Maßnahmen wenigstens Teile des Ansehens und der bürgerlichen Würde wieder herstellen. Das ist schon die halbe Miete, denn das Opfer eines "sozialen Attentats" wird von anderen Menschen nicht ins Gesicht gesagt bekommen, dass es "unten durch" ist.

Vielmehr werden sich die Reihen der Freunde und Bekannten still lichten, die Kinder in der Schule seltener zu Geburtstagen eingeladen werden, Bewerbungen auf Anstellungen werden im Sande verlaufen, Kredite nicht gewährt werden und der eine oder andere Nachbar wird aufhören Pakete für Sie anzunehmen, wenn Sie außer Haus sind.

Deswegen ist auch eine teilweise Rehabilitation schon ein Gewinn.

Die Politik muss endlich durchgreifen!

Letztendlich ist es die Schuld der Politik, dass existenzvernichtende "soziale Attentate" auch jetzt, in diesem Moment jederzeit möglich sind.

So müsste es Gesetze geben, die dem Staatsbürger eines Landes das Recht geben, unwahre Behauptungen ohne das Ermitteln des Täters in Suchmaschinen per lokalem Gericht auf dem "kleinen Dienstweg" schleunigst aus den Suchergebnissen der jeweiligen nationalen Sprachversion der Suchmaschinen entfernen zu lassen.

Ferner stellt sich die Frage, ob es eine Gesellschaft ertragen will, dass ein Gigant weit über 90% des Suchmaschinenmarktes beherrscht und damit das, was über Sie gefunden wird - oder eben auch nicht. Vor allem aber müssten gezielte "soziale Attentate" zur Beschädigung oder Zerstörung der bürgerlichen und wirtschaftlichen Existenz mit einem eigenen Straftatbestand im Strafgesetzbuch gewürdigt werden.

Mit Beleidigung, übler Nachrede usw. ist es bei dieser komplett neuen Art der Internetkriminalität bei Weitem nicht getan.

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Ein guter Rat!

Glauben Sie nicht alles, was über andere Menschen im Internet steht. Das betrifft auch allgemein als seriös geschätzte Seiten. Ein "sozialer Ingenieur" mit bösen Absichten kann auch diese in den zuvor genannten 90 Minuten problemlos infiltrieren, und das auch noch unmoralisch, aber legal. Sollte Sie ein solches "soziales Attentat" ereilen, dann verfallen Sie als Opfer nicht in Panik und Hast.

Das wäre das Schlimmste und Falscheste. Lassen Sie ihre juristischen Möglichkeiten ausloten, und wenn diese - wie häufig bei professionellen "sozialen Attentaten" - ins Nichts führen, dann wenden Sie sich in Ruhe und Besonnenheit auch an "soziale Ingenieure".

In diesem Fall an die Guten, die den Bösen mit ihren eigenen Waffen das Leben schwer machen können. Richten Sie sich aber auf jeden Fall auf einen langen und harten Weg ein.

Vor allem aber, geben Sie niemals mehr im Internet von sich preis, als unbedingt nötig ist. Das schützt zwar nicht vor einem "sozialen Attentat" gegen Sie, es macht den Tätern aber die Arbeit deutlich schwerer.

Passen Sie gut auf sich auf! Heutzutage mehr denn je.

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