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Staatliche Autorität und Zukunftsperspektiven

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Frank Rossoto Stocktrek via Getty Images
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Ja, es täuscht nicht, rund um den Globus herrscht derzeit ein Maß an Chaos, das schon recht bemerkenswert ist. Auf allen Erdteilen gibt es bewaffnete Konflikte, tribale Tendenzen deuten auf eine Auflösung von Staatlichkeit in erschreckend vielen Ländern. Unruhen selbst in Europa und ein Rückfall in längst vergessen geglaubte Auseinandersetzungen dominieren die Nachrichten. Papst Franziskus, ein kluger Mann, sprach mehrfach von einer Art drittem Weltkrieg, in dem sich die Menschheit befände. Sicherheitsfachleute sehen eher eine Neuauflage des Dreißigjährigen Krieges, vor allem im Nahen Osten.

Viel relevanter noch: Jene Weltgegenden, in denen derzeit die blutigsten Konflikte stattfinden, haben eines gemeinsam; und zwar ein niedriges Durchschnittsalter der Bevölkerung. Schon vor gut zwanzig Jahren hatte Samuel Huntington in seinem Bestsellerbuch "Kampf der Kulturen" herausgearbeitet, dass die Kriegsanfälligkeit eines Volkes eng mit dem Durchschnittsalter der Bevölkerung korreliert. In der Sicherheitsszene gilt dies als gesetzt. Junge Individuen, vor allem männliche im Alter von 15 bis 30 Jahren, neigen - sind sie eine starke demoskopische Kohorte - zu gewaltätigem Agieren, vor allem wenn sie keine verlockende Zukunftsperspektive sehen.

Vergleicht man also die Weltkarten der Altersverteilung und der bewaffneten Konflikte, so findet man eine frappierende Übereinstimmung. Die Fakten stimmen mit der Theorie Huntingtons überein, auch wenn es bedauerlich ist. Selbstverständlich kann es auch abseits dieser Konstellation zu lokalen Konflikten kommen, wenn besondere örtliche Faktoren eine Wirkung entfalten. Der Krieg in der Ukraine zählt am ehesten zu dieser Kategorie von Ausnahmen. In der Ukraine fehlt aber die kritische Masse an jungen, frustrierten Männern, so dass der Krieg dort einfrieren wird, wenn er nicht künstlich angeheizt wird. Ganz anders im Nahen Osten und in Nord- und Zentralafrika: Dort ist gibt es eine riesige Kohorte soziodemographischer Konfliktträger. Hier hilft nach aller Erfahrung nur das "System Singapur", ein Mix aus einem autoritären Staat und echten wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven. Das hört sich für westliche Ohren schlimm an, entspricht aber den Fakten. Grundsätzlich wissen wir also, dass blutige Konflikte dort am heftigsten entzünden können, wo immer es demographische Cluster der Alterklasse von 15 bis 30 gibt. Übrigens traf dies auch auf Europa am Anfang des 20. Jahrhunderts zu.

Es gilt jetzt also für Regierungen weltweit, eine Mischung aus Hoffnung und Autorität zu kultivieren. Dies wird die Probleme und Kriege nicht einfach wegpusten, aber ein besseres Rezept gibt es nicht. Die Staatlichkeit muss sich Respekt verschaffen, um eine weitere Tribalisierung zu vermeiden. Die Zusammenbrüche der Staatsgewalt nach dem Muster von Ländern wie Somalia, Sudan, Jemen, Libyen, Syrien usw. darf sich nicht fortsetzen, sonst bewegen wir uns in Richtung eines neuen Mittelalters.

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