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Muss die Presse wehrhaft sein?

25/08/2015 18:08 CEST | Aktualisiert 25/08/2016 11:12 CEST
mediaphotos via Getty Images

Hört man von Verstößen gegen die Pressefreiheit, denkt man an Länder wie China, den Iran oder Simbabwe. Zurecht, denn dort setzt man sich der Gefahr staatlicher Repression aus, wenn man schreibt, was man denkt. Aber wie ist das eigentlich in Deutschland?

Alles gut? Wirklich?

Wie sieht es hierzulande ganz praktisch aus, wenn man direkt an der "Front" arbeitet. Da verschwinden schon mal Sendungen aus öffentlich-rechtlichen Archiven, weil der Sender nach öffentlicher Kritik "Einsicht" zeigt.

Drohen also hierzulande vielleicht ganz andere Gefahren für das freie Wort? Im Gespräch mit Roswitha Müller-Schenkenbrink sind wir dieser Frage nachgegangen.

Roswitha Müller-Schenkenbrink (73) ist die Chefredakteurin von Psychologie aktuell und steht einer demokratisch organisierten Redaktion vor. Sie vertritt die Meinung, eine freie Publizistik könne es im digitalen Zeitalter nur geben, wenn sie wehrhaft ist.

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Attila Schmidt: Ihre Redaktion publiziert Bücher, Artikel, Kommentare und ist im Bereich Social Media aktiv. Wie frei fühlen Sie sich dabei?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Persönlich fühle ich mich so frei, wie es mein Beruf, mein Mann, meine Kinder und Enkel zulassen - ich bin die Gefangene meines Mutterinstinkts. Aber darauf wollten Sie sicher nicht hinaus. Die Redaktion, die ich leite, ist als Kollektiv organisiert und damit ein ziemlich chaotischer Haufen ganz wunderbarer Köpfe.

Attila Schmidt: Kollektiv hört sich sehr nach den 1970ern an. Absicht?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Falsch, die große Zeit der Kollektive waren die 60er. Aber ja, genau da knüpfen wir an. Die Arbeitswelt hat sich gewandelt, zumal in der Publizistik. Wer heute einen klassischen Verlag gründet, der muss genial oder verrückt sein. Am besten beides. Es ist zwar ungleich komplexer und nervenaufreibender ein kollektiv unabhängiger Menschen zu führen, aber es passt in die Zeit.

Attila Schmidt: Also ein Dach unter dem sich freie Autoren gemeinsam stützen?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Genau das. Wir haben das in einer ganz anderen Industrie abgeschaut. Mein Mann war früher bei der PAN AM tätig. Die älteren Leser werden sich noch erinnern. Das war die bedeutendste Airline der Welt. Bis sie daran pleite ging, alles selbst machen zu wollen. Nach ihrem Konkurs begann die Zeit der Luftfahrtallianzen, auch Kollektive und allesamt erfolgreich. In der Politik sehen wir dasselbe in Form der EU. Auch ein Kollektiv...

Attila Schmidt: Nur weniger erfolgreich!

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Das ist wohl wahr. Hoffen wir, dass wir als Redaktionskollektiv weniger stümperhaft zu Werke gehen.

Attila Schmidt: Dann müssten Sie sich doch in Deutschland, dem Land der freiheitlichen Grundordnung, auch frei fühlen zu schreiben was sie wollen.

Roswitha Müller-Schenkenbrink: In der Tat haben wir keine Angst, dass morgens eine Zensurbehörde bei uns anruft. Da haben Sie recht. Aber ich mache mir trotzdem große Sorgen um die Freiheit der gesamten Publizistik.

Attila Schmidt: Weshalb? Gibt es politische Initiativen, die Ihnen Kopfschmerzen bereiten?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Das nun nicht. Da gibt es ab und zu Getöse wegen irgendwelcher Geheimdienstgeschichten. Die wahre Gefahr ist aber eine ganz andere. Wenn Sie kein Mediengigant wie Burda, Bertelsmann oder Springer sind, mit riesigen Rechtsabteilungen, dann droht Ihnen Gefahr von Rechthabern mit zu viel Tagesfreizeit. Der nächste Shitstorm ist immer nur einen Klick entfernt - und jeder Schwachkopf kann heute seinen Nonsens in sekundenschnelle weltweit verbreiten.

Attila Schmidt: Meinen Sie so etwas wie Putins Troll-Armee?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Ach was, als psychologische Redaktion ist uns Herr Putin schlicht egal. Das Problem ist, wenn junge Autoren die Zensurschere im eigenen Kopf gebrauchen, weil sie Angst haben, dass sie damit unschöne Reaktionen in den sozialen Medien hervorrufen könnten.

Attila Schmidt: Also eine Selbstzensur aus Angst vor dem Shitstorm.

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Es muss noch nicht mal ein voller Shitstorm sein. Sie bekommen eine junge Kollegin schon verunsichert, wenn ein Leser sie trollt, wie das ja so unschön auf neudeutsch heißt. Es gibt Leute, die das wissen. Denen muss man Einhalt gebieten. Im Zweifel haben wir solchen kranken Gestalten auch schon mal einstweilige Verfügungen am Arbeitsplatz zustellen lassen. Sie glauben gar nicht, wie wirksam das ist!

Attila Schmidt: Hilft nicht einfaches Ignorieren?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Nein. Da muss man verhaltenstherapeutisch ran: ordentlich eins auf die Finger. Nur so lernt der durchschnittliche Bully. Das sind zum Teil pathologische Charaktere, die da unterwegs sind und sich in der vermeintlichen Anonymität des Internets sicher fühlen. Das gilt auch für selbsternannte Interessengruppen, die meinen die Welt würde erst lebenswert, wenn ihre Ideologie herrscht. Furchtbar diese Leute, egal aus welcher Richtung. Dieses Radikale, das greift immer mehr um sich. Jeder will 100% Recht haben. Aber so funktioniert die Welt nun einmal nicht.

Attila Schmidt: Regen Sie sich über solche Tendenzen ernsthaft auf?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Nein, nicht als Mensch. Wenn Sie so alt und erfahren sind wie ich, perlt so etwas rückstandsfrei an Ihnen ab. Aber denken Sie an die vielen jungen Autoren. Um die mache ich mir wirklich Sorgen. Wir haben zum Teil so wunderbare junge Frauen, die toll schreiben können. Die machen dann einen Rückzieher, wenn sie drei Hassmails oder böse Nachrichten auf ihrer Facebookseite hatten. Das ist schlimm, denn es provoziert eine Selbstzensur, ein Beschneiden der eigenen Kreativität und den Mut zur Lücke.

Attila Schmidt: Nehmen Sie das einfach nur hin? Oder gibt es Initiativen dagegen?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Das Problembewusstsein für diese schleichende Art der stillen Zensur durch jene, die am lautesten schreien können, das existiert meiner Erfahrung nach noch nicht. Aber man kann selbst etwas tun. Eine meiner ersten Handlungen als Chefredakteurin war die massive Aufstockung unserer juristischen und investigativen Ressourcen.

Attila Schmidt: Was kann man sich darunter vorstellen?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Als Chefredakteurin eines kleinen Hauses muss ich meinen Autoren Schutz bieten können. Und dafür muss man auch eine Kavallerie haben, die ausreiten kann, um für Ordnung zu sorgen.

Attila Schmidt: Das klingt nicht sonderlich sanftmütig.

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Ist unser Thema heute der Sanftmut? Ich dachte wir sprechen über die Pressefreiheit. Und da sage ich klar, dass diese wehrhaft verteidigt werden muss, auch gegen einzelne Querulanten. Es gibt zunehmend Menschen da draußen, die glauben, Demokratrie herrsche erst dann, wenn alle ihrer Meinung sind. Diese Typen sind eine echte Gefahr, denn sie müllen den digitalen Diskurs zu, teils mit offensichtlichem Sadismus.

Attila Schmidt: Das sind harte Worte!

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Die Realität ändert sich nicht durch das Ignorieren derselben! Ich kann eine Jungautorin nun einmal nur ruhigen Gewissens auf die Menschheit loslassen, wenn sie weiß, dass hinter ihr ein paar Starke Kerlinnen und Kerle stehen, die sie im Notfall auch ordentlich beschützen.

Attila Schmidt: Also ein freier Schutzraum durch Verteidigungsfähigkeit?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Genau das. Kreativität kann nur gedeihen, wenn man nicht ständig über die Schulter schauen muss, ob da eine sonderbare Gestalt steht.

Attila Schmidt: Jetzt habe ich Angst vor Ihnen!

Roswitha Müller-Schenkenbrink (lacht): Ich bitte Sie! Machen Sie sich nicht lächerlich!

Attila Schmidt: Dann verbuchen wir es mal auch als eine Art von Mutterinstinkt auf einer anderen Ebene?

Roswitha Müller-Schenkenbrink: Von mir aus. Man muss aber nicht für alles ein Etikett haben.

Attila Schmidt: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch fand am 21.08.2015 in Berlin statt.

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