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Internet? Das war gestern!

15/06/2017 11:36 CEST | Aktualisiert 15/06/2017 11:36 CEST
kasto80 via Getty Images

Es stimmt schon. Ohne einen Internetzugang würden Sie diesen Artikel nicht lesen können. Doch das Internet - wie wir es kannten - löst sich vor unseren Augen auf. Der freie, offene und egalitäre Marktplatz der Ideen, des Irren, des Abgründigen, aber vor allem des Innovativen ist schon heute Vergangenheit. Das hat Gründe und es hat weitreichende Konsequenzen:

1. Ein Datenmüllhaufen in schickem Design

War ein professioneller Auftritt im Netz noch bis in die späten Nullerjahre eine Frage des Geldbeutels, so kann sich heute jeder noch so bildungsferne Mitmensch eine richtig tolle Webseite basteln oder einen professionell wirkenden Onlineshop für ein paar Cent eröffnen.

Das Internet hat sich auf diese Weise zwar wunderbar demokratisiert, aber es sind auch die optischen und technischen Unterscheidungsmerkmale verlorengegangen.

Wir stehen heute vor einem riesigen Berg Datenmüll, graphisch hübsch, aber inhaltlich hohl. Es könnten 90% der Inhalte aus dem Netz veschwinden, Sie würden nichts vermissen.

2. Das Smartphone als Webkiller

Die Zahlen sind eindeutig: immer mehr Menschen gehen oft oder nur noch über Smartphones ins Internet. Je ärmer die Menschen oder Gesellschaften, desto drastischer ist dieser Effekt. Nun bekommt man über eine an ein Smartphone adaptierte Seite allerdings vielfach weniger Informationen transportiert als über einen klassischen Monitor.

Webdesigner und Inhaltsverantwortliche stehen damit vor dem Problem, Inhalt gegen adaptive Optik einzutauschen. Gleichzeitig ist das klassische Surfen, Vergleichen, Aufsichwirkenlassen mit dem Smartphone schwer machbar.

Es gibt es einfach nicht her. Hierdurch verlieren Webseiten zwangsläufig an inhaltlicher Tiefe.

3. Die Suchmaschinen Diktatur

Unter Werbern gibt es die "Weisheit", dass alles, was bei Google nicht auf den Seiten ein bis drei ist, im Grunde nicht existiert. Dieser Effekt wird zusätzlich angetrieben durch die Tatsache, dass Google - trotz brauchbarer und ebenso guter Konkurrenz von u.a. Yahoo, Bing, DuckDuckGo, Yandex usw. - in Deutschland einen Marktanteil von weit über 90% hat. In den USA sind es "nur" über 80%.

Doch Monopole, egal von wem, waren noch nie gesund. Nein, es sind nicht Facebook und Twitter, die eine problematische meinungsbildende Funktion einnehmen, wie manche Politiker meinen. Es ist Google mit seinem Suchmonopol und seinen undurchsichtigen Algorithmen.

4. Wilder Westen mitten in der Stadt

Während das Internet immer mehr zur globalen Shoppingmeile wird, zum Ersatz von Fußgängerzone und Einkaufszentrum, bleiben die Regelungen und Gesetze national. Damit sind weiterhin viele Menschen in der Gefahr sich gegen Nepp nicht wehren zu können oder Opfer von Betrügern und Reputationszerstörern zu werden.

In sehr vielen, wenn nicht sogar den meisten Fällen kann man sich kaum juristisch wehren, weil die Übeltäter im Ausland sitzen, unerreichbar versteckt hinter Verschleierungstechniken. Uns ist sogar ein Fall bekannt, in dem eine geprellte Kundin eines marktführenden Internet-Kaufhauses sich nicht mehr anders zu behelfen wusste, als aus Übersee Strafanzeige bei jener Polizeidienststelle zu erstatten, die dem Hauptsitz des Weltkonzerns am nächsten lag.

Die Frau hatte damit verblüffenderweise Erfolg. Aus Gründen, die wir selbst nicht verstehen, fuhr tatsächlich eine Streife zur Weltzentrale von besagtem Internet-Kaufhaus.

Vielleicht war der diensthabende Polizist selbst ein enttäuschter Kunde oder einfach nur Neuem gegenüber aufgeschlossen? Doch dies sind Sechser im Lotto. Normalerweise bleibt man auf seinem Problem ohne professionelle Hilfe sitzen.

5. Inseln des Vertrauens

Aufgrund dieser Gesamtsituation bilden sich nach und nach "Inseln des Vertrauens" im Netz heraus, wo man als Kunde weiß, woran man ist. Diese werden einem von Freunden empfohlen oder von anderen vertrauenswürdigen Unternehmen.

Damit ziehen im Internet Mechanismen ein, die wir älteren Semester kennen: aus der Vor-Internet-Ära. Man bekam Empfehlungen von Menschen und Institutionen, denen man vertraute. Das Internet steuert genau dorthin.

Und das Fazit?

Das Internet mag technisch seine besten Tage noch vor sich haben. Der kreative Raum, der es für die Generation 35+ einst war, ist Vergangenheit.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Rechtsgrundlagen in Zukunft nicht nur den Unternehmen zugute kommen, sondern dass der transnationale Verbraucherschutz endlich auch ernsthaft Formen annimmt.

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