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„Universal Life Church": Das steckt hinter der Internetkirche

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FAITH
Tina Marie Photography via Getty Images
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Jährlich treten der Universal Life Church weltweit über 35.000 neue Mitglieder bei. Insgesamt sollen es deutlich mehr als 20 Millionen Menschen sein, die diesen vielen Leuten unbekannten Glauben anhängen.

Zum Vergleich: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat rund 23 Millionen Mitglieder. Das Besondere an der ULC: Die Universal Life Church akzeptiert, dass ihre Mitglieder auch einem anderen Glauben parallel angehören.

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Diese ultralibertäre Haltung wirkt zunächst einmal verstörend, aber mit diesem Konzept wurde die Universal Life Church die erfolgreichste Internetkirche in den USA. Gegründet unter dem Namen "Life Church" durch Reverend Father Kirby J. Hensley, agierte die Glaubensgemeinschaft zunächst aus der Garage ihres Gründers heraus.

Der Grund, eigene religiöse Wege zu gehen, war Henslys Enttäuschung über die "Pentecostal Church", deren Mitglied er war.

Hensley entschied daraufhin, typisch Amerika möchte man sagen, kurzentschlossen sich mit Fragen des Glaubens ohne fremde Doktrin zu beschäftigen und kam zu dem Schluss, dass "der rechte religiöse Weg für jeden Menschen anders aussehen könne und daher jeder das Recht haben müsse, seine eigenen Glauben frei zu finden".

Wenig Doktrin und manche Wunderlichkeiten


Die libertäre Glaubensdoktrin nach Hensly liegt demnach im Paradoxon der Doktrin der Ablehnung jeder absoluten Doktrin und wird theologisch daher als Metaglaube gesehen. Voraussetzung dafür ist, dass kein Mensch einen anderen für den Glauben seiner Wahl kritisieren darf - und zwar niemals.

Aus seiner Idee wurde eine Realität mit Millionen Mitgliedern weltwelt, die allermeisten davon christlich, jedoch nicht alle. Es gibt durchaus auch recht exotische ULC Abspaltungen, meist eher klein und dafür umso kreativer.

"Freiheit im Glauben ist uns absolut heilig, weswegen die ULC keine Maßregelungen ihrer Kongregationen oder Abspaltungen kennt, auch wenn diese mal wieder etwas Sonderbares tun", erklärt Pastor Julian, zuständig für die Social Media Gemeinde. "Gerade diese Freiheit führt allerdings auch zu Problemen", weiß er zu berichten.

"Unter dem Namen ULC tun einige Menschen sehr merkwürdige, ja sogar moralisch unrechte Dinge, das ist ein Riesenproblem". In der Kritik stünden zurecht einige kleine, aber im Internet besonders aktive Gruppen, die den Namen der ULC für kommerzielle Zwecke mißbrauchen und "allerhand Verrückte Dinge tun, etwa um den Menschen das Geld für irgendwelche Urkunden aus der Tasche zu ziehen", so der Pastor.

Eine echte und vertrauenswürdige ULC-Gemeinde würde man stattdessen daran erkennen, dass sie von niemandem Geld möchte und auch nichts verkauft. "Ein besonderes Ärgernis sind obskure Händler von Belobigungen, Orden und dergleichen, die den Namen der Universal Life Church beschmutzen", erklärt Pastor Julian.

Die Deutsche Kongregation halte es daher mit Jesus, der die Händler aus dem Tempel vertrieb: "Keine Gebühren, keine Verkäufe, kein Geld innerhalb der Gemeinde", erklärt Pastor Julian. "Wir leben vom Ehrenamt und von sonst nichts."

In den 1960ern ein erster Boom


In den wilden 60er Jahren gab es das Gerücht, dass man als Pfarrer der Universal Life Church vor dem Einzug in den Vietnamkrieg verschont bleiben würde. So gab es einen regelrechten "Run" auf die Kirche und viele ließen sich im Schnellverfahren zum Pastor weihen. Ende der 1960er nahm die Kirche deshalb über 100.000 neue Mitglieder pro Monat auf.

Dann wurde es etwas ruhiger um die Universal Life Church, es gab Abspaltungen, innere Spannungen, eben all das Chaos, dass eine liberale Glaubensgemeinschaft quasi schon in der DNA hat.

Erst die legendäre Fernsehserie "Friends" sollte das ändern. Als "Joey" in einer Folge das Amt des Amateur-Pfarrers übernimmt und seine Freunde Monica und Chandler trauen soll, war die Universal Life Church plötzlich wieder auf allen Bildschirmen.

Die Trauung unter Freunden hat damals einen neuen Hochzeitstrend in den USA ausgelöst, der bis heute anhält. Immer mehr Paare lassen sich ich den USA von Freunden und Verwandten trauen statt vom Standesbeamten. Aber so ganz ohne amtliche Korrektheit geht es auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht.

Jeder, der mit guten Absichten im Herzen kommt, ist willkommen.

Da ist es hilfreich, dass die Universal Life Church als Glaubensgemeinschaft voll anerkannt ist und in den USA Zertifikate ausstellen darf, die Laien das Trauen von Hochzeitspaaren ermöglichen. Die ULC lässt sich dafür "gerne" mißbrauchen, denn es passe zur Hauptregel der Kirche: "Tue Gutes", so Pastor Julian. "Klar würden wir uns wünschen, die Menschen kämen nur aus Liebe zu Gott in unsere Gemeischaft. Doch jeder, der mit guten Absichten im Herzen kommt, ist willkommen."

Religionswissenschaftler Dr. Norbert Schramm sieht die Ursache für die rapide wachsende Zahl der Universal Life Church (ULC) Mitglieder im Wunsch nach Individualität, in der Sehnsucht nach dem Transzendenten und der gleichzitigen Ablehnung herkömmlicher Kirchenreligiosität.

"Ich glaube", so Schramm, "dass wir nach dem Abebben der Esoterikwelle eine Rückkehr zu klassischeren Formen des Glaubens beobachten. Doch weniger zu den vermeintlich verstaubten Großkirchen, sondern eher zu kleineren und innovativen Gemeinden. Pastor Julian sieht es pragmatisch: "Uns ist es völlig egal, warum die Menschen ausgerechnet zu uns kommen. Wir freuen uns über jeden und die wahren Beweggründe kennt sowieso nur der Betreffende selbst."

Webtipp: Seite der Universal Life Church (ULC) Deutschland

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